Im Nordosten Libyens lag in der Antike die Kyrenaika – eine bedeutende Kolonie erst der Griechen und später der Römer. Bereits im 6. Jahrhundert entstanden in dieser Region bedeutende Städte wie Kyrene, Barka oder Ptolemais. Ab 322 vor Christus wurde die Kyrenaika erst von Feldherren Alexanders des Großen regiert, dann von Mitgliedern der makedonisch-griechischen Dynastie der Ptolemäer. Im ersten Jahrhundert wurde die Region schließlich römische Provinz. Der Stadt Ptolemais kam als Hafenstadt eine besondere Bedeutung zu und war zum Schutz vor Angriffen von einer Stadtmauer umgeben. Im Jahr 365 wurde Ptolemais jedoch bei einem Erdbeben weitgehend zerstört, 428 verwüstete eine Eroberung durch die Vandalen die Stadt erneut.

Wie lebten die Bewohner von Ptolemais?
Trotz seiner langen Geschichte und großen Bedeutung ist Ptolemais bisher kaum erforscht – auch wegen politischer Unruhen in Libyen und dem Jahre andauernden Bürgerkrieg. Erst im Jahr 2023 sind polnische Archäologen unter Leitung von Piotr Jaworski von der Universität Warschau wieder nach Ptolemais zurückgekehrt – nach einer 13 Jahre dauernden Zwangspause. “Durch unsere archäologische Forschung in Ptolemais möchten wir die Geschichte dieser hellenistisch-römischen Stadt und das Leben ihrer Bewohner aufdecken”, sagt Jaworski. “Dafür führen wir Untersuchungen sowohl im Mikromaßstab durch, über die Ausgrabung eines sorgfältig ausgewählten Stadtviertels, als auch im Makromaßstab, indem wir das gesamte Stadtgebiet und seine Umgebung mittels nicht-invasiver Methoden kartieren.”
Während der Grabungssaison 2024 legten die Archäologen dabei den Küchentrakt einer im zweiten bis dritten Jahrhundert bewohnten Stadtvilla von Ptolemais frei. “Herzstück des von uns untersuchten östlichen Teils des Hauses war ein kleiner Innenhof. Um dieses Peristyl gruppierten sich eine Küche, eine Treppe zum ersten Stock und ein Raum mit einem mehrfach ausgebesserten Mosaik”, berichtet Jaworski. In diesem Hof fanden er und sein Team Reste eines Trinkwasser-Sammelsystems. Im Zentrum des Innenhofs lag dafür ein Wasserbecken, ein sogenanntes Impluvium, das dem Sammeln von Regenwasser diente. Von diesem Becken aus wurde das Wasser dann in zwei unterirdische Zisternen geleitet.
Das Gesicht in der Zisterne
In einer dieser Zisternen machten die Archäologen einen unerwarteten Fund: An der Innenwand prangte das aus wasserfestem Mörtel hergestellte Relief eines menschlichen Gesichts – ein bisher beispielloser Fund, wie das Team erläutert. Das Relief trägt eher stilisierte Gesichtszüge und lässt sich daher nicht ohne weiteres einer bestimmten Person zuordnen. Welche Bewandtnis es mit diesem Gesicht hatte, wen es darstellt und warum es im Inneren der Zisterne angebracht war, ist bisher ungeklärt. “Das in der Zisterne entdeckte Gesicht hat aber eine gewisse Ähnlichkeit mit den Gesichtern, die im libyschen Heiligtum Slonta südlich von Kyrene in Wände gemeißelt wurden”, sagt Jaworski.





