Noch heute spielen menschliche Leichen eine wichtige Rolle für die anatomische Ausbildung von Medizinstudierenden. An ihnen können angehende Ärzte und Chirurgen Lage und Aussehen verschiedener Gewebe und Organe lernen und Operationen üben. Doch während anatomische Präparate der heutigen Zeit nur mit vorheriger Zustimmung der Toten oder ihrer Angehörigen verwendet werden dürfen, hatte man früher weniger Skrupel. Dies galt insbesondere für die Zeit des Nationalsozialismus.
Missbrauchte Opfer über den Tod hinaus
In der NS-Zeit nutzten die Anatomieinstitute deutscher Universitäten häufig Leichen von Hingerichteten oder in den Lagern und Gefängnissen der Nationalsozialisten gestorbenen Menschen für ihre Forschung und Lehre. Oft erfuhren die Angehörigen nichts vom Schicksal oder dem Verbleib dieser Toten. Dies galt auch für viele Einträge in sogenannten „Leichenjournal“ des Instituts für Anatomie und Zellbiologie der Universität Heidelberg. In ihm sind seit 1816 die eingelieferten Verstorbenen verzeichnet, deren Körper für Lehre und Forschung verwendet wurden, 983 Einträge stammen aus der Zeit zwischen 1933 und 1944. 1945 gab es keine Einlieferungen mehr.

Unterricht von Medizinstudenten im Hörsaal der der pathologisch-anatomischen Abteilung der Universität Heidelberg durch Georg Mollier während der NS-Zeit. — © Universitätsbibliothek Universität Heidelberg
Wer diese Toten waren und welche Schicksale hinter den Einträgen im Heidelberger Leichenjournal stecken, erforschen Sara Doll von der Universität Heidelberg und ihre Kollegen im Rahmen einer historischen Aufarbeitung. Ziel ist es, die individuelle Geschichte der Betroffenen zu erforschen und ihnen ihre Namen und Biografien zurückzugeben. „Lange standen in der Erforschung der NS-Medizin vor allem Tätergruppen oder Opferkollektive im Mittelpunkt“, erklärt Dolls Kollege Frank Engehausen. „Mit diesem Projekt rücken die Menschen hinter den Einträgen in den Fokus. Ihre Biografien machen das individuelle Unrecht sichtbar, das ihnen im NS-Regime widerfuhr. Diese Re-Personalisierung ist wissenschaftlich und ethisch von großer Bedeutung.“
Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und Widerstandskämpfer
Das Projektteam hat inzwischen die Schicksale und Lebensgeschichtem von 84 Personen aus dem Leichenjournal rekonstruiert, weitere kommen kontinuierlich dazu. Zu den dokumentierten Personen zählen unter anderem politisch Verfolgte, Kriegsgefangene, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, Bewohner von Anstalten und Pflegeheimen sowie weitere Opfer der NS-Justiz. In einzelnen Fällen konnten Forschende die Identität von Menschen rekonstruieren, die bislang nur als Nummern im Anatomiejournal erschienen. Darunter befinden sich auch zahlreiche Mitglieder der regional bedeutsamen Lechleiter-Widerstandsgruppe, die sich aktiv dem NS-Regime entgegenstellte.
Die Einträge im Leichenjournal und die Ergebnisse aus dem ersten Jahr der Forschung sind nun auf der Internetseite „Erinnerte Opfer“ erstmals einsehbar. Interessierte können dort in einer Datenbank nach bereits vorhandenen Biografien, nach Eingangsdatum, Namen, Beruf, Alter oder Todesursache suchen. Das Projektteam sieht die Website als einen digitalen Gedenkort, der die Namen, persönlichen Geschichten und Fotos der Opfer vereint. Darüber hinaus liefert sie zahlreiche weitere Informationen, etwa zur Zuteilung der Leichen, ihren Herkunftsorten sowie geschichtliches Hintergrundwissen.
„Ort des Erinnerns und der historischen Aufklärung“
„Mit der Internetseite schaffen wir einen Ort des Erinnerns und der historischen Aufklärung“, sagt Doll. „Die Aufarbeitung ist auch heute noch relevant. Obwohl sich keine Präparate aus dieser Zeit mehr im Institut nachweisen lassen, erreichen uns weiterhin Anfragen von Angehörigen, Forschenden oder Initiativen. Wir möchten dazu beitragen, die Schicksale dieser Menschen sichtbar zu machen und offene Fragen zu beantworten.“ Die auf der Internetseite verwendeten Informationen stammen aus öffentlich zugänglichen historischen Quellen und Archiven. Vor der Veröffentlichung wurden rechtliche und ethische Fragen sorgfältig geprüft.
„Sich der eigenen Geschichte zu stellen, gehört zur Verantwortung wissenschaftlicher Institutionen“, sagt Thomas Kuner, Geschäftsführender Direktor des Instituts für Anatomie und Zellbiologie der Universität Heidelberg. „Mit ‚Erinnerte Opfer‘ leisten wir einen Beitrag dazu, Erinnerung zu bewahren, historische Zusammenhänge verständlich zu machen und den Betroffenen ihre Namen und ihre Geschichte zurückzugeben.“
Quelle: Universitätsklinikum Heidelberg; Projektseite „Erinnerte Opfer“





