Die Eselsohren sind seit jeher ein Attribut des Narren. Wenn die Protestanten den Heiligen Vater in Rom als „Bapstesel“ verspotteten, schwang diese Assoziation mit (Kupferstich von Lucas Cranach d. Ä., 1523). · Foto: Bridgeman Images / Fine Art Images
Bei dem im 16. Jahrhundert entbrannten konfessionellen Streit zwischen Protestanten und Katholiken beschimpften sich beide Seiten gegenseitig als Atheisten. Der Begriff wurde dabei sehr unscharf genutzt. Erst im Zuge der Frühaufklärung wurde der Diskurs um den Atheismus akademischer geführt.
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Ob jemand ein Atheist ist oder nicht, scheint im heutigen Verständnis eine simple Frage: Ein Atheist ist, wer nicht an Gott glaubt. Theologisch betrachtet braucht es dazu noch etwas mehr. In die Klasse der Atheisten fallen da nur Menschen, die das Dasein Gottes aktiv bestreiten. Wer nicht an Gott glaubt, sagt damit nichts über dessen Existenz aus, sondern nur über sich selbst.
Es gibt theologische Überlegungen, denen zufolge alle Menschen ein angeborenes Wissen von Gott haben. Man kann es jedoch vergessen oder unterdrücken. Selbst wenn jemand die göttliche Existenz bestreitet oder Gottes Nichtexistenz behauptet, ist es aus dieser Sicht immer noch vorstellbar, dass hier das Wissen (früher sagte man: die Erkenntnis) von Gott nur einmal ausgesetzt hat oder aus bestimmten Gründen ausgeblendet wird. Wer auf diese Weise Gott leugnet, leugnet also eigentlich das eigene Wissen, dass Gott existiert.
Das nennt man „natürliche Theologie“. Diese Sichtweise war lange so selbstverständlich und unhinterfragbar, dass selbst leise Zweifel oder respektlose Bemerkungen gegenüber der Bibel, der Kirche und manchen Glaubenssätzen schnell als Zeichen für Unglauben gewertet wurden. Man nannte das nicht immer Atheismus, es gab auch andere Begriffe wie etwa Blasphemie (Gotteslästerung), Häresie (Ketzerei) oder Heterodoxie (Irrlehre). Manche nicht ganz lupenreine Aussage konnte auch als Aberglaube angesehen werden.
Das hat auch psychologische Gründe. Häufig führt ein starkes Normengefüge in einer Gesellschaft zu einer verstärkten und oft negativen Wahrnehmung und Sanktionierung von Abweichungen. Das muss nicht immer schlecht sein, hat sich aber historisch sehr verschieden ausgewirkt. Schnell ist die ganze Gesellschaft bereit zu glauben, dass derartige Abweichler den Umsturz der gemeinsamen Norm herbeiführen wollen. Man reagiert darauf meist mit Angst und Aggression.
Bei der Propagandaschlacht zwischen den Protestanten und der katholischen Kirche kam auch der Vorwurf des Atheismus zum Einsatz. Der kolorierte protestantische Holzschnitt zeigt Martin Luther und Papst Leo X., dessen Thron bereits wackelt. · Foto: akg-images
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Wenn man die heutige genaue Definition des Atheismus anlegt, würde man sagen, dass es klar überführbare Atheisten, von denen wir sicher wissen, seit etwa 1660 gab. Das waren noch Einzelfälle. Ein massenhafter Atheismus im engeren Sinn existierte auch im 18. und selbst im 19. Jahrhundert nicht. Es gab aber viele Schriften gegen den Atheismus, nicht erst seit 1660, sondern schon knapp 100 Jahre früher. Und sie waren oft gegen Menschen oder Gruppen gerichtet, die mit ziemlicher Sicherheit keine Atheisten waren. Wie kann das sein?
Mehrere Gründe wirken hier zusammen. Am wichtigsten ist dabei, was man in der Frühen Neuzeit, in der Zeitspanne von 1500 bis 1800, unter Atheismus verstand. Dazu gleich noch mehr. Nicht minder wichtig ist die Frage, warum man glaubte, Atheisten überall zu sehen, warum man bereit war, Menschen oder ganze Gruppen von Menschen als Atheisten zu bezeichnen, in vielen Fällen gar wüst zu beschimpfen. Das hat mit den psychologischen Mechanismen zu tun, von denen eben die Rede war.
