Industrie- und Wirtschaftsspionage sind kein neues Phänomen, schon vor Jahrhunderten versuchten Herrscher, Staaten oder Unternehmen, sich Vorteile durch „Abgucken“ von der Konkurrenz zu verschaffen. Heute ist dies angesichts wachsender politischer Spannungen und Konflikte aktueller denn je – unter anderem in Bezug auf Chinas mögliche Spionageversuche in westlichen Industrienationen. „Von Halbleitern bis hin zur künstlichen Intelligenz sind Bedenken hinsichtlich Wirtschaftsspionage zu einem zentralen Aspekt des geopolitischen Wettbewerbs geworden“, erklären Albrecht Glitz von der Universität Pompeu Fabra in Barcelona und seine Kollegen.
DDR-Wirtschaftsspionage als Fallbeispiel
Doch eine grundlegende Frage ließ sich bislang überraschend schwer beantworten: Verbessert der Diebstahl technologischen Wissens tatsächlich die Wirtschaftsleistung? Dies haben Glitz und seine Kollegen nun an einem konkreten Beispiel genauer untersucht: der Wirtschaftsspionage durch die DDR während des Kalten Kriegs. „Damals führte das Ministerium für Staatsicherheit - kurz Stasi – eines der größten Wirtschaftsspionage-Programme weltweit durch“, erklären Glitz und seine Kollegen. Den aus dieser Zeit erhaltenen Stasi-Akten zufolge gelangte die DDR dadurch an mehr als 18.000 wissenschaftliche und technische Informationen aus Unternehmen und Forschungseinrichtungen im Westen.
Anhand bisher unzugänglicher Geheimdienstarchive sowie neu digitalisierter Unternehmensunterlagen konnten Glitz und sein Team solche Spionageinformationen von ihrer Quelle im Westen bis zum Endempfänger in der ostdeutschen Wirtschaft verfolgen. Das ermöglichte es ihnen erstmals, die konkret durch diese Spionage erlangten Vorteile zu ermitteln und zu beziffern. „Indem wir einzelne Informationen von ihren Quellen im Westen bis zu ihren Nutznießern im Osten nachverfolgen, können wir ihre wirtschaftlichen Auswirkungen quantifizieren“, erklärt Glitz.
Höhere Produktivität, mehr Exporte, mehr Ertrag
Die Auswertungen ergaben: „Die Wirtschaftsspionage hatte einen beträchtlichen positiven Einfluss auf die Produktivität der DDR-Firmen“, berichtet das Team. Die von der Stasi an die Unternehmen weitergegebene Informationen machten die Herstellungsprozesse effizienter, die Produkte besser und sparten Kosten ein. Wenn ein Unternehmen einen Prozentpunkt mehr wertvolle Informationen aus den Stasi-Spionagedaten erhielt, erhöhte sich seine Wertschöpfung und seine Arbeitsproduktivität dadurch um fast einen Prozentpunkt pro Jahr. „Die Unternehmen profitierten dabei nicht nur von ihrem eigenen Zugang zu den durch Spionage gewonnenen Informationen, sondern auch von Produktivitätssteigerungen bei ihren Zulieferern und Kunden“, schreiben die Forschenden.
Diese wirtschaftlichen Vorteile halfen auch der DDR-Wirtschaft insgesamt: Zwar brachte die Wirtschaftsspionage den DDR-Firmen wenig Vorteile auf westlichen Märkten, wohl aber innerhalb des Ostblocks. Die DDR konnte dadurch ihre Exporte in Ostblockländer und vor allem die Sowjetunion erheblich steigern. Diese ökonomischen Vorteile lassen sich auch konkret beziffern: „Jede zusätzliche wertvolle Information erbrachte einen geschätzten jährlichen Ertrag von 1,64 Millionen Ostmark – das entspricht rund 300.000 Euro in 2020“, berichten die Forschenden. “Insgesamt erhöhte die Wirtschaftsspionage in den 1970er und 1980er Jahren die Wertschöpfung der DDR-Industrie bis 1988 um rund 22,3 Prozent und das Bruttoinlandsprodukt der DDR um 7,4 Prozent.“ DDR-Firmen, die von den Informationen profitiert hatten, schafften zudem den Übergang zur Marktwirtschaft nach der Wiedervereinigung besser als andere.
Relevant auch für die heutige Zeit
Diese Ergebnisse sind auch für die heutige Zeit relevant: „Obwohl unsere Studie Ereignisse aus dem Kalten Krieg untersucht, sind die zugrunde liegenden Fragen auch heute von hoher Bedeutung im Hinblick auf Exportkontrollen, die Industriepolitik, den Schutz geistigen Eigentums und den technischen Wettbewerb“, sagt Co-Autor Adrian Lerche vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. Die Studie zur DDR-Wirtschaftsspionage zeige, dass solche illegal erlangten Informationen über technische oder wissenschaftliche Fortschritte einem Land messbare wirtschaftliche Vorteile verschaffen können.
Angesichts der wachsenden ökonomischen Konkurrenz zu China oder der politischen Spannungen mit Russland zeigt dies, wie wirtschaftlich bedeutsam der Zugang zu fortgeschrittenem Wissen sein kann – beispielsweise zu neuesten Entwicklungen in der künstlichen Intelligenz, der Chipfertigung oder bei industriellen Prozessen. Nach Ansicht der Forschenden ist es daher durchaus sinnvoll, Spionage durch gezielte Gegenmaßnahmen einzugrenzen. „Viele Regierungen verschärfen derzeit die Exportkontrollen, prüfen ausländische Investitionen und verstärken den Schutz strategischer Technologien“, sagt Glitz.
Quelle: Rockwool Foundation Berlin; Fachartikel: RFBerlin Discussion Paper No 255/26.





