Die klügste Strategin der Weltliteratur: Die Wesirstochter Scheherazade erzählt dem Schah Nacht für Nacht spannende Geschichten und entgeht so dem Tod (Illustration von Léon Carré aus einer zwischen 1926 und 1932 in Paris erschienenen Ausgabe von „Tausendundeine Nacht“). · Foto: akg-images / Fototeca Gilardi
Ohne einen französischen Gelehrten und einen jungen Geschichtenerzähler aus Aleppo wären Ali Baba und Aladin vielleicht nie weltberühmt geworden. Die Erfolgsgeschichte der orientalischen Märchensammlung „Tausendundeine Nacht“ führt über Paris – und erzählt von einem außergewöhnlichen kulturellen Austausch zwischen Orient und Okzident.
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Der arme Holzfäller Ali Baba belauscht im Wald eine Bande, die mit ihrem Schatz zielsicher auf eine Felswand zusteuert. Als der Räuberhauptmann vor dem Gestein den Zauberspruch „Sesam, öffne dich!“ spricht, klafft plötzlich eine Spalte in dem Felsen. Die Räuber verschwinden mit ihrer Beute dahinter, kommen nach einer Weile wieder heraus und reiten davon. Ali Baba probiert kurz darauf das Zauberwort ebenfalls aus und gelangt dadurch zu sagenhaftem Reichtum. So der Anfang einer der weltbekanntesten Erzählungen aus der orientalischen Märchensammlung „Tausendundeine Nacht“.
Wie Europa die Märchenwelt des Orients für sich entdeckt
Doch ausgerechnet dieses bekannte Märchen war nicht Bestandteil des Originals, sondern wurde von dem Franzosen Antoine Galland (1646–1715) hinzugefügt, genauso wie „Aladin und die Wunderlampe“, „Sindbad der Seefahrer“ und viele weitere berühmt gewordene Erzählungen, in denen junge Prinzen und mächtige Zauberer in Windeseile auf Teppichen durch die Lüfte fliegen. Die Entdeckung der Märchensammlung „Tausendundeine Nacht“ in Frankreich Anfang des 18. Jahrhunderts und deren darauffolgende Verbreitung in Europa hatte nachhaltigen Einfluss auf europäische Dichter, Musiker und Künstler und führte wiederum zur Rückübersetzung und Wiederentdeckung des Märchenzyklus in der arabischen und persischen Welt, aus der die Originale stammten, bis hin zu Zeichentrickadaptionen in Disney-Filmen der Gegenwart.
Die Sammlung aus Zaubermärchen, Abenteuergeschichten, Fabeln und Anekdoten umfasst das Kulturgebiet des gesamten Orients bis hin nach Indien und China. Aufgrund vieler erotischer Szenen wird deutlich, dass die Märchen ursprünglich für Erwachsene geschrieben waren. Auch der Einstieg ist nichts für Kinderseelen: Das Werk beginnt mit einer Rahmengeschichte, in der der persische Schah (König) – in dem Märchen Schahriyar genannt – von seiner Frau mehrfach betrogen wird. Als er dies entdeckt, lässt er sie und ihre zahlreichen Liebhaber hinrichten und entschließt sich dazu, jeden Tag eine neue Frau zu heiraten, die er am Abend töten lässt, damit sie ihn nicht betrügen kann.
Als Scheherazade, die Tochter des Wesirs, an der Reihe ist, hat sie nach der Vermählung mit dem Schah eine List parat: In der Hochzeitsnacht beginnt sie, dem Schah eine spannende Geschichte zu erzählen. Dieser vergisst dabei, sie hinrichten zu lassen. Bei Morgengrauen bricht sie an der spannendsten Stelle ab, und der Schah verschiebt die Hinrichtung auf den nächsten Tag, um das Ende zu erfahren. Auf diese Weise vergehen 1001 Nächte. Schließlich lässt der Schah Scheherazade am Leben, zumal sie ihm in der Zwischenzeit drei Kinder geboren hat, und beide leben glücklich bis an ihr Lebensende – so zumindest im Märchen.
