Finale: Verwirrung in der 101. Minute, bevor der Schiedsrichter zu seinem Assistenten Bachramow eilt, der auf Tor für England entscheidet. · Foto: Getty Images / Express / Robert Stiggins
Von der WM 1962 in Chile hatten die Fußballfans in Europa kaum etwas zu sehen bekommen. Mehr als 48 Stunden dauerte es jeweils, bis die Filmbänder mit den Highlights der Spiele in Europa eintrafen. Den Superstar Pelé, der Brasilien zweimal hintereinander zum Titel geführt hatte, hatten die wenigsten je spielen sehen.
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Bei der WM im „Mutterland des Fußballs“ sollte alles anders werden. Zwei Jahre lang probten BBC und ITV alle Abläufe, auch mithilfe der Sendung „Match of the Day“, die im August 1964 erstmals ausgestrahlt wurde.
Sorge bereitete den Engländern hingegen ihre Nationalmannschaft. Trainer Alf Ramsey probierte in den ersten drei Jahren seiner Amtszeit nicht weniger als 48 Spieler aus. Die Ergebnisse ließen indes zu wünschen übrig. Bei einer Südamerikareise im Juni 1964 setzte es gegen Brasilien eine 1:5-Niederlage. Doch Ramsey hatte einen Plan.
Er selbst war aufgrund des Krieges erst spät Profi geworden. Bei Southampton und Tottenham spielte er in der zweiten Liga – bis Tottenhams Trainer Arthur Rowe seine „Push and Run“-Taktik einführte. Statt den Ball wie beim „Kick and Rush“ weit nach vorne zu schlagen, sollten seine Spieler den Ball mit kurzen Pässen aus der Abwehr nach vorne tragen. Dazu brauchte Rowe technisch versierte Verteidiger – wie Alf Ramsey.
Beim Spiel um Platz drei gegen die Sowjetunion hämmert Portugals Eusébio einen Strafstoß ins Netz. Eusébio wird mit neun Toren Rekordtorschütze. · Foto: Getty Images / Keystone
Als verlängerter Arm des Trainers auf dem Platz führte Ramsey Tottenham 1950 zum Aufstieg in die First Division und dort direkt zum Meistertitel. 1962 sollte er dieses Kunststück als Trainer von Ipswich Town wiederholen. Bis heute ist Alf Ramsey der Einzige, der sowohl als Spieler als auch als Trainer als Aufsteiger die englische Fußballmeisterschaft gewann.
Mit diesem Erfolg brachte sich Ramsey als Kandidat für die Nachfolge des Nationaltrainers Walter Winterbottom ins Gespräch, der nach der WM 1962 seinen Posten räumen musste. Doch um die WM im eigenen Land erfolgreich gestalten zu können, war ein Umbruch vonnöten. Nur zwei Spieler sollte Ramsey von Winterbottom übernehmen: Manchester Uniteds Spielmacher Bobby Charlton und den jungen Verteidiger Bobby Moore, den er nach nur elf Länderspielen zum Kapitän ernannte.
Bei Ipswich hatte Ramsey das „Push and Run“ um eine weitere Innovation ergänzt: Er zog den technisch guten, aber langsamen Außenstürmer Jimmy Leadbetter ins Mittelfeld zurück. Auf diese Weise schuf sein Team dort ständig Überzahlsituationen. Doch ehe er sein System der wingless wonders auf die Nationalmannschaft übertragen konnte, sollte es dauern.
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Erst im Dezember 1965 präsentierte Ramsey im Bernabéu-Stadion in Madrid sein taktisches Konzept. Es sei gewesen, „als habe eine Katze mit einer Maus gespielt“, kommentierte die spanische Zeitung „Arriba“ den englischen 2:0-Sieg. Auf einmal zählte das Heimteam zu den WM-Favoriten, neben Titelverteidiger Brasilien, den Portugiesen um ihren Star Eusébio und der westdeutschen Mannschaft.
Kontrollraum der BBC im Wembley-Stadion: Die Berichterstattung begann bereits mittags, das Finale sahen 32,3 Millionen Briten. · Foto: Getty Images / Hulton Archive / Central Press
Bei dieser hatte zuletzt ein junger Spieler für Aufsehen gesorgt, der gerade einmal seine erste Bundesligasaison hinter sich hatte und den Trainer Helmut Schön im entscheidenden Qualifikationsspiel in Stockholm gegen Schweden das erste Mal eingesetzt hatte. Diese mutige Entscheidung wurde belohnt: Kurz nach der Pause leitete Franz Beckenbauer den 2:1-Siegtreffer von Uwe Seeler ein.
Mit ihren Vorrundengegnern hatten sowohl das deutsche Team als auch die Engländer wenig Mühe. Doch in den Gruppen C und D gab es große Überraschungen. Nicht nur schlugen die Außenseiter aus Nordkorea Italien mit 1:0, auch Weltmeister Brasilien musste die Segel streichen. Zwar gewann Brasilien das erste Spiel gegen Bulgarien noch mit 2:0, doch Pelé verletzte sich und konnte bei der folgenden 1:3-Niederlage gegen Ungarn nicht mehr mitspielen.
