Postert schildert den Aufstieg der 1926 gegründeten Hitler-Jugend von einer kleinen, radikalen, auf Freiwilligkeit, Selbstführung und jugendlicher Autonomie basierenden Jugendbewegung zur Massenorganisation. Hunderttausende traten nach der Machtübernahme der Nationalsozia-listen 1933 freiwillig in die mit attraktiven Sport- und Freizeit-angeboten, Zeltlagern und „Gemeinschaftsempfinden“ werbende Hitler-Jugend ein. Die konkurrierenden Jugendorganisationen wurden nach und nach zerschlagen oder in die HJ eingegliedert.
Das rasante Wachstum stellte die Organisation vor vielfältige Probleme. Es fehlte an Personal, Mitgliederausweisen und Uniformen, es kam zu Vetternwirtschaft, Korruption, Vandalismus und Betrug. Diese Missstände versuchte die Reichsjugendführung durch die Einführung einer strengen Hierarchie innerhalb der Organisation abzustellen. Immer neue Regeln wurden erlassen, und 1934 mit dem „SRD“ genannten HJ-Streifendienst sogar eine eigene Polizei ins Leben gerufen.
Als die Hitler-Jugend 1936 per Gesetz zur Staatsjugend mit totalitärem Erziehungsanspruch erklärt wurde, war sie noch weit davon entfernt, alle deutschen Jugendlichen in ihren Reihen zu vereinen. Trotzdem blieb die Mitgliedschaft zunächst noch freiwillig. Dies änderte sich 1939 mit der Einführung der „Jugenddienstpflicht“. Seither wurden Kinder und Jugendliche notfalls mit Hilfe der Polizei, Geldstrafen oder Arrest zur Mitgliedschaft gezwungen.
Aus einer von Jugendlichen geführten, freiwilligen Jugendbewegung war eine bürokratische Massenorganisation mit allumfassendem Erziehungsanspruch geworden, die abweichendes Verhalten oder Verweigerung seitens ihrer Mitglieder hart sanktionierte. Mit den sogenannten Landesjugendhöfen schuf die Hitler-Jugend seit 1942 sogar Einrichtungen, die auf eine Umerziehung junger Menschen oder ihre „Aussonderung“ zielten.
Die ständigen Reglementierungen und die Verfolgung der eigenen Mitglieder provozierten aber auch widerständiges Handeln und führten zur Entstehung jugendlicher Subkulturen in den eigenen Reihen. An mehreren Beispielen kann Postert zeigen, dass es innerhalb der Hitler-Jugend bis zuletzt immer Handlungsspielräume für Einzelne oder Gruppen gab, die auch genutzt wurden.
Das informative, auf umfangreiches Quellenmaterial gestützte Buch besticht durch viele lokale Geschichten und Zeitzeugenberichte. Im Zentrum steht die Organisationsgeschichte der Hitler-Jugend. Biographien der Reichsjugendführer Baldur von Schirach und Arthur Axmann findet man dagegen nicht.
Rezension: Dr. Claudia Steur