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Der französische Orientalist Antoine Galland machte die phantastischen Geschichten aus „Tausendundeine Nacht“ in Europa bekannt. · Foto: mauritius images / Memento
Wie aber erfuhr die ganze Welt von Scheherazades List? Der Anfang des Weltruhms der Märchen beginnt mit dem Orientalisten Antoine Galland. Er wurde 1670 gemeinsam mit dem französischen Botschafter vom „Sonnenkönig“ Ludwig XIV. mit einer diplomatischen Mission in das Osmanische Reich geschickt. Frankreich wollte mit Sultan Mehmed IV. (1642–1693) einen Vertrag zwischen beiden Staaten erneuern. Der Sultan gestattete Galland alsbald, weitere Reisen im Osmanischen Reich zu unternehmen.
Dem Franzosen war es deshalb möglich, mehrfach die heutigen Staaten Syrien, Libanon, Ägypten und das Gebiet Palästina zu bereisen. Galland, der Arabisch und Farsi (Persisch) beherrschte, sammelte während dieser Aufenthalte unter anderem alte arabische Handschriften für die Bibliothek Ludwigs XIV. Da sich sein Interesse an solchen Dokumenten herumgesprochen hatte, wurde ihm nach seiner Rückkehr nach Paris 1701 ein syrisches Manuskript aus Aleppo mit phantastischen Geschichten nachgeschickt. Es stammte aus dem 14. oder 15. Jahrhundert.
Gallands Märchensammlung wird über Nacht zum Bestseller
1702 schrieb er an einen Freund, dass er mit der Übersetzung einer Sammlung von „arabischen Erzählungen“ begonnen habe. Das Aleppo-Manuskript umfasste im Original nur 282 Nächte. Im Jahr 1704 übernahm Galland für seine Übersetzung den arabischen Titel „Alf layla wa layla“, auf Französisch „Les mille et une nuits“ – „Tausendundeine Nacht“–, veröffentlichte die Geschichten und verwies darauf, dass der Text unvollständig sei.
„Tausendundeine Nacht“ wurde binnen Kurzem zum Bestseller. Deshalb übte die Witwe seines Verlegers, Marie Cochart, Druck aus, weitere orientalische Geschichten zu verfassen. Galland behalf sich zunächst mit anderen arabischen Manuskripten, die bereits in der Königlichen Bibliothek vorhanden waren.
Blick auf Aleppo und seine monumentale Zitadelle (Stich von 1754). Von dort gelangte eine arabische Handschrift in Gallands Hände, die ihm als Vorlage diente. · Foto: akg-images / British Library
Doch der Verlegerin war dies nicht genug. Ohne das Wissen Gallands nahm sie Kontakt zu einem anderen Übersetzer auf, der ihr Geschichten aus türkischen Sammlungen anbot, und veröffentlichte weitere Bände unter dem Titel „Tausendundeine Nacht“. Offenbar war die Nachfrage der Leser nach magischen Geschichten aus dem Orient unersättlich. Galland war erbost, hintergangen worden zu sein; aber ihm war der Stoff ausgegangen. Da erschien im Mai 1709 in Paris seine Rettung, die schließlich sogar den Durchbruch zur Weltliteratur für die gesamte Märchensammlung brachte.
Am Donnerstag, dem 5. Mai 1709 unterhielten sich zwei Männer: Der Ältere hörte aufmerksam zu, was der Jüngere, kaum 20 Jahre alt, ihm erzählte. Es war Galland, der einem Syrer aus Aleppo namens Hanna Diyab gegenübersaß. Dieser war Anfang 1707 in Aleppo als Übersetzer und Begleiter des französischen Altertumsforschers Paul Lucas angeheuert worden und war mit ihm nach Paris gereist. Nun erklärte sich der junge Syrer bereit, Galland Geschichten aus dem Orient zu erzählen, die er kannte. Es folgten weitere Treffen, den ganzen Mai über bis in den Juni hinein. Insgesamt 16 Märchen soll Diyab dem Franzosen erzählt haben. Dann machte sich Galland an die Arbeit. Davon wissen wir jedoch erst seit dem Jahr 1881, als Gallands Tagebücher und private Aufzeichnungen veröffentlicht wurden.
