Der Eindruck hierbei ist zwiespältig. Einerseits bieten die Erfahrungen der kubanischen „Expatriates“ interessante alltagsgeschichtliche Einblicke: Von kratzendem Toilettenpapier bis hin zu dreiwöchigem studentischem „Arbeitsdienst“ bei der Kartoffelernte, Fasching und FKK werden viele Alltagsphänomene der DDR aus kubanischer Perspektive beleuchtet. Die mal in Interview-, mal in Erzählform dargestellten Erfahrungen der Kubanerinnen und Kabaner variieren dabei je nach sozialem Hintergrund und Zeitpunkt des DDR-Aufenthalts, sind jedoch vor allem im Hinblick auf den im Vergleich mit ihrer Heimat deutlich höheren Lebensstandard durchweg positiv. Im Falle der Nacherzählung durch die Autoren ist jedoch nicht ganz klar, wie die Texte entstanden sind.
Andererseits ist gerade das zentrale Thema des Buches, die kubanische Sichtweise auf die DDR, brisant: Durch ihre Herkunft und die Vorauswahl in Kuba spricht aus den Arbeitern und Studenten ein bereits vor der Reise stark gefestigtes Weltbild, ohne dass diese Problematik in den abschließenden Kommentaren von Vogel und dem ehemaligen SED-Funktionär Wolfram Adolphi thematisiert wird. Höchst problematische politische Äußerungen, wie etwa die Verteidigung der Berliner Mauer als „historisch gerechtfertigt“, gehen über den Selbstanspruch der Alltagsgeschichte hinaus, ohne von den Autoren kritisch reflektiert zu werden.
In seinem Kommentar im vorletzten Kapitel beginnt Adolphi unter der Überschrift „Alltag einer vergangenen Zeit“ zunächst mit einer alltagsgeschichtlichen Einfassung der Schilderungen, holt jedoch schnell zum politischen Rundumschlag aus. Er ignoriert geflissentlich die Menschenrechtssituation in dem karibischen Inselstaat, begründet das amerikanische Vorgehen gegen Kuba mit Neid auf dessen sozialen Fortschritt und klagt den „antidemokratischen Antikommunismus“ der BRD an. Der abschließende Beitrag Vogels ist zwar differenzierter und besser auf das Thema abgestimmt, kann aber den Nachgeschmack einer historischen Abrechnung nicht mehr völlig fortwischen. Stattdessen wäre eine ausführlichere Darstellung der Situation in Kuba wünschenswert gewesen, um die Perspektive der Auslandsreisenden besser verständlich zu machen.
Rezension: Alexander Tullius