Atheisten wird eine Reihe schlechter Charaktereigenschaften unterstellt
Deshalb kann man hier von einem Feindbild sprechen. Das zeigt sich auch daran, dass über solche angeblichen Atheisten geradezu schauerliche Gerüchte kursierten. Es wurden ihnen meist zahlreiche negative Charaktereigenschaften nachgesagt. Wer die Existenz Gottes bestritt, so glaubte man, müsse ein kategorisch schlechter Mensch sein, ob das eine Folge des Atheismus sei oder dessen Voraussetzung. Man hatte sich ein Stereotyp des gemeinen Atheisten zurechtgelegt, das in Traktaten, Predigten, Gedichten und in fiktionalen Erzählungen über Ungläubige so oft wiederholt wurde, dass es von sehr vielen Menschen in der Frühen Neuzeit offenkundig für wahr gehalten wurde.
Das ist deshalb nicht verwunderlich, weil dieses Feindbild von sehr prominenten Personen weitergetragen wurde. Eine der detailliertesten psychologisch-moralischen Spekulationen dieser Art stammte vom Reformator Johannes Calvin (1509–1564) persönlich. Er schrieb 1557 einen Kommentar zu den im vorangegangenen Artikel bereits erwähnten Psalmen 14 und 53. Jemand, der wie der Narr oder Tor aus den Psalmen in seinem Herzen spreche, sei laut Calvin durch sündhaftes Verhalten in solche Angst vor dem göttlichen Richter geraten, dass er sich lieber einrede, es gebe keinen Gott, als sein Verhalten zu ändern oder die Strafe abzuwarten. Er singe sich, schreibt Calvin, den Satz „Es ist kein Gott“ immer wieder vor. Heute würde man von einer Art Mantra sprechen. Atheismus also aus Angst vor Gott?
Für Johannes Calvin war die Behauptung „Es ist kein Gott“ ein Schutzreflex von Sündern, die Angst vor der göttlichen Strafe hätten (Gemälde, um 1530). · Foto: akg-images / Erich Lessing
Es ist zwar theoretisch möglich, dass ein Mensch auf diesem Wege dazu gelangt, die Existenz Gottes zu bestreiten. Aber diese Verallgemeinerung ist unzulässig, außerdem kann man sehr wohl Sünden begehen und doch weiter an Gott und an die Erlösung glauben. Genau das war Martin Luthers (1483– 1546) Sicht auf den Unglauben. Am schlimmsten waren für ihn Menschen, die von ihrer Rechtgläubigkeit tief überzeugt, aber innerlich gar nicht gläubig waren. Sie lebten Luther zufolge in einer trügerischen Sicherheit (securitas).
„Nicht gläubig“, das heißt hier: in jenem strengen Sinn, den Luther dem christlichen Glauben gegeben hatte. Für ihn war die Sündigkeit die primäre Tatsache jedes christlichen Lebens, aus der nichts als der Sprung in den Glauben, das Vertrauen auf die Gnade (daher sola gratia), heraushelfen konnte. Wer meinte, die Gnade nicht zu brauchen oder sie gratis zu erhalten, ohne Reue und Buße, war für Luther ein Gottloser, ein „Epikuräer“. Den Begriff nahm er von dem antiken Philosophen Epikur, der als einer der ersten Atheisten galt, vor allem aber eine Orientierung des Lebens an der Lust empfohlen hatte.
In Wirklichkeit hatte es Luther aber gar nicht auf Anhänger Epikurs abgesehen, sondern auf Christen, die ihren Glauben nicht ernst nahmen, die ohne innere Anteilnahme in der Kirche saßen und sich mithin schon für erlösungsfähig hielten. Eine derartige Haltung glaubte Luther vor allem in Rom gesehen zu haben, bei katholischen Priestern. Daran sieht man schon, wie die Idee des Unglaubens eine konfessionelle Ausrichtung bekam.
Konflikte zwischen christlichen Gruppen
Hier liegt der dritte und vermutlich wichtigste Grund für die vielen Schriften gegen Ungläubige oder Atheisten vor und nach 1660, neben den Definitionsfragen und der Feindbild-Psychologie: Der Atheismusvorwurf wurde oft da erhoben, wo christliche Gruppen miteinander in Konflikt gerieten. So wie Luther die römischen Katholiken als gottlose Epikuräer bezeichnete, so griffen schon bald katholische Theologen Luther und seine Mitstreiter als Atheisten an. Dieser Mechanismus reicht aber geschichtlich weit über die Reformationszeit hinaus und bestimmte 200 Jahre lang die Art, wie über und gegen den Atheismus öffentlich geschrieben wurde.
