Der Donbass war ein bedeutendes Industriegebiet; deshalb ging es in dieser Region so international zu. Hier investierten Unternehmer aus dem westlichen Ausland in den Aufbau großer Fabriken und warben dazu Fachkräfte aus verschiedenen Ländern an. Gysins Arbeitgeber, der Pole Zygmunt Toeplitz, war Direktor einer großen Sodafabrik des belgischen Solvay-Konzerns.
Begeistert berichtet Gysin sogleich von der größeren Ungezwungenheit zwischen den Geschlechtern, die er in seinem neuen Zuhause erlebte – dies war er aus der strengen, protestantischen Schweiz nicht gewöhnt. Der junge Hauslehrer lernte, dass sein Arbeitsort Tretja Rota einen eigenen Mikrokosmos darstellte. Die rund 5000 Einwohner fanden Kirche, Schule, Geschäfte, Spital, Bibliothek und Theatersaal, sogar ein Werksorchester vor, in dem der musikalische Gysin bald Mitglied wurde. Mit der Einführung des Acht-Stunden-Tags für die Arbeiter war Toeplitz anderen Unternehmern auch im Westen weit voraus – wohl ein Grund, weshalb sich seine Belegschaft nicht an der ersten Russischen Revolution von 1905/06 beteiligt hatte.
Gleichwohl waren in Russland noch überall deren Nachwehen zu spüren. Das Militär war stets präsent, und Anschläge auf zaristische Beamte waren keine Seltenheit. Gysin versuchte, seine Familie in der fernen Schweiz zu beruhigen, wenn er betonte, dass vor Ort keine Gefahr bestünde. Dennoch bemühte er sich um die Lizenz zur Anschaffung eines Revolvers, und im nahen Charkow explodierten Bomben. Seine Familie war daher ausgesprochen erleichtert, als Alfred nach einem Jahr in die Schweiz zurückkehrte.





