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Alte Traditionen im Herzen Londons
In der Londoner City, dem mit einigen Sonderrechten ausgestatten innersten Stadtