„Die Jahrzehnte vor der Reformation erscheinen entgegen der noch immer populären Meinung als eine kulturell fruchtbare Zeit, in der eine starke und relativ konfliktfreie Verkirchlichung der gesamten Gesellschaft eine breite religiöse Vielfalt nicht ausschloss“, beschreibt der Kirchenhistoriker Dr. Hartmut Kühne die Verhältnisse. Der Berliner Wissenschaftler arbeitet seit dem 1. September dieses Jahres im Rahmen eines von der Gerda-Henkel-Stiftung finanzierten Projekts an der Erschließung von Sachzeugnissen zur alltäglichen Frömmigkeitspraxis im Mitteldeutschland aus den Jahrzehnten vor der Reformation. Denn gerade in der Analyse und Einordnung dieser häufig unbekannten Objekte sieht Kühne einen lohnenswerten Zugang zu den religiös-kulturellen Voraussetzungen der ab 1517 von Wittenberg ausgehenden Bewegung.
Allerdings behinderten nicht zuletzt die ideologische Dominanz des Dritten Reichs und der DDR ein halbes Jahrhundert lang die historische Erforschung religiöser Kultur in Mitteldeutschland und löschten das Bewusstsein für diese Aspekte der eigenen Geschichte weithin aus. Vor diesem gesellschaftlichen und wissenschaftsgeschichtlichen Hintergrund ist das Ziel des Projekts die Wiederentdeckung der in Mitteldeutschland weithin vergessenen religiösen Lebenswelt des späten Mittelalters.
„Durch die im Rahmen des Projekts geplante Recherche und die Auswertung von einschlägigen Sachzeugnissen in den mittleren und kleineren Museen sowie weiteren Sammlungskontexten der Freistaaten Thüringen und Sachsen sowie der südlichen Landesteile Sachsen-Anhalts erhoffen wir uns in den kommenden zwei Jahren einen bedeutenden Wissenszuwachs über die tatsächlichen Voraussetzungen für die große Bereitschaft, mit der die Bevölkerung vielerorts die reformatorischen Ideen aufnahm“, erklärt Thomas T. Müller. Als Direktor der Mühlhäuser Museen hat er in Abstimmung mit fünf weiteren Partnern den Antrag für das nun gestartete Projekt eingereicht.
Die Forschungen sind als Vorstufe eines Ausstellungsvorhabens angelegt, das durch eine Kooperation der Mühlhäuser Museen mit dem Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig (Dr. Volker Rodekamp) und dem Kulturhistorischen Museum Magdeburg (Prof. Dr. Matthias Puhle) realisiert werden wird. Diese Schau soll in den Jahren 2013/2014 nacheinander in den beteiligten Häusern gezeigt werden, um den Sachverhalt in angemessener Form breiten Bevölkerungsschichten zu erschließen. Dabei sind regionale Schwerpunktsetzungen an den einzelnen Ausstellungsorten vorgesehen. Ergänzend dazu ist ein kleinerer Ableger dieses Ausstellungsprojekts in Kooperation mit der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt geplant, um das Ausstellungsthema im geographischen Rahmen der Grafschaft Mansfeld als der ‚ersten’ Heimat Martin Luthers in Luthers Sterbehaus in Eisleben darzustellen.





