Thierry Lentz, Direktor der Forschungsstiftung „Fondation Napoléon“ in Paris, hat 2013 seiner imponierend langen Reihe von Werken zur Geschichte Frankreichs und Europas eine Darstellung des Wiener Kongresses hinzugefügt. Sie liegt nun auch in deutscher Übersetzung vor.Im Vorwort bezieht Lentz entschieden Stellung gegen die Sichtweise, den Wiener Kongress zu einem Tiefpunkt in der Geschichte Frankreichs und zum Ausgangspunkt einer konservativen Schockstarre des Kontinents machen zu wollen. Er betont im Einklang mit der neueren Forschung, dass diese „größte diplomatische Versammlung aller Zeiten“ ein lange erfolgreich funktionierendes Sicherheitssystem für Europa geschaffen habe. Zu den verzerrten Geschichtsbildern und „Legenden“, gegen die er anschreibt, gehört auch diejenige vom Beginn des preußisch-französischen Gegensatzes am Rhein, der quasi unvermeidlich zu den kriegerischen Konflikten von 1870 und 1914 geführt habe.Der Akzent der Darstellung liegt auf der Politik – zu Recht, denn machtpolitische Rivalitäten und das Ringen um Einflusszonen bestimmten den Gang der Verhandlungen unter den Großmächten. Diese erwiesen sich als hochgradig komplex und kaum planbar, so dass der Kongress um die Jahreswende 1814/15 wegen der preußischen Ansprüche auf Sachsen kurz vor dem Scheitern stand. Doch die Vermittlungsbemühungen der Briten und die Hinzuziehung Frankreichs führten innerhalb weniger Wochen zu einem tragfähigen Kompromiss, und Napoleons Rückkehr nach Frankreich im März 1815 sorgte für einen zusätzlichen Schub bei der Suche nach gemeinsamen Lösungen. Lentz entfaltet das komplette Panorama dieser europäischen Politik, schildert die Interessenlagen der großen Mächte und führt den Leser an wichtige Schauplätze wie die Niederlande, die Schweiz oder, besonders ausführlich, auf die italienische Halbinsel. Die politischen Ver- und Entwicklungen in Wien werden eingebettet in eine breit ausgearbeitete Nachgeschichte zum Zweiten Pariser Frieden und zum „Europäischen Konzert“. Aber natürlich spielt auch die „Bühne“ der Verhandlungen, die kaiserliche Residenzstadt Wien, eine gebührende Rolle: So liest man von Mietpreisen, Straßenbeleuchtung, Kreditlinien, von den Erfolgen Beethovens und natürlich von den großen Festen und den Auftritten der Damen. Wohlgelungen sind auch die Porträts der Spitzendiplomaten, von dem Habsburger Klemens Wenzel von Metternich, dem Briten Viscount Castlereagh, dem russischen Diplomaten Karl Robert von Nesselrode, dem Preußen Karl August von Hardenberg und dem französischen Außenminister Charles-Maurice de Talleyrand. Die Übersetzung liest sich flüssig, ist aber nicht frei von Irrtümern: So werden aus den Gesandten Genfs „Genueser“, und die Marschälle des Kaiserreichs Frankreich finden sich gar zu „Feldwebeln“ degradiert. Die deutsche Version wurde mit neuen Abbildungen und einer Reihe guter Landkarten ausgestattet; der Anmerkungsapparat wurde leicht, das Register deutlich gekürzt. Entfallen sind leider gegenüber dem französischen Original die bequemen Orientierungsmöglichkeiten durch Literaturverzeichnis und Zeittafel. Wer auf der Suche nach einem gut lesbaren, auf der Höhe der aktuellen Forschung stehenden Panorama des Wiener Kongresses ist, dem kann Lentz’ Darstellung nachdrücklich empfohlen werden.





