Im Jahr 1953 waren die USA die einzige Nation der Welt, die herausgefunden hatten, wie man eine thermonukleare Waffe konstruieren kann – eine Bombe, deren explosive Energie nicht aus der Kernspaltung, sondern aus der Kernfusion stammte. “Der Schlüssel des sogenannten Teller-Ulam-Design bestand darin, dass man die Röntgenstrahlung einer explodierenden Atombombe benötigte, um das Material der Bombe zu extremer Dichte zu komprimieren”, berichtet der Wissenschaftshistoriker Alex Wellerstein vom Stevens Institute of Technology in New Jersey. Erst dann würde ein Erhitzen dazu führen, dass die Kernfusion in Gang kommt. Im November 1952 demonstrierte ein erster Test die Machbarkeit dieser tödlichen Technologie. Doch parallel dazu entbrannte ein immer heftigerer Streit innerhalb der Physikergemeinschaft, ob der Bau und Besitz von Wasserstoffbomben ethisch überhaupt vertretbar seien. Auch der “Vater” der Atombombe, der Physiker J. Robert Oppenheimer gehörte damals zu den prominenten Gegnern der thermonuklearen Aufrüstung.
Vorfall im Nachtzug
In diese Gemengelage fällt der historische Vorfall, dessen Details Wellerstein nun näher beleuchtet hat. Demnach ging ausgerechnet inmitten dieses Streits und der politischen Versuche, die Proteste der Physiker kleinzuhalten, ein geheimes Schlüsseldokument zur H-Bombe verloren – eine sechsseitige Kurzzusammenfassung des von dem Physiker Edward Teller und dem Mathematiker Stanislaw Ulam kurz zuvor ausgeklügelten Zündmechanismus für die Wasserstoffbombe. Der Physiker Archibald Wheeler, einer der Mitarbeiter des Wasserstoffbombenprojekts, verlor dieses Dokument bei einer nächtlichen Zugfahrt von Princeton in die US-Hauptstadt Washington. “Ich mag die Absurdität in der Abfolge der Ereignisse”, sagt Wellerstein. “Aber darüber hinaus ist es auch eng mit vielen weiterreichenden Themen des Kalten Krieges verknüpft.” Was bei dieser Zugfahrt tatsächlich passierte, hat der Historiker aus den zuvor geheimen Akten des FBI zu diesem Vorfall rekonstruiert.
Demnach hatte Wheeler den Plan, die geheimen Dokumente im Zug noch einmal durchzugehen, bevor er sie am nächsten Morgen in Washington einem Komitee vorstellen würde. Der Forscher nahm abends die geheimen Dokumente aus seinem Bürosafe und packte sie ein: “Er legte sie in einen weißen Umschlag, den er dann zusammen mit einem anderen Geheimpapier in einem Packpapierumschlag verwahrte. Diesen legte er in seinen Aktenkoffer”, berichtet Wellerstein. Später am Abend bestieg der Physiker den Schlafwagen, stellte seinen Aktenkoffer zwischen sich und die Abteilwand und schlief ein. Kurz vor der Ankunft in Washington, ging er dann mitsamt des Aktenkoffers in den Waschraum, um sich frisch zu machen. Weil noch zwei andere Männer dort waren, ergriff Wheeler eine Vorsichtsmaßnahme, als er auf die Toilette musste: “Wheeler nahm den Packpapierumschlag mit sich in die Klokabine”, berichtet Wellerstein. “Weil er nichts zum Ablegen fand, klemmte er ihn zwischen einige Rohre und die Wand.”