Der Mensch erlange die göttliche Gnade alleine durch den Glauben an Jesus Christus, kirchliche „Vermittlungsinstanzen“ brauche es nicht. Lucas Cranach d. Ä. illustrierte die Grundaussage von Luthers Theologie mit diesem Gemälde (entstanden nach 1529). · Foto: akg-images
Eine der frühesten und noch bis 1750 meistzitierten Schriften gegen den Atheismus und sonstige „Feinde“ des christlichen Glaubens (gemeint waren damit etwa auch Islam und Judentum) entstand 1581 in größter Nähe zu den Religionskriegen zwischen Spanien, als der Schutzmacht der katholischen Kirche, und den protestantischen Gegenkräften in Frankreich und den Niederlanden. Der Autor dieser Schrift war nicht nur Theologe, sondern ein führender Diplomat im Dienst des protestantischen Heerführers Heinrich von Navarra: Philippe de Mornay (1549–1623). Sein Appell an die christlichen Konfessionen, sich gegen große Gefahren wie den Atheismus zu verbünden, war ein politisches Manifest für Toleranz, um damit Frieden zwischen den Parteien zu stiften.
Noch einige Male wurde der Atheismusvorwurf in dieser Weise politisch instrumentalisiert, wo die drei christlichen Konfessionen im Gefolge der Reformation aufeinanderprallten. Gegen die Toleranzidee Mornays erschien bald eine katholische Gegenschrift, der „Atheomastix“ („Geißel der Atheisten“) eines flämischen Juristen, dessen Vater Berater beim spanischen König war. Auch er hetzte zum Kampf gegen die Atheisten auf, meinte damit aber, wie die Lektüre des Textes zeigt, die „Politiker“ (politici), mithin Menschen, die ihre politischen Ziele ihren religiösen Überzeugungen voranstellen würden.
Der „Atheomastix“ erschien 1598, im Jahr, in dem das Edikt von Nantes die blutigen Auseinandersetzungen in Frankreich vorerst beendete. Es war ein raffinierter Versuch, die Toleranzpolitik unter Atheismusverdacht zu stellen, blieb aber glücklicherweise erfolglos.
Wo Konflikte neu aufflammten, wie etwa im Dreißigjährigen Krieg, findet man wieder den Atheismusvorwurf von Christen gegen Christen der jeweils anderen Konfession, zumal gegen solche, die sich für ein Ende des Religionsstreits einsetzten. So war für strikte Lutheraner oder Calvinisten der Gedanke einer Kirchenunion zwischen den protestantischen Konfessionen unvorstellbar. Ihre Befürworter wurden als Neutralisten oder eben als Atheisten beschimpft.
Der protestantische Diplomat Philippe de Mornay verfasste eine Schrift, die sich gegen Atheisten richtete (Stich, 17. Jahrhundert). · Foto: INTERFOTO / ARTOKOLORO
Auch die akademische Welt wurde in diese Konflikte hineingezogen. Eine Tübinger Disputation von 1620, veranlasst von einem bekannten lutherischen Theologen, attackierte den calvinistischen Hofprediger Abraham Scultetus aus Heidelberg in dieser Weise. Er hatte sich für Friedrich V. von der Pfalz („Winterkönig“) im Vorfeld des Böhmischen Aufstands diplomatisch betätigt, indem er die dortigen Protestanten zur Einigkeit aufgerufen hatte. Das genügte, um ihn als Atheisten auszuschreien, obwohl er keiner war, und erinnert an inquisitorische Methoden.
Die Pietisten und der „praktische Atheismus“
Das vorläufig letzte Kapitel in dieser Geschichte bildet die Entstehung des Pietismus, einer seit etwa 1660 aufgekommenen Frömmigkeitsbewegung innerhalb des Protestantismus. Die ersten antiatheistischen Schriften nach Ende des Dreißigjährigen Kriegs wurden von Anhängern dieser noch jungen Bewegung verfasst. Die Autoren hießen Theophil Großgebauer, Theophil Spizel und Anton Reiser. Liest man ihre Schriften, kann man sehen, dass auch sie es nicht primär auf echte Atheisten im heutigen Sinn abgesehen hatten.
Zwar wussten die Verfasser, dass man den Begriff „Atheismus“ sehr weit oder sehr eng fassen konnte, sie waren in der Lage, verschiedene Arten oder Grade des Atheismus zu benennen. Ihr Hauptgegner waren aber gar nicht die gerade seit dieser Zeit wirklich nachweisbaren Autoren atheistischer Manuskripte, sogenannter Clandestina (von französisch clandestin; „verborgen“, „geheim“), sondern das, was sie „praktischen Atheismus“ nannten.