Darin enthüllte der „Entdecker von Tausendundeine Nacht“, dass Diyab ihm Geschichten wie „Aladin und die Wunderlampe“ sowie „Ali Baba und die vierzig Räuber“ „diktiert“ habe. Weiteres über die „Quelle“ Diyab blieb unbekannt. Niemand wusste, wer dieser ominöse Syrer gewesen sein sollte. Auch in den Veröffentlichungen von Paul Lucas war Diyab nirgends erwähnt. Nach der Publikation von Gallands Privataufzeichnungen wurden sogar Zweifel geäußert, ob es sich bei der Person Diyab nicht vielmehr um eine Erfindung Gallands handelte, um zu verschleiern, dass möglicherweise er selbst sich die Märchen ausgedacht habe. Dann eine Sensation im Jahr 1993!
Auf rund 85 Regalkilometern bergen die Vatikanische Apostolische Bibliothek und das Vatikanische Apostolische Archiv – bis 2019 Geheimarchiv genannt – handgeschriebene und gedruckte Bücher, Akten, Dokumente. Im Jahr 1993 stöberte der französische Arabist Jérôme Lentin in der Orientabteilung der Bibliothek durch Hinterlassenschaften eines Priesters aus Aleppo. Dieser hatte 1928 dem Vatikan mehrere Dokumente vermacht. Dabei fiel Lentin ein Manuskript auf, dessen erste Seiten fehlten. Das Werk war als „anonym“ katalogisiert worden. Doch auf der letzten Seite stieß Lentin auf den Namen des Autors: Antun Yusuf Hanna Diyab.
Die arabische Handschrift, auf die sich Galland stützte, wird heute in der Bibliothèque nationale de France aufbewahrt. · Foto: Bibliothèque nationale de France (Département des Manuscrits. Arabe 3609–3611)
Das Geheimnis hinter „Aladin“ und „Ali Baba“ wird gelüftet
Eine Sensation war perfekt, die Quelle Gallands zu „Ali Baba“ endlich verifiziert. In dem seit 2015 veröffentlichten Manuskript Diyabs beschreibt dieser seine abenteuerliche Reise mit Paul Lucas von Aleppo nach Paris und seinen Empfang am Hof Ludwigs XIV. Aus dem Manuskript geht indes nirgends hervor, ob Diyab je erfuhr, dass seine Geschichten Teil der „Tausendundeine Nacht“-Märchenwelt geworden waren.
Auch bleibt unbekannt, wo er selbst sie gehört oder gelesen haben könnte. Galland hatte ihn in seinen Buchveröffentlichungen nie als Quelle angegeben. Vielmehr nutzte Galland den neu gewonnenen Erzählschatz, um vier weitere Bände den zuvor erschienenen acht Bänden von „Tausendundeine Nacht“ hinzuzufügen. Die beiden letzten erschienen 1717, zwei Jahre nach seinem Tod.
Seit der Vatikan-Entdeckung rekonstruieren Arabisten die Entstehungsgeschichte von Gallands späteren Erzählbänden und nennen nun auch Diyab als Autor, insbesondere für die bekanntesten Märchen aus der Sammlung. Die britisch-syrische Schriftstellerin und Literaturübersetzerin Yasmine Seale äußerte dazu: „Die Frage, wer ‚Aladdin‘ geschrieben hat, wird oft als Entweder-oder-Frage gestellt: Handelt es sich um eine von Galland erfundene orientalistische Phantasie oder ist es tatsächlich eine arabische Geschichte mit einem arabischen Autor? Die Entdeckung dieser Memoiren hilft uns, das Werk eher als eine französisch-arabische Zusammenarbeit zu betrachten.“ Diyab kehrte kurz nach seinem Treffen mit Galland nach Syrien zurück und starb dort hochbetagt als wohlhabender Händler im Souk von Aleppo.
Um zu verstehen, warum die im 18. Jahrhundert veröffentlichte Märchensammlung derart hohen Zuspruch erhielt, lohnt sich ein Blick auf den damaligen Zeitgeist. Nach der gescheiterten Belagerung Wiens durch die Türken im Jahr 1683 und dem darauffolgenden Frieden von Karlowitz (1699) wich im 18. Jahrhundert die lange bestehende Angst Europas vor dem Osmanischen Reich einer Faszination für die orientalische Kultur und Lebensweise. Umgekehrt galt das Gleiche. Die Sultane von Istanbul schickten immer wieder Gesandtschaften in die europäischen Hauptstädte.
