Der zeitgenössische Stich zeigt einen Höhepunkt des „Festes des Höchsten Wesens“ am 8. Juni 1794 in Paris: die Verbrennung einer Skulptur, die den Atheismus darstellt. · Foto: Bridgeman Images / Archives Charmet
Im Zuge der Französischen Revolution kam es zu einer „Entchristianisierung“ des Landes. Eine Bewegung um den Journalisten Jacques-René Hébert forderte sogar eine Abkehr von jeglicher Religion. Das ging dem Revolutionär Maximilien Robespierre zu weit: Der Glaube an ein „Höchstes Wesen“ sei für die Stabilität der Gesellschaft essentiell.
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Paris, am 8. Juni 1794, nach dem alten Kalender der Pfingstsonntag: Vor Tausenden von Zuschauern schreitet Maximilien Robespierre (1758–1794) durch die festlich geschmückten Tuilerien. Nach einer feierlichen Ansprache entzündet er einen Scheiterhaufen. Flammen schlagen empor, dichter Rauch steigt auf. Unter dem Jubel der Menge stürzt eine monumentale Figur in sich zusammen: Es ist die Personifikation des Atheismus.
Die Szene wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich. Hatte die Französische Revolution nicht gerade die Macht der Kirche gebrochen, Klöster aufgehoben und den christlichen Glauben aus dem öffentlichen Leben verdrängen wollen? Weshalb ließ ausgerechnet einer ihrer führenden Köpfe den Unglauben öffentlich vernichten?
Die Antwort führt mitten in eine der spannendsten und zugleich widersprüchlichsten Entwicklungen der Revolution. Denn die Revolutionäre waren sich keineswegs einig, welche Rolle Religion im künftigen Frankreich spielen sollte. Während die einen das Christentum und jeden Glauben an eine höhere Macht vollständig beseitigen wollten, hielten ihn andere für unverzichtbar. Der Streit darüber prägte die politischen Kämpfe zwischen Monarchisten, Girondisten, Jakobinern und Hébertisten.
Seit 1789 geriet nicht nur die Monarchie ins Wanken, auch die katholische Kirche verlor Schritt für Schritt ihre jahrhundertealte Stellung. Klöster wurden aufgehoben, Kirchengüter verstaatlicht und Geistliche der Republik untergeordnet. Viele Priester verweigerten den Eid auf die neue Verfassung und wurden verfolgt oder mussten das Land verlassen.
Im Zuge der Revolution wurden zahllose Kirchen geplündert und zerstört, hier die Kapelle der Sorbonne in Paris (Gemälde von Hubert Robert, um 1800). · Foto: Bridgeman Images / Godong
Besonders radikal entwickelte sich die Lage seit Herbst 1793. Es begann eine systematische „Entchristianisierung“ weiter Teile Frankreichs. Kirchen wurden geschlossen oder ihrer bisherigen Funktion beraubt, Altäre und Heiligenbilder verschwanden aus den Gotteshäusern. Einige wurden in säkulare Tempel umgewandelt wie etwa die Kirche St. Eustache in Paris. Sie avancierte zum Temple de l’Agriculture, zum Landwirtschaftstempel mit einem Pflug auf dem Altar.
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Selbst die Zeit sollte neu beginnen. Mit dem Revolutionskalender schuf die Republik eine eigene Zeitrechnung. Das Jahr I begann mit der Ausrufung der Republik im September 1792. Die Monate erhielten neue Namen wie Vendémiaire, Brumaire oder Floréal, die sich an Natur und Landwirtschaft orientierten. Auch die christliche Siebentagewoche verschwand zugunsten einer Zehntagewoche.
Die Revolution griff damit tief in den Alltag der Menschen ein und löste bewusst jene Ordnung auf, die über Jahrhunderte vom Kirchenjahr bestimmt worden war. Diese Maßnahmen zielten weit über einzelne Reformen hinaus. Sie sollten den Bruch mit dem Ancien Régime sichtbar machen, denn Religion galt vielen Revolutionären als tragende Säule der alten Monarchie. Wer die alte Herrschaft endgültig überwinden wollte, musste, so ihre Überzeugung, auch ihre religiösen Grundlagen beseitigen.