Den Begriff hatte sich ein niederländischer Theologe einige Jahrzehnte vorher ausgedacht, der auch sonst als ein Vorläufer des Pietismus gilt. Diesem Mann, Gisbert Voetius (1589–1676), zufolge könne man theoretischen und praktischen Atheismus unterscheiden. Allein der theoretische Atheist würde Gott mit Worten leugnen, ob direkt (das ist Atheismus im engeren Sinn) oder indirekt (das konnten die oben genannten minimalen Abweichungen sein). Praktischer Atheist sei, wer Gott nicht durch Worte, sondern durch seine Lebensweise verleugne.
Gisbert Voetius (rechts) und Papst Clemens X.: Der satirische Stich spielt darauf an, dass der reformierte Theologe durch seine Kritik an Atheisten und anderen protestantischen Gruppierungen unverhofft die gleichen Gegner hatte wie der Papst, zudem starben beide im Jahr 1676. · Foto: mauritius images / BTEU / RKMLGE / Alamy / Alamy Stock Photos
Mit anderen Worten: Wer sich nicht streng an die Zehn Gebote und sonstige christliche Lebensregeln halte, dürfe als Atheist bezeichnet werden. Vorher sprach man dabei von „Sünde“ oder „Sünder“. Diese sieht ein guter Christ überall, zumal bei sich selbst. Durch diese Definition war es möglich, überall Atheisten zu sehen, mitten in der Kirche, im eigenen Dorf.
Rhetorische Waffen beim Kampf um die eigene Konfession
Ähnlich wie bei Luther wird der Atheismusvorwurf hier gebraucht, um mithilfe einer rhetorischen Waffe ein Reformprojekt auf den Weg zu bringen: den frühen Pietismus. Das Problem: Statt bei sich selbst anzufangen, wie es das Sündenmodell eigentlich vorsieht, blickte man lieber auf andere Leute und nannte sie Atheisten. Das ist auch weit bequemer.
Natürlich gab es inzwischen de facto auch mehr echte Atheisten, also Menschen, die in ihren Schriften artikulierten, dass sie Gottes Existenz infrage stellten, sei es wörtlich oder implizit, so wie etwa Baruch Spinoza (1632–1677). Der Philosoph leugnete Gott nicht, aber er lehnte die Idee eines personalen Schöpfergottes ab, der in den Lauf der Welt eingreift, weswegen er von Theologen der Zeit fast einstimmig als Atheist angesehen wurde.
Dass er persönlich bescheiden und unauffällig lebte, nicht durch sündhaftes oder blasphemisches Verhalten auffiel, verhinderte die Zählebigkeit des Feindbilds vom gottlosen Sünder, vom gewissenlosen libertin (so sagte man in Frankreich) nicht. Es hielt sich noch lange über Spinozas Tod hinaus, bis weit ins 18. Jahrhundert. Statt von Atheisten sprach man jetzt häufig vom Freidenker oder Freigeist (das deutsche Wort für libertin), meinte aber meist das Gleiche damit.
Diese Veröffentlichung von François Lamy, einem Benediktiner, aus dem Jahr 1696 richtet sich gegen die Philosophie Spinozas, die als atheistisch angesehen wurde. · Foto: Bibliothèque nationale de France (Abt. Arsenal, 8-T-10487)
In einem „Freydenker-Lexicon“ von 1759 (das alles andere als ein sachliches Nachschlagewerk war) ist der Satz zu lesen: „Ich begreife aber unter dem Namen der Freydenker, oder Freygeister, Atheisten, Naturalisten, Deisten, grobe Indifferentisten, Sceptiker und dergleichen Leute.“
Inzwischen war das Feindbild nicht mehr gegen konfessionelle Gegner gerichtet. Seit dem Ende des 17. Jahrhunderts hatten sich frühere Konfliktlinien verschoben. Noch immer wurde aber das Feindbild häufig gegen Personen oder Gruppen gerichtet, die aus heutiger Sicht keine Atheisten waren. Besonders häufig hielt man lange Tiraden ganz allgemein gegen den Atheismus statt gegen konkrete Personen. Das richtete sich jetzt vielfach gegen den gesamten Zeitgeist. Auch wenn das 18. Jahrhundert in der Breite viel religiöser war, als heute oft behauptet wird, so bemerkte man doch eine Veränderung: Die Welt war weltlicher geworden. Das machte vielen Menschen Angst.
Man hat deswegen lange geglaubt, dass die vielen Klagen über grassierenden Atheismus gegen die Aufklärung gerichtet waren. Sie sei das Moderne, gegen das die Kräfte des Alten ihre Ängste und ihren Zorn schleuderten. Das ist so aber nicht richtig. Erstens waren die allerwenigsten Aufklärer echte Atheisten. Zweitens zogen etliche Aufklärer selbst gegen den Atheismus zu Felde. Drittens aber wurden viele Aufklärer – so viel ist korrekt – als Atheisten bezeichnet und angegriffen. Weil ein Ziel der Aufklärung die „Aufklärung der Begriffe“ war, also eine Präzisierung der Sprache, um damit die Erkenntnis zu verbessern, nahm man sich vor, mit dem irreführenden Gebrauch des Begriffs „Atheismus“ aufzuräumen.
Thomasius und Wolff sehen sich zu Unrecht beschuldigt
Viele heute vergessene Autoren arbeiteten bei diesem Projekt zusammen. Hier soll auf zwei herausragende Figuren hingewiesen werden, auf Christian Thomasius und Christian Wolff, beide Hochschullehrer in Halle. Wolff wurde von dort vertrieben – wegen angeblich atheistischer Ansichten. Auch Thomasius wurde oft als Atheist bezeichnet, er konnte sich jedoch erfolgreich wehren. In ihren philosophischen Schriften kritisierten die beiden die inquisitorischen Methoden ihrer Gegner. Diese gab es, wie wir gesehen haben, mindestens seit der Reformationszeit. Thomasius und Wolff traten (gemeinsam mit anderen) an, das jetzt zu ändern.
Christian Fürchtegott Gellert widmete 1769 eines seiner moralischen Gedichte dem „Freygeist“. Ziel „des Frechen Spott“ sei oft Gott gewesen, bis er sich schließlich auf dem Totenbett von „seiner frommen Magd“ habe bekehren lassen (Stich von Daniel Nikolaus Chodowiecki, 1776). · Foto: akg-images / Liszt Collection
Dafür nutzten sie einen ungemein hilfreichen Begriff, die „Konsequenzenmacherei“. Sie hatten (zum Teil am eigenen Leib) bemerkt, dass der Atheismusvorwurf sich gern auf Schlussfolgerungen gründete, welche aus per se nichtatheistischen Aussagen gezogen wurden. Die Logik dabei: Wenn du A behauptest, so behauptest du auch B, wenn du B behauptest, behauptest du auch C und so weiter. Am Ende dieser Ketten stand dann die Aussage „Gott existiert nicht“, obwohl die betreffende Person das nicht gesagt hatte. Thomasius empfahl dagegen eine recht simple Regel: Man solle sich stets an die Aussagen der Betreffenden halten, statt daraus falsche Schlüsse zu ziehen.
Noch weniger konnten sie mit dem „praktischen Atheismus“ anfangen. Sie wiesen zurecht darauf hin, dass es viel mehr Ursachen gibt, sich sündlich zu verhalten, es lasse sich deshalb kein Rückschluss auf heimlichen Atheismus ziehen. Weil beide Autoren viele Schüler hatten und stark auf die frühe Aufklärung wirkten (bis in die Theologie hinein, wo wenig später ähnlich argumentiert wurde), nahm der bösartig-denunziative Gebrauch des Begriffs „Atheismus“ bald ab.
Thomasius hat ihn in vielen seiner Schriften anschaulich beschrieben und dabei psychologische Mechanismen aufgedeckt, die auf die meisten Menschen zutreffen: „Es ist nicht zu läugnen / daß viel unter denen alten und heutigen Gelehrten nicht nur wider die Atheisterey geschrieben / sondern auch immer einer den andern / wider den er eine Feindschafft träget als einen Atheisten traduciret und verläumbdet / da doch unter hunderten öffters kaum ein ein[z]iger ist / der von der Atheisterey und was ein Atheiste sey / sich einen rechtschaffenen und deutlichen concept mache / sondern gemeiniglich ein unvernünfftiger Haß / oder zancksüchtige Rachgier zum Grunde dieser harten Beschuldigung geleget werden.“
Der Frühaufklärer Christian Thomasius aus Halle wehrte sich gegen eine vorschnelle Diffamierung als Atheist (Gemälde von Johann Christian Heinrich Sporleder, 18. Jahrhundert). · Foto: mauritius images / The Picture Art Collection / Alamy / Alamy Stock Photos
Prof. Dr. Björn Spiekermann
ist Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft mit dem Schwerpunkt Frühe Neuzeit an der Universität Osnabrück.
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Björn Spiekermann, Der Gottlose. Geschichte eines Feindbilds in der Frühen Neuzeit. Frankfurt am Main 2021.
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