Obschon sich die Autorin eine gewisse Grundsympathie für ihre Heldin bewahrt, wird deren vordergründig glänzendes Leben in wesentlichen Teilen als schöner Schein entlarvt. Van Waterschoot van der Gracht war die Tochter eines Amsterdamer Patriziers und der österreichischen Baronesse Josephine Freiin von Hammer-Purgstall und wuchs in verschiedenen Ländern auf, unter anderem auf dem Schloss ihrer Mutter. Gisèle kannte künstlerische Größen wie Max Beckmann und heiratete einen ehemaligen Amsterdamer Bürgermeister.
Die bekannteste Episode aus ihrem Leben betrifft die deutsche Besatzungszeit in den Niederlanden: Damals versteckte sie gemeinsam mit dem deutschen Schriftsteller Wolfgang Frommel in dem Haus Herengracht 401 – nur wenige Fußminuten vom Hinterhaus der Anne Frank entfernt – zwei junge Juden.
Der von ihr maßlos bewunderte Frommel wurde zur Schlüsselfigur ihres Lebens. Der charismatische Schöngeist sammelte in dem Haus – „Castrum Peregrini“, die „Pilgerburg“, genannt – einen Kreis männlicher Bewunderer um sich und propagierte in diesem Zirkel den von dem deutschen Dichter Stefan George entlehnten „pädagogischen Eros“. Hinter der künstlerisch-intellektuellen Verbrämung verbarg sich ein sektenartiges System zum sexuellen Missbrauch von Jungen. Mooijs Recherchen haben wesentlich dazu beigetragen, das Ausmaß von Frommels Taten offenzulegen.
Aufgrund seines Engagements für jüdische Verfolgte während der Besatzungszeit war er nach dem Krieg praktisch unangreifbar. Seine gute Vernetzung in der jungen Bundesrepublik stellte sicher, dass ihm Ehrungen in Serie zuteilwurden. Hier ergeben sich Parallelen zum Leiter der Odenwaldschule, Gerold Becker.
Van Waterschoot van der Gracht – die in dem Buch nur als Gisèle bezeichnet wird – war bei alldem seine Hauptgeldgeberin. Sie selbst wurde in den innersten Kreis des Männerbunds nie vorgelassen, doch zeigen einzelne Briefpassagen, dass ihr durchaus bewusst war, was an der Herengracht vor sich ging. Sie war jedoch eine Meisterin des Verdrängens und Verleugnens, auch vor sich selbst. Fast möchte man sagen, dass eine so fundierte und gut geschriebene Biographie zuviel der Ehre für sie ist.
Rezension: Christoph Driessen
Annet Mooij
Das Jahrhundert der Gisèle
Mythos und Wirklichkeit einer Künstlerin
Wallstein Verlag, Göttingen 2021, 470 Seiten, € 34,–