Doch womit sollte das Christentum ersetzt werden? Diese Frage spaltete die Revolutionäre. Eine besonders radikale Gruppe um den Journalisten Jacques-René Hébert propagierte den Kult der Vernunft (Culte de la Raison). Aus ihrer Sicht waren alle Religionen Ausdruck von Aberglauben und Fanatismus und der Glaube untrennbar mit der Herrschaftsform der Monarchie verbunden. Schließlich hatte über Frankreich jahrhundertelang ein König von Gottes Gnaden geherrscht. An die Stelle des Glaubens sollten daher ausschließlich der Mensch selbst und seine Vernunft treten.
Beim „Fest der Vernunft“ am 10. November 1793 wurde der Chor der Kirche Notre-Dame für eine Inszenierung genutzt. Eine Opernsängerin übernahm dabei die Rolle der „Freiheit“ (zeitgenössischer Stich). · Foto: akg-images / Heritage Images / Fine Art Images
Berühmt wurde das große Vernunftfest (Fête de la Raison) vom 10. November 1793 in der Pariser Kathedrale Notre-Dame. Die Kirche wurde in einen „Tempel der Vernunft“ verwandelt und im Chor ein Temple à la Philosophie errichtet, auf dem die Flamme der Vernunft brannte. Eine Opernsängerin fungierte feierlich in antikisierender Kleidung und Phrygiermütze als Personifikation der Freiheit, während revolutionäre Hymnen erklangen. Organisiert hatte diese Inszenierung mit didaktischer Vermittlungsintention der Hébertist Pierre-Gaspard Chaumette (1763–1794). Für viele Zeitgenossen schien sie das endgültige Ende des Christentums einzuläuten.
Robespierre sieht die Revolution bedroht
Doch längst nicht alle Revolutionäre begrüßten diese Entwicklung. Besonders Maximilien Robespierre widersprach entschieden. Für ihn bedrohte der radikale Atheismus die Revolution selbst. Eine freie Republik, so seine Überzeugung, könne nur bestehen, wenn ihre Bürger freiwillig tugendhaft handelten. Die Vernunft oder vernünftige Gesetze allein reichten dafür nicht aus. Freiheit und Gleichheit benötigten einen gemeinsamen moralischen Maßstab, der nach Robespierres Auffassung auf dem Glauben an ein „Höchstes Wesen“ und an die Unsterblichkeit der Seele beruhte, was den Ideen des Deismus entsprach. Wer dagegen jede höhere Instanz leugnete, öffnete aus seiner Sicht Egoismus, Korruption und politischer Willkür Tür und Tor.
Der ethische Bezugspunkt sollte auch laut Robespierre nicht mehr die katholische Kirche sein, wohl aber der vernünftige und einsichtige Glaube an ein höheres Wesen. Deshalb setzte Robespierre im Frühjahr 1794 gegen den Kult der Vernunft den „Kult des Höchsten Wesens“ (Culte de l’Être suprême) durch. Die Republik bekannte sich auf Robespierres Geheiß zu einem Schöpfer, dessen Existenz der Mensch nach Auffassung vieler Aufklärer bereits durch vernünftiges Nachdenken über die Natur erkennen könne.
In dieser Argumentation folgte Robespierre wesentlichen Vertretern der französischen Aufklärung wie Voltaire (1694–1778) oder Jean-Jacques Rousseau (1712–1778). Sie hatten über Jahre die Kirche, religiöse Intoleranz und geistliche Machtansprüche scharf kritisiert, einen Glauben an Gott oder an ein höchstes Wesen hielten sie jedoch für die Grundlage menschlicher Moral und eines funktionierenden Gemeinwesens. Ein innerer Konflikt der Revolution entzündete sich somit an der Frage, welche Form von Religion die Französische Republik benötige oder ob sie gar ohne einen Glauben bestehen könne.
Der Revolutionsführer Maximilien Robespierre ersetzte den atheistischen „Kult der Vernunft“ durch den deistischen „Kult des Höchsten Wesens“ (Gemälde von Louis-Léopold Boilly, um 1791). · Foto: Bridgeman Images
Illustrierte Flugblätter als wichtiges Massenmedium
Der Streit wurde während der Revolution auch mit Bildern geführt. Kupferstiche und Flugblätter gehörten zu den wichtigsten Massenmedien der Zeit. Sie erreichten vor allem jene Menschen, die kaum lesen konnten, und prägten das politische Vorstellungsvermögen der Bevölkerung. Gerade deshalb überrascht eine bemerkenswerte Neuerung. Seit der Antike hatten Künstler Tugenden wie Gerechtigkeit, Freiheit oder Weisheit als menschliche Gestalten, als sogenannte Personifikationen, dargestellt. Auch Religion oder Glaube besaßen längst feste Bildtraditionen. In der Regel wurden sie alle weiblich und mit Symbolen ausgestattet dargestellt.
