von RUDOLF GRUBER
Die Gründerväter bildeten ein kongeniales Trio: ein Habsburger Erzherzog, ein Wiener Orientwissenschaftler sowie ein Teppich- und Kunsthändler. Sie einte gegen Ende des 19. Jahrhunderts das ehrgeizige Ziel, die jahrtausendealte Kultur des Schreibens zu dokumentieren.
Erzherzog Rainer Ferdinand (1827 –1913), Sohn des Vizekönigs von Lombardo-Venetien, absolvierte standesgemäß die militärische Ausbildung, doch seine Leidenschaft galt der Geschichtswissenschaft und den Künsten. Rainer, 1861 zum ersten konstitutionellen Ministerpräsidenten der Habsburgermonarchie ernannt, war bekannt für seine Bücher- und Schriftensammlung. Seine Bibliothek umfasste 40 000 Werke; die wertvollsten Bücher ließ er in goldverziertes
Leder oder roten Samt binden.
Dem Orient-Experten Josef Karabaczek gelang es mit Hilfe des Kunsthändlers Theodor Graf, den rund 10 000 Papyri umfassenden, sogenannten „1. Fayyumer Fund“ von Ägypten nach Wien zu bringen. Der Ankauf, laut Überlieferung aus Privatschatullen finanziert, war das Herzstück der Schriftensammlung, die mit weiteren Ankäufen ständig erweitert wurde. Mit gegenwärtig rund 180 000 Objekten aus drei Jahrtausenden ägyptischer Geschichte vor und nach Christi Geburt besitzt die Österreichische Nationalbibliothek heute eine der weltweit größten Sammlungen dieser Art. Die Bezeichnung „Papyrus Erzherzog Rainer“ ist in Fachkreisen nach wie vor ein Begriff, die UNESCO erklärte den Bestand 2001 zum Weltdokumentenerbe.
Doch wohin mit dem Schatz? Zunächst wurde 1883 die Papyrussammlung als Institution gegründet, elf Jahre später das Papyrusmuseum eröffnet. Danach schenkte Erzherzog Rainer die Sammlung seinem Cousin, Kaiser Franz Joseph I., der sie sogleich der Hofbibliothek übergab, zu deren Direktor Karabaczek zuvor ernannt worden war. Erst im Jahr 2000 fand das Papyrusmuseum in der Wiener Hofburg, dem einstigen Machtzentrum der Habsburger Kaiser, unter der Schirmherrschaft der Nationalbibliothek den derzeitigen Standort und wurde 2021 umfassend neu gestaltet.
Herrschte früher oft Platzmangel, bekommen Besucherinnen und Besucher jetzt die Exponate und Schriften in größeren Räumen und auf moderne Art präsentiert, inklusive Audio-Ausstattung, und soweit möglich mit Übersetzung. Doch war der Umgang mit der Sammlung schon zuzeiten des Erzherzogs Rainer stets professionell gewesen. Gewissermaßen als Reminiszenz an die Gründerväter wurden sechs 130 Jahre alte Vitrinen, gemäß heutigen Ansprüchen leicht modernisiert, in das Museumsinterieur integriert; deren höfisch-gediegener Stil bildet einen reizvollen Kontrast zum hochmodernen Ambiente.
Der Eingangsbereich zur Dauerausstellung bietet eine erste hilfreiche Orientierung in Form einer raumgreifenden Zeitleiste mit Schriftproben, Illustrationen und Graphiken. Den Schwerpunkt bilden 90 000 arabische Schriftstücke, den Rest Papyri in Hieroglyphen, in Griechisch und anderen Sprachen. Aus den Sammlungsbeständen zeigt das Museum einen Querschnitt von 400 Objekten – vor allem aus Papyrus und anderen – wie es im Fachjargon heißt – „Beschreibstoffen“ wie Tonscherben, Kalksteinsplittern (Ostraka), Holzplatten, Pergament und letztlich Papier, das seit dem 10. Jahrhundert den Papyrus nach 4000 Jahren allmählich verdrängte. Was blieb, ist der Wortstamm: Papier kommt von Papyrus.





