Kleinwüchsige gehörten zur standesgemäßen Hofhaltung
Wie in München gab es zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert in ganz Europa sogenannte „Hof-“ oder „Kammerzwerge“. Die ältesten Belege für die Anwesenheit von kleinwüchsigen Menschen in Adels- und Fürstenhaushalten stammen aus dem 13. Jahrhundert, doch scheint das Phänomen erst in der frühen Neuzeit zu einer gesamteuropäischen Erscheinung geworden
zu sein. Allein im Heiligen Römischen Reich lassen sich in diesem Zeitraum über 300 „Hofzwerge“ und „-zwerginnen“ nachweisen.
Obwohl viele von ihnen selbstbewusst in der damaligen Adels- und Fürstengesellschaft verkehrten, sind ihre Namen heute größtenteils in Vergessenheit geraten. Lange galten „Hofzwerge“ Historikern als lächerlicher Auswuchs barocker Prachtentfaltung. Erst seit kurzem interessiert sich neben der Kunstgeschichte auch die Körpergeschichte oder die „Disability History“, die sich mit Konstruktionen von Behinderung befasst, für das Thema.
In einer eigenen Studie wurde das Phänomen nun erstmals eingehend anhand ausgewählter deutscher Höfe untersucht und dabei sowohl nach der Bedeutung dieses Amtes für die Höfe als auch für die Kleinwüchsigen gefragt. Ziel der Dissertation war es, die Rolle von „Hofzwergen“ im Kontext der frühneuzeitlichen Hofkultur zu verstehen und zugleich zu analysieren, wie die Gesellschaft in dieser Zeit mit körperlicher Differenz umging.
Tatsächlich löst die Vorliebe von Fürsten für außergewöhnlich kleine Menschen bei heutigen Betrachtern zunächst Befremden aus. „Zwerge“, so der damals gebrauchte, heute zu Recht als abwertend empfundene Begriff, galten in der frühen Neuzeit als „Wunder der Natur“, die an magische Wesen und mythische Zwergvölker erinnerten und ebenso wie andere „lebendige Kuriositäten“ der Zurschaustellung von fürstlicher Macht und Status dienten.
Kleinwüchsige Menschen entsprachen dem in der Renaissance aufkommenden Interesse an allem Ungewöhnlichen und Exotischen und riefen gleichermaßen Faszination und Angst hervor. Wer sich mit „Zwergen“ umgab, zeigte sich als Herr über die Wunder der Welt. Zudem ließen Kleinwüchsige einen Fürsten – anders als die zeitgleich beliebten „Hofriesen“ – in vorteilhafter Größe erscheinen. In den Kunst- und Wunderkammern des 16. und 17. Jahrhunderts sammelte man stolz die Bildnisse eigener und fremder „Hofzwerge“. Daneben wurden Agenten ausgeschickt, um die begehrten Kleinwüchsigen an den Hof zu holen. Dort waren sie vor allem als Unterhalter oder als Spielgefährten für die Fürstenkinder beliebt.
Während Kleinwüchsige mit disproportionierten Körperformen, das heißt verkürzten Armen und Beinen, meist als komisch oder grotesk beschrieben wurden und nicht selten die Rolle des Hofnarren übernahmen, wurden Kleinwüchsige mit proportionierten Körperformen eher mit dem Kindlichen assoziiert und als seltene „Miniaturmenschen“ bewundert.