Dem Unglauben fehlte hingegen über Jahrhunderte eine eigene Gestalt. Die Französische Revolution verlieh ihm dann endlich ein Gesicht: Um 1794 schuf der Kupferstecher Séraphin Goulet, dessen genaue Lebensdaten unsicher sind, eine eigenständige Darstellung des Atheismus unter dem Titel „L’Athéisme: l’athéisme ne fût inventé que pour dégrader le genre humain“ („Der Atheismus wurde allein zu dem Zweck erfunden, die Menschheit sittlich zu entwürdigen“, siehe rechte Seite). Er erscheint nicht als gewohnt weibliche Personifikation, sondern maskulin, nicht als gebrechlicher Greis, finsterer Dämon oder gelehrter Philosoph, stattdessen als schöner junger Mann. Sein Körper wirkt kräftig und athletisch, nur von einer Draperie verhüllt. Alles an ihm erinnert an einen klassischen Helden der Antike.
Gerade darin lag die eigentliche Botschaft des Bildes. Der Unglaube erscheint nicht als abschreckendes Ungeheuer. Gefährlich war er aber gerade deshalb, so argumentierte der Kupferstecher, weil er attraktiv wirkte. Seine Jugend, seine Schönheit und seine körperliche Kraft machten ihn zu einem Verführer. Das Blatt warnte den Betrachter davor, sich von der jugendlichen, den Glauben verlachenden Zerstörungswut mitreißen zu lassen.
Denn bei genauerem Hinsehen verwandelt sich die ideale Gestalt Schritt für Schritt in das Gegenteil eines Helden. Über den Augen trägt der junge Mann eine rote Binde. Damit verweigert er bewusst die sehende Erkenntnis. Aus seinem Haar wachsen Eselsohren, seit Jahrhunderten ein Sinnbild der Torheit. Auf seiner Brust sind Schlangen zu sehen, die seit der biblischen Paradiesgeschichte als Zeichen der Verführung und der Schuld gelten. Mit den Füßen zertritt er Weintrauben und Ähren, die Gaben aus Gottes Schöpfung, zugleich aber auch die Symbole von Brot und Wein des christlichen Abendmahls. In den Händen hält er den Tierkreis und zerbricht ihn mit aller Kraft.
Der Stich von Séraphin Goulet mit dem Titel „Der Atheismus wurde allein zu dem Zweck erfunden, die Menschheit sittlich zu entwürdigen“ entstand um 1794. · Foto: Bibliothèque nationale de France
Damit zerstört er nicht einfach ein astronomisches Zeichen. Für die Zeitgenossen stand der Tierkreis für die Ordnung des Kosmos, für den Rhythmus der Jahreszeiten und damit für die göttliche Harmonie der Schöpfung. Der Atheismus greift nach der Darstellung Goulets die gesamte natürliche Ordnung an.
Unter dem Bild erläuterte der Kupferstecher daher seine Darstellung ungewöhnlich ausführlich, um eindeutig verstanden zu werden, denn seine Figur war neu und konnte nicht auf etablierte Bildtraditionen zurückgreifen. Seine Botschaft lautete: Nicht Unwissenheit führe zum Atheismus, sondern Hochmut. Der Atheist erkenne die Ordnung der Natur durchaus, verweigere aber bewusst ihre Konsequenz. Wer Himmel, Erde und die Gesetze der Natur betrachte, müsse, so Goulets Überzeugung, zwangsläufig auf die Existenz eines Schöpfers schließen.
Bemerkenswert ist dabei, dass Goulet die Vernunft gegen den Atheismus ins Feld führt. Immer wieder forderte er seine Betrachter auf, selbst zu denken. Vernünftiges Denken führe nicht zum Unglauben, sondern gerade zur Einsicht in die Existenz eines höchsten Wesens. Die eigentlichen Feinde der Vernunft seien daher nicht die Gläubigen, sondern die Atheisten.
Mit dieser Argumentation appellierte Goulet an den Gebrauch der Vernunft und folgte damit einer aufklärerischen Instanz: Jean-Jacques Rousseau ließ in seinem Bildungsroman „Émile ou De l’éducation“ (1762) den savoyischen Vikar erklären, dass der Blick auf die Natur den Menschen unmittelbar zur Erkenntnis eines Schöpfers führe. Auch für Robespierre war daher der Glaube an ein „Höchstes Wesen“ keine Absage an die Vernunft, sondern vielmehr deren konsequente Anwendung.
