Die Nekropole von Theben-West liegt am westlichen Nilufer gegenüber der modernen Stadt Luxor. In dieser ausgedehnten Totenstadt zwischen dem Tal der Könige und dem Tal der Königinnen wurden von der Zeit der 25. Dynastie um 754 vor Christus bis in die Antike hinein vor allem hochrangige Hofbeamte und Würdenträger bestattet. Typisch für diese Zeit war die Wiedernutzung und Erweiterung bereits belegter Grabmäler: „Es gab Eingriffe wie die Öffnung neuer Schächte, die Vergrößerung von Seitenkammern, die Schaffung sekundärer Räume oder die Verbindung zwischen zuvor unabhängigen Strukturen“, berichten Jared Carballo-Pérez und Miguel Ángel Molinero Polo von der Universität La Laguna in Spanien.
TT 209: Eine Grabstätte mit Besonderheiten
Wie diese Mehrfachnutzung von Gräbern in der ägyptischen Totenstadt konkret aussah, haben die beiden Forscher am Beispiel des sogenannten Grabmals TT 209 näher untersucht. Dieses Grab wurde zu Beginn der 25. Dynastie in den Nordhang eines Wadis im Nekropolenbezirk Asasif hineingebaut. „Archäologische Funde legen nahe, dass der ursprüngliche Besitzer dieser Grabstätte ein hoher Beamter nubischer Herkunft namens Nisemro war“, berichten die Archäologen. Wie für diese Zeit üblich besaß die Grabanlage eine monumentale Fassade mit 17 Meter hohen Lehmziegelsäulen und ein von Kalkstein- und Sandsteinblöcken gesäumtes Eingangsportal. Von ihm aus führte eine Rampe und eine Treppe zu mehreren unterirdischen, um zwei zentrale Gänge gruppierten Kammern.
„Auffallend am Grab TT 209 ist die Kombination von ägyptischen und nubischen Grabkomponenten innerhalb dieser typisch thebanischen Architektur“, erläutern die Forscher. Für ihre Studie haben sie das Innenleben einer der Grabkammern von TT 209 untersucht. „Dieser Raum wurde weder durch Ausgrabungen im frühen 20. Jahrhundert noch durch andere neuzeitliche Eingriffe gestört. Das macht ihn zu einem außergewöhnlich interessanten Objekt“, so das Team. Denn in dieser Grabkammer wurden im Laufe mehrerer Jahrhunderte 16 mumifizierte Tote sowie die Gebeine von mindestens vier weiteren Personen bestattet.

Plan der Grabkammer 3 des Grabes TT 209 und der darin bestatteten Mumien. Die ältesten Bestattungen sind FD1 und FD2, gefolgt von FD3 und FD4. Sie wurden noch in Särgen beigesetzt. Spätere Tote wurden zwar sorgsam einbalsamiert, aber ohne eigene Särge bestattet. Der Bereich FD6 enthält sekundär bestattete Gebeine. — © Jared Carballo-Pérez
Wie und wann die Mumien beigelegt wurden
„Die Untersuchung dieser Toten zeigt, dass es bei ihren Bestattungen eine klare räumliche Logik gab: Jede neue Ablage wurde an die Präsenz der schon vorhandenen Toten angepasst“, berichtet Carballo-Pérez. Die ältesten Toten – zwei Männer und zwei Frauen - lagen einzeln in Sarkophagen, die in jeweils eigenen Bereichen der Grabkammer standen. „Diese Personen scheinen von hohem sozialem Rang gewesen zu sein, denn sie wurden in Särgen mit Grabnetzen und Amuletten sowie weiteren kostbaren Beigaben bestattet“, sagt Molinero Polo. Diese Grabbeigaben waren in mehreren phönizischen Amphoren verstaut, die neben den Sarkophagen standen.
Später, gegen Ende der 25. Dynastie und während der persischen Herrschaft über Ägypten von 680 bis 404 vor Christus wandelte sich dies: Weitere Mumien kamen hinzu, deren Särge aber auf und zwischen die schon vorhandenen Sarkophage gestellt wurden. Männer und Frauen waren nun nicht mehr räumlich getrennt. Auch die Armhaltung der Mumien änderte sich: Anfangs wurden die Arme meist entlang des Körpers ausgestreckt, sodass die Hände auf den Hüften lagen. Später dominierte dagegen die Osiris-Haltung mit vor der Brust gekreuzten Armen, wie die Archäologen feststellten.
Noch später, in der ptolemäischen Periode, wurden die Mumien zunehmend übereinander gestapelt. „Diese vertikal übereinander liegenden Toten hatten zwar keine Särge, waren aber sorgfältig einbalsamiert“, berichtet Molinero Polo. „Sie sind zudem mit aufrechtstehenden Gefäßen assoziiert, die sich in den früheren Phasen der Grabnutzung nicht finden.“ Bei einem Mumienpaar aus einem Mann und Frau wurde ein ebenfalls einbalsamierter Hund quer über den beiden menschlichen Toten platziert. „Das könnte auf eine besonders enge Beziehung zwischen diesen Menschen und dem Tier hinweisen – das ist etwas, das viele von uns nachvollziehen können“, sagt Molinero Polo.
Wandel, aber kein Verlust von Ordnung
Zusammengenommen geben die Toten aus dieser Grabkammer von TT 209 neue Einblicke darin, wie sich die Bestattungen des alten Ägyptens im Laufe der Jahrhunderte verändert haben, aber auch, worin sie gleichblieben. Anders als früher teilweise angenommen reflektiere die zunehmend dichtere Platzierung der Mumien keineswegs einen Verlust von Ordnung oder gängigen Totenritualen: „Diese Transformation impliziert keine Unordnung, sondern vielmehr das Aufkommen eines anderen räumlichen Verständnisses“, erklären die Archäologen.
Im Laufe der Zeit löste sich die Eins-zu-eins-Beziehung zwischen Körper, Sarg und zugehörigen Beigaben allmählich auf. Dafür erhielt der Raum durch die zuvor abgelegten Toten und ihre Beigaben seine Bedeutung. „Ab der späten 25. Dynastie wurde die Grabkammer zu einem aktiven Bestattungsraum, in dem jede neue Beisetzung durch den Fortbestand des Materials früherer Niederlegungen beeinflusst wurde“, schreiben die Forscher. Wenn Mumien in späteren Zeiten übereinander gelegt wurden, geschah dies daher nicht allein aus Platzmangel, sondern auch, weil diese Position über älteren, hochrangigen Toten eine besondere Bedeutung hatte.
Quelle: Frontiers; Fachartikel: Frontiers in Environmental Archaeology, doi: 10.3389/fearc.2026.1888379