Im letzten Gruppenspiel gegen Portugal musste unbedingt ein Sieg her. Trainer Vicente Feola baute seine Elf komplett um und setzte auch Pelé wieder ein, doch es nutzte nichts: Nach zwei rüden Fouls konnte Pelé nur noch über den Platz humpeln. Auswechslungen waren noch nicht erlaubt, der Titelverteidiger verlor erneut mit 1:3 und schied aus.
Im Viertelfinale kam es beinahe zur nächsten Sensation. Nach einer halben Stunde lagen die Portugiesen gegen Nordkorea mit 0:3 hinten. Dann drehte Eusébio auf und entschied mit vier Toren das Spiel, das schließlich mit 5:3 endete.
Franz Beckenbauer (links) mit Helmut Haller während einer Trainingseinheit. Der 20-jährige Beckenbauer wurde zu einer der großen Entdeckungen der WM. · Foto: akg-images / picture alliance / Karl Schnoerr
Die Spiele England–Argentinien und Deutschland–Uruguay waren Fußballschlachten – im Wortsinn. In Wembley wurde Argentiniens Kapitän Antonio Rattin wegen wiederholten Meckerns des Feldes verwiesen, weigerte sich aber zunächst, vom Platz zu gehen, sodass das Spiel für rund zehn Minuten unterbrochen werden musste. England siegte durch ein spätes Kopfballtor von Geoff Hurst.
Noch wüster ging es in Sheffield zu. Nach einem groben Foul an Lothar Emmerich war es hier Horacio Troche, der das Spielfeld vorzeitig verlassen musste. Entschlossen, mindestens einen deutschen Spieler mitzunehmen, schlug er Uwe Seeler ins Gesicht. Der ließ sich jedoch nicht provozieren, und nach einem weiteren Platzverweis verloren die verbliebenen neun Uruguayer deutlich mit 0:4.
Im Halbfinale erarbeitete sich das deutsche Team ein 2:1 gegen die Sowjetunion, die sich zuvor gegen Ungarn durchgesetzt hatte. Das zweite Halbfinale wurde zum Gala-Auftritt von Bobby Charlton, der England mit zwei Toren ins Finale schoss. Damit stand fest: Zum ersten Mal nach dem Krieg würden England und Deutschland in einem Turnier aufeinandertreffen – und dann gleich in einem WM-Finale.
Die beiden Trainer Ramsey und Schön hatten den Krieg noch erlebt. Doch auch die jüngere Generation war davon betroffen gewesen. So war der englische Mittelfeldspieler Nobby Stiles 1942 während eines Fliegeralarms in einem Luftschutzkeller in Manchester zur Welt gekommen. Die politische Brisanz des Spiels zu kommentieren, vermieden die direkt daran Beteiligten jedoch.
Beim Stand von 2:2 stimmt Englands Trainer Alf Ramsey sein Team auf die Verlängerung im Finale ein. · Foto: akg-images / picture alliance / Karl Schnoerr
Als das Finale am 30. Juli um 15.00 Uhr angepfiffen wird, legen beide Mannschaften von Beginn an ein hohes Tempo vor. Bereits in den ersten zehn Minuten gibt es Chancen auf beiden Seiten. Einen Schuss von Seeler lenkt der englische Torwart Gordon Banks zur Ecke ab. Auf der anderen Seite kann Hans Tilkowski den Ball vor dem heranrauschenden Geoff Hurst wegfausten, wird dabei aber von diesem abgeräumt und muss behandelt werden.
In der 12. Minute landet ein missglückter Klärungsversuch von Ray Wilson genau vor den Füßen von Helmut Haller, der zum 1:0 trifft. Aber BBC-Kommentator Kenneth Westenholme erinnert die Zuschauer: „In den letzten drei Finals hat die Mannschaft, die in Führung ging, am Ende verloren!“
Tatsächlich fällt kaum fünf Minuten später der Ausgleich. Nach einem Foul an Moore führt der englische Kapitän den fälligen Freistoß schnell aus und schlägt den Ball als Flanke in den Strafraum. Dort kommt Geoff Hurst völlig frei zum Kopfball – 1:1. Die englischen Fans fangen an zu singen: „When the Saints, go marchin’ in …“
Bis zur Pause hätte es auch 3:3 stehen können. Mehrfach kommt Seeler zum Abschluss, auf der anderen Seite sorgt Hurst durch seine Kopfballstärke immer wieder für Gefahr. Kurz vor der Pause legt er den Ball auf seinen Sturmpartner Roger Hunt ab, doch dessen Schuss ist zu ungenau. Auf der anderen Seite vereitelt Banks eine Doppelchance von Overath und Emmerich.