Für das „Fest des Höchsten Wesens“ am 8. Juni 1794 wurde auf dem Marsfeld in Paris eigens ein künstlicher Berg errichtet (Stich von Thomas Charles Naudet, 1794). · Foto: Bridgeman Images / UIG / Universal History Archive
Der Kupferstich Goulets richtete sich somit gegen die politischen Entwicklungen der Jahre 1793 und 1794 unter den glaubensverneinenden Hébertisten. Mit dem Kult der Vernunft schien der Atheismus erstmals zur offiziellen Leitidee der Französischen Republik werden zu können. Goulets Jüngling diente ihm daher der Warnung. Seine Schönheit verführte, seine Blindheit und seine jugendliche Zerstörungslust führten dem Betrachter aber auch die Folgen vor Augen: willkürlich alle Traditionen zu zertreten und eine ganze Gesellschaft in den möglichen Abgrund zu führen.
Unglaube als große Gefahr
Der Atheismus erschien damit als die gefährlichste revolutionäre Kraft, welche insbesondere die Jugend verführte und am radikalsten das ethische Gefüge menschlichen Zusammenlebens zerstörte.
Nur kurze Zeit nach Goulets bildlicher Warnung erhielt der Kampf gegen den Unglauben daher eine spektakuläre Bühne. Am 8. Juni 1794 feierte Paris das „Fest des Höchsten Wesens“. Der Maler Jacques-Louis David (1748–1825) hatte im Auftrag Robespierres ein monumentales Festprogramm entworfen, das Politik und Theater in ähnlicher Weise wie die Fête de la Raison des Hébertisten Chaumette miteinander verband und als Antwort darauf zu verstehen ist. Prozessionen zogen durch die Stadt, Chöre sangen patriotische Hymnen, Triumphbögen und künstliche Berge verwandelten die Tuilerien und das Marsfeld in eine gewaltige Freilichtbühne.
Den Höhepunkt bildete die eingangs angesprochene symbolische Vernichtung des Atheismus. Vor den Augen Tausender Zuschauer entzündete Robespierre einen Scheiterhaufen. In den Flammen verbrannten drei monumentale Figuren aus Holz und bemalter Pappe: die Personifikationen des Atheismus, des Ehrgeizes und der Zwietracht. Rauch und Feuer sollten den endgültigen Sieg einer neuen moralischen Ordnung sichtbar machen.
Auch dieser Stich aus dem Jahr 1794 von François-Étienne Joubert feiert das Ende des „Kults der Vernunft“. Er trägt den Titel „Nachdem der Atheismus verschwunden war, offenbarte sich dem französischen Volk die Weisheit“. · Foto: Bibliothèque nationale de France, département Estampes et photographie (RESERVE QB-201 (135)-FOL)
Zeitgenossen berichteten sogar von akustischen und pyrotechnischen Effekten, die den Zusammenbruch der Figuren dramatisch begleiteten. Dafür war offensichtlich der Sohn des bekannten Pyrotechnikers und Vergnügungsparkbesitzers Petrone Ruggieri beauftragt worden, wie aus einer Abrechnung für das verwendete Schwarzpulver für eine Explosion hervorgeht.
Die Verbrennung erinnert an die Verfolgung von Ketzern
Die Botschaft war unmissverständlich: Was wenige Monate zuvor noch als politische Gefahr beschrieben worden war, war nun für jeden sicht- und hörbar endgültig vernichtet worden. Robespierre griff dafür auf Praktiken zurück, die man eher aus der Geschichte der christlichen Hexen- und Ketzerverfolgung kennt. Die öffentliche Verbrennung erinnerte unübersehbar an ein Autodafé, an ein Glaubensgericht im Kontext der europäischen Inquisitionen, was in der Regel zur Verurteilung wegen Häresie und anschließend zur Verbrennung der Delinquenten auf dem Scheiterhaufen führte: Zerstörung und Auslöschung durch Feuer, den letztlichen vollständigen Tod.