Diese Illustration aus dem frühen 20. Jahrhundert zeigt Aladin und den Geist aus der Wunderlampe. Anders als oft angenommen, gehörte die Geschichte ursprünglich nicht zu den Erzählungen aus „Tausendundeine Nacht“, sondern wurde erst von Galland in die Sammlung aufgenommen. · Foto: akg-images / UIG / Ivy Close Images
Am bekanntesten wurden die Besuche diplomatischer Delegationen in Paris – mit Mehmed Efendi im Jahr 1721 und Yirmisekizzade Mehmed Said Pascha 1742 –, wo das prächtige Auftreten des Gefolges der Botschafter für viel Neugierde und Begeisterung sorgte. Diese Faszination für den Orient im 18. Jahrhundert machte sich rasch in der Malerei und Literatur sowie in der Mode bemerkbar und wurde „Turquerie“ genannt. Die französischen Maler Carle Van Loo (1705– 1765) und Antoine de Favray (1706– 1798) stehen exemplarisch für diesen Trend. Van Loo etwa ging so weit, dass er seine Frau „à la turque“ (in türkischer Tracht) malte. Diese wird auf dem Gemälde zudem von einer Sklavin bedient, genauso, wie es in zahlreichen Märchen von „Tausendundeine Nacht“ beschrieben wird.
Die Begeisterung für den Orient erfasst Literatur, Kunst und Mode
Vor allem aber im Bereich der Literatur erwies sich das 18. Jahrhundert am offensten für orientalische Einflüsse. Gallands Edition von „Tausendundeine Nacht“ wurde kurz nach dem Erscheinen der Bände in zahlreiche andere europäische Sprachen übersetzt, darunter am schnellsten ins Englische und ins Deutsche.
Der erste deutsche Dichter, der sich stark von „Tausendundeine Nacht“ beeinflussen ließ, war Christoph Martin Wieland (1733–1813). Er verarbeitete diese Einflüsse etwa in der orientalischen Märchensammlung „Dschinnistan“ (1786–1789) sowie in eigenen Versdichtungen, zum Beispiel in „Das Wintermärchen“ (1776). In „Dschinnistan“ beginnt das erste von 19 Kunstmärchen mit einem Liebespaar namens Nadir und Nadine, die unter dem Schutz eines fragwürdigen Zauberers stehen. Selbst als Laie erkennt man rasch die Anleihe an „Tausendundeine Nacht“.
„Bist du von deiner Geliebten getrennt / Wie Orient vom Okzident, / Das Herz durch alle Wüsten rennt; / Es gibt sich überall selbst das Geleit, / Für Liebende ist Bagdad nicht weit.“ So lauten Verse des deutschen Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe in seinem Werk „West-Östlicher Divan“. Sie sind dort im „Buch Suleika“ zu finden. Goethe bringt mit diesem Kurzgedicht ein wesentliches Leitthema von „Tausendundeine Nacht“ zum Ausdruck: Wenn zwei Menschen sich in Liebe zutiefst verbunden fühlen, spielen Entfernungen und kulturelle (Orient und Okzident) oder standesgemäße Gegensätze (reicher Kaufmann, arme Sklavin) keine Rolle.
Die Faszination des französischen Adels für die orientalische Welt zeigt sich auch in diesem Porträt der Mademoiselle de Clermont. Der Künstler Jean-Marc Nattier schuf das Gemälde 1733 im Stil der „Turquerie“. · Foto: Bridgeman Images / Wallace Collection, London, UK
Katharina Mommsen, eine der bedeutendsten internationalen Goethe-Forscherinnen, kam zu dem Schluss, dass Goethe eine starke Beeinflussung durch „die größte Fabuliererin aller Zeiten“ – gemeint ist Scheherazade – erfahren habe. Kein anderer europäischer Dichter sei so in deren Bann geraten wie Goethe, schrieb sie in ihrem Werk „Goethe und der Islam“. Von Goethe selbst ist überliefert, dass er seinen Erzählstil wiederholt mit dem der Scheherazade verglich. So schrieb er 1794 an Schiller über die „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“, dass er mit diesem Werk gedenke, „wie die Erzählerin in Tausend und eine Nacht zu verfahren“.
Allein im deutschen Sprachraum reicht die Liste der begeisterten Leser der orientalischen Märchenwelt weit über Wieland und Goethe hinaus: Jean Paul, der Orientalist und Dichter Friedrich Rückert, Lichtenberg, Schlegel, E. T. A. Hoffmann, Wilhelm Hauff, Stefan George, Hugo von Hofmannsthal, Rilke, Hermann Hesse und Thomas Mann – alle kopierten in der einen oder anderen Weise Elemente aus „Tausendundeine Nacht“.
Die Erotik der Märchen stößt auf Widerstand
Der Literaturkritiker Marius Meller meinte im Jahr 2004 in einem Beitrag des Berliner „Tagesspiegel“, den Grund dafür zu kennen: Es seien in Wahrheit „die sexuellen Phantasieräume, die ‚Tausendundeine Nacht‘ eröffnet“ habe, gewesen, sowie „die Freizügigkeit der Geschichten“, die „zur rasanten Ausbreitung und schließlich zur dichterischen Aneignung geführt“ hätten.
Während im Gallandschen Original die körperliche Liebe selbstbewusst und frei von Tabus thematisiert wurde, erfuhr die Märchensammlung besonders im 19. Jahrhundert eine drastische Zensur, ebenso in den arabischen Rückübersetzungen im 19. und 20. Jahrhundert. Damit ging ein wesentlicher Aspekt des Werkes verloren: die häufig als selbstverständlich geschilderte gleichberechtigte Lust von Mann und Frau.
Illustration zu „Nadir und Nadine“, einer Erzählung aus Christoph Martin Wielands Märchensammlung „Dschinnistan“. · Foto: mauritius images / Piemags / Alamy / Alamy Stock Photos
Die Frauen in „Tausendundeine Nacht“ sind sexuell selbstbestimmt, fordernd, sie sind den Männern oft intellektuell überlegen und steuern die Liebesbegegnungen mit Männern aktiv, wie die Tübinger Arabistin und Neuübersetzerin von „Tausendundeine Nacht“, Claudia Ott, in ihrem Buch „Tausendundeine Nacht. Das Buch der Liebe“ anklingen lässt.
Doch es gibt auch kritische Stimmen: „Eine junge Frau versucht, einen König davon abzubringen, jede Nacht eine junge Frau erst zu vergewaltigen und dann zu ermorden“, fasste im Jahr 2025 etwa der Theologe und Kulturbeauftragte des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland Johann Hinrich Claussen seine Einsichten über „Tausendundeine Nacht“ zusammen. In dem Werk gehe es um „Femizid“, um die Todesangst von Scheherazade, die diese 1001 Nächte und Tage lang durchleiden musste. „Wo bleibt das Grauen? Warum ist kein Aufschrei zu hören?“, fragt der Theologe empört.
Aber auch in den Märchen der Brüder Grimm geht es schrecklich zu: Oft spielen dort Kindermorde eine Rolle, wie etwa bei „Hänsel und Gretel“, „Rotkäppchen“ oder „Der Wolf und die sieben Geißlein“. Letztlich kann man solcherart Aufgeregtheit über eine Märchensammlung – und nichts anderes ist es – Goethes Fazit entgegenhalten: „Wer sich selbst und andre kennt / Wird auch hier erkennen: / Orient und Okzident / Sind nicht mehr zu trennen. // Sinnig zwischen beiden Welten / Sich zu wiegen lass’ ich gelten; / Also zwischen Ost- und Westen / Sich bewegen, sei’s zum Besten!“
Die Tänzer Adolph Bolm und Tamara Karsawina in „Scheherazade“. Das 1910 uraufgeführte Ballett von Nikolai Rimski-Korsakow brachte die sinnliche Welt von „Tausendundeine Nacht“ auf die Bühne. · Foto: akg-images / Fine Art Image
Tom Goeller
ist Journalist und Buchautor. Durch zahlreiche Aufenthalte in der arabischen Welt verfügt er über profunde Kenntnisse ihrer Geschichte, Politik und Kultur.
Literatur
Claudia Ott, Tausendundeine Nacht. Das Buch der Liebe. München 2022. Katharina Mommsen, Goethe und der Islam. Berlin 2001. Bernard Heyberger, Middle Eastern and European Christianity, 16th–20th Century. Connected Histories. Edinburgh 2023.
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