Das legendäre „dritte Tor von England“: Tilkowski ist geschlagen, Weber köpft den Ball weg, und Roger Hunt in Jubelpose. · Foto: akg-images / picture alliance / Karl Schnoerr
Nach der Pause ist die deutsche Verteidigung besser geordnet, doch im Mittelfeld sehen sich Overath und Beckenbauer meist einer Überzahl englischer Gegenspieler gegenüber. Beckenbauer, der im Turnier bereits vier Tore erzielt hat, soll zudem Bobby Charlton bewachen und kann seine offensiven Qualitäten daher nur selten einbringen.
In der 78. Minute sorgt ein Eckball für die englische Führung. Der von Alan Ball hereingegebene Ball springt durch zu Hurst. Der schießt, Horst-Dieter Höttges blockt den Schuss ab, doch der Ball steigt als Kerze in den Himmel – und fällt genau vor den Füßen von Martin Peters wieder hinunter, der ihn einfach geradeaus mittig ins Tor schießt. Deutschland hat nur zehn Minuten, um die Verlängerung zu erzwingen. Brächte die keine Entscheidung, gäbe es ein Wiederholungsspiel.
Klare Chancen bleiben aus, doch in der 90. Minute gibt es noch einmal Freistoß. Emmerichs Ball bleibt in der Mauer hängen und fällt vor die Füße von Siggi Held. Der schießt – genau in den Rücken von Karl-Heinz Schnellinger. Von dort hoppelt der Ball nach rechts zu Wolfgang Weber, dem Sekunden vor dem Ende der Ausgleich gelingt.
Weitere 30 Minuten müssen gespielt werden. Auf dem schweren Rasen von Wembley, auf den zwei Tage lang der Regen eingeprasselt ist, ist das keine einfache Aufgabe. Erste Spieler bekommen Krämpfe, nur Alan Ball läuft unermüdlich. Er treibt das Spiel jetzt an und hat die erste große Chance der Verlängerung, aber Tilkowski lenkt seinen Schuss über die Latte. Dann trifft Bobby Charlton den rechten Pfosten.
In der 101. ist es wieder Alan Ball, der sich auf rechts durchsetzt und den Ball in die Mitte gibt. Hurst löst sich von Willi Schulz und schießt aus der Drehung an die Unterkante der Latte. Von dort springt der Ball auf den Boden und nach vorne weg. Weber köpft ihn ins Aus.
Hursts Sturmpartner Roger Hunt versucht hingegen gar nicht mehr nachzusetzen. Er ist sich sicher: Der Ball ist hinter der Linie auf den Boden heruntergekommen! Schiedsrichter Gottfried Dienst aus der Schweiz zögert und läuft zum sowjetischen Linienrichter Tofiq Bachramow. Der Aserbaidschaner entscheidet: Tor!
Darüber, ob der Ball wirklich hinter der Linie war, wird seit 60 Jahren diskutiert. Franz Beckenbauer wird später behaupten, er habe den Staub von der Linie aufspringen sehen. Doch ob gerade er, der relativ weit vom Spielgeschehen entfernt war, das so genau gesehen hat, ist fraglich. Mit einiger Sicherheit trug hingegen Hunts spontane Reaktion dazu bei, dass der Treffer anerkannt wurde.
Ein erneutes Aufbäumen gelingt der deutschen Mannschaft nicht mehr. In der 120. Minute zeigt Bobby Moore noch einmal seine Klasse. Eine Hereingabe von Willi Schulz in den englischen Strafraum köpft er nicht einfach weg, sondern er nimmt den Ball mit der Brust an und schlägt einen präzisen langen Ball auf Hurst, der allein aufs deutsche Tor zuläuft. An der Eckfahne setzen die ersten Fans zum Platzsturm an, doch Schiedsrichter Dienst nimmt sie nicht wahr oder geht davon aus, dass sie das Spielgeschehen nicht entscheidend stören. Torwart Tilkowski hebt bei Hursts Schuss nicht einmal mehr die Arme. Der Ball schlägt im oberen Winkel zum 4:2 ein. Wieder angepfiffen wird das Spiel nicht mehr.
400 Millionen Menschen haben ein Spiel für die Sportgeschichtsbücher gesehen. Kapitän Moore bekommt von der Queen den Jules-Rimet-Pokal überreicht, Nobby Stiles hüpft wie ein Schuljunge über den Platz, und in der Londoner Innenstadt springen die Fans in den Brunnen auf dem Trafalgar Square. Alle deutschen Fußballfans können heute hingegen im Wissen auf das Spiel zurückblicken, dass die folgenden Duelle zumeist von der deutschen Mannschaft gewonnen wurden.
Geschichte zum Hören
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Felix Melching
studierte Mittelalterliche Geschichte in Berlin. Er ist freier Historiker und einer der beiden Moderatoren des DAMALS-Podcasts.
Literatur
Duncan Hamilton, Answered Prayers. England and the 1966 World Cup. London 2023. John Hughson (Hrsg.), England and the 1966 World Cup. A Cultural History. Manchester 2016.
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