Das Feuer erscheint als ein gemeinschaftlicher, verbindender Akt zwischen den Menschen, quasi als eine mit Gewalt verbundene renovatio, eine Rückkehr zur alten Ordnung. Feuer besaß einen reinigenden Charakter, der über die Jahrhunderte mit hygienischen Erfahrungen verbunden wurde, insbesondere bei Krankheiten bzw. Seuchen wie der Pest. Ein solches Feuer findet sich zudem schon im ersten Korintherbrief 3,12–15 als Mittel, die Wahrheit zu spiegeln: „Der Tag des Gerichts wird es ans Licht bringen; denn mit Feuer wird er sich offenbaren. Und von welcher Art eines jeden Werk ist, wird das Feuer erweisen.“
Bereits im Mai 1794 hatte Robespierre vor dem Konvent noch einmal für den Kult des Höchsten Wesens argumentiert. Die Anerkennung eines Schöpfers stand nach Robespierre nicht im Widerspruch zum Gebrauch der Vernunft. Im Gegenteil: Erst die Vernunft ermögliche es dem Menschen, zu der von Rousseau vertretenen ontologischen Gewissheit der Existenz eines Schöpfers zu gelangen: „Die höchste Vorstellung von der Gottheit kommt uns allein aus der Vernunft.“ Im anschließenden Dekret wurde daraufhin unter Paragraph 1 festgelegt: „Das französische Volk erkennt die Existenz eines Höchsten Wesens und die Unsterblichkeit der Seele an.“
Mit dem 1801 von Napoleon als Erstem Konsul unterzeichneten Konkordat kehrte die katholische Kirche nach Frankreich zurück. Die Karikatur setzt dies in Szene und greift dabei die Bildsprache eines früheren Stichs auf, bei dem das Kreuz durch den Atheismus gestürzt werden soll (siehe Abbildung im Inhalt, Seite 4). · Foto: Bridgeman Images
Atheismus wird als aristokratisches Phänomen umgedeutet
Robespierre wählte eine Theaterinszenierung, um den Wandel der Einstellung der Republik zum Glauben für alle sicht- und hörbar zu machen und später mittels des Bildmaterials dauerhaft festzuhalten. Der Atheismus hatte unter Theaterdonner und Feuerblitzen abzutreten, und als Retter aus einer gottlosen Zeit bzw. als eine Art Deus ex Machina trat das Höchste Wesen auf den Plan.
Unglauben hatte Robespierre zudem auch als aristokratisches Phänomen und vorrevolutionäres Gedankenkonstrukt Intellektueller und Libertins umgedeutet, um so den Glauben an ein höchstes Wesen als einzigen Weg des Volkes und zu einer Säule des republikanischen Systems zu erklären. Schon am 23. November 1793 hatte er in einer Rede festgestellt, dass „die Idee eines Höchsten Wesens, das über die unterdrückte Unschuld wacht und das triumphierende Verbrechen bestraft, dem Volk gehört“.
Im Kult des Höchsten Wesens lag der Versuch der jungen Republik, sich eine eigene und neue Zivilreligion, einen wahrhaft revolutionären und revolutionsgemäßen Glauben zu geben. Nicht mehr die Kirche sollte die moralische Ordnung garantieren, sondern ein vernunftgeleiteter Gottesglaube, den alle Bürger teilen konnten.
Mit dem Sturz und der Hinrichtung der führenden Hébertisten im März 1794 verschwand der Kult der Vernunft aus dem politischen Zentrum der Revolution. Die öffentliche Verbrennung des Atheismus markierte damit zugleich einen kurzen Sieg Robespierres über seine innerrevolutionären Gegner. Tatsächlich lebte 1795 in ganz Frankreich die Religiosität wieder auf.
Entgegen Robespierres polemischer Verknüpfung von Atheismus und Aristokratie gab es vor der Revolution wohl auch im Rest der Bevölkerung bereits Anzeichen für Glaubensfrust: Der Publizist Louis-Sébastien Mercier (1740–1814) hatte für das Paris der 1780er Jahre in seinem „Tableau de Paris“ (1781/1788) konstatiert, dass die Stadt voller Rienisten (von französisch rien; „nichts“) sei, sich der Atheismus in der Hauptstadt immer weiter ausbreite und nur noch Frauen in den Messen zu finden seien. Immerhin bestätigt sich aber offenbar eine Wahrnehmung, die auch Goulets Stich nahelegt: Unglaube schien vor allem für Männer attraktiv zu sein.
Prof. Dr. Susan Richter
ist Lehrstuhlinhaberin für die Geschichte der Frühen Neuzeit am Historischen Seminar an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.
Literatur
Susan Richter (Hrsg.), Verfolgter Unglaube. Atheismus und gesellschaftliche Exklusion in historischer Perspektive. Frankfurt/New York 2018.
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