Das gallische Lutetia ist vor allem aus den Schriften des römischen Herrschers Julius Cäsars bekannt. Demnach reiste Cäsar im Jahr 53 vor Christus ins „Lutetia der Parisier“, wo er eine Versammlung gallischer Stämme einberief. Seinem Bericht zufolge handelte es sich dabei um ein Oppidum - eine befestigte Siedlung – des gallischen Stamms der Parisii. Diese lebten in der Antike im Gebiet der heutigen Île-de-France. Nach Cäsars Beschreibungen lag ihre Siedlung „Lutetia“ auf einer durch Brücken verbundenen Insel in einer Schleife der Seine. Als die Römer im Jahr 52 v. Chr. Lutetia angriffen, sollen die Gallier ihre Stadt selbst in Brand gesteckt haben.
Aufgrund dieser historischen Berichte gilt das gallische Lutetia schon länger als Vorläufer der heutigen französischen Hauptstadt Paris. Das gallische Oppidum wird dabei auf der Île de la Cité verortet – einer mitten in Paris gelegenen Insel in der Seine. Doch die archäologischen Belege für eine gallische Besiedlung der Île de la Cité waren bislang spärlich. Deshalb vermuteten einige Archäologen sogar, dass das gallische Lutetia nicht in Paris lag, sondern in einer Seine-Schleife bei Nanterre.
Gallische Befestigungsmauer mit Brandspuren
Jetzt gibt es einen archäologischen Fund, der die Frage nach dem gallischen Lutetia erstmals eindeutig beantworten könnte. Bei einer archäologischen Ausgrabung im Vorfeld von Umbauarbeiten am Krankenhaus Hôtel-Dieu auf der Pariser Île de la Cité haben Archäologen erstmals eine mögliche Wallanlage aus gallischer Zeit entdeckt. Die aus Stein und Holz errichtete Mauer ist auf etwa 20 Metern Länge erhalten und weist eine typische Bautechnik gallischer Oppida aus der Eisenzeit auf. Dabei werden Steinblöcke mit horizontal angeordneten Holzelementen kombiniert, wie das französische Institut National de Recherches Archéologiques Préventives (INRAP) berichtet. Hinter dem Bauwerk stieß das Team zudem auf eine große, künstlich angelegte Sand- und Kiesplattform.

Blick auf die freigelegte Befestigungsmauer. — © Hamid Azmoun/ INRAP
Erste Datierungen der Holzbauteile legen nahe, dass diese Befestigungsanlage zwischen 200 und 10 v. Chr. errichtet wurde – und damit zu der Zeit, in der Cäsar das gallische Lutetia beschreibt. Dazu passt eine gallische Speerspitze, die die Archäologen am Fuß der Mauer entdeckten. Ein weiteres Indiz: Die Mauer weist Spuren eines heftigen Brandes auf, in unmittelbarer Nähe wurden zudem die Überreste eines abgebrannten Holzgebäudes und verkohlte Samen gefunden. Dies würde zu dem Bericht des Brandes von Lutetia passen.
„Außergewöhnliches Zeugnis unseres kulturellen Erbes“
„Zusammengenommen liegt dies die Vermutung nahe, dass es sich bei dieser Mauer um einen Teil des Befestigungswalls des Oppidums von Lutetia handelt“, erklärt das INRAP. Die Funde auf der Île de la Cité seien mit einer Besiedlung in der späten Eisenzeit sowie mit einem durch Feuer verursachten Zerstörungsereignis vereinbar. Sollte sich dies bestätigen, wäre diese Entdeckung der lange gesuchte Beleg dafür, dass das gallische Lutetia tatsächlich im Herzen der französischen Hauptstadt lag. „Eine solche Entdeckung würde erstmals auf unmittelbare Weise eine Verbindung zwischen dem heutigen Paris, der antiken Stätte Lutetia und dem von Cäsar beschriebenen gallischen Lutetia herstellen“, so das INRAP.
„Wir stehen womöglich vor einem der wichtigsten Überreste, die je entdeckt wurden, um das gallische Lutetia zu verstehen. Zwar gebietet die wissenschaftliche Vorsicht noch, Funktion und zeitliche Einordnung zu überprüfen, doch die Übereinstimmung der Indizien ist schon jetzt bemerkenswert“, sagte die französische Kulturministerin Catherine Pégard. Emmanuel Grégoire, der Bürgermeister von Paris, kommentierte: „Die jüngsten Entdeckungen führen uns mehr als 2.000 Jahre zurück in die Zeit, als Lutetia in die schriftlich überlieferte Geschichte eintrat. Diese gallische Mauer erinnert uns an den Anschluss der Parisii an Vercingetorix, der sich gegen das Rom Cäsars erhob. Wir müssen nun alles daransetzen, dieses außergewöhnliche Zeugnis unseres kulturellen Erbes wissenschaftlich zu dokumentieren.“
Wie es jetzt weitergeht
Die Archäologen haben bereits mit weiterführenden Untersuchungen der Funde begonnen. Dies soll die genaue Funktion der Mauer und deren Erbauungszeitpunkt klären. Außerdem wollen die Forschenden mehr über die genauen Umstände der Zerstörung und Aufgabe dieser Befestigungsanlage und womöglich vorhandenen weitere Anlagen herausfinden. Eine umfassende digitale Dokumentation – insbesondere mittels Fotogrammetrie und 3D-Rekonstruktion – soll dabei helfen, das Bauwerk präzise abzubilden.
In den kommenden Wochen werden die Archäologen zudem einen Abguss anfertigen, der eine originalgetreue Rekonstruktion des Mauerabschnitts ermöglicht, bevor die Fundstücke geborgen werden. Denn aufgrund der Bauarbeiten kann die Mauer nicht am Originalstandort erhalten bleiben, wie das INRAP erklärt. „Zudem wäre die Erhaltung dort schwierig, weil die Steinblöcke durch das Feuer stark geschädigt und die Holzelemente weitgehend verkohlt und sehr fragil sind.“ Entsprechend riskant und schwierig sei die Bergung.
Quelle: Institut National de Recherches Archéologiques Préventives (INRAP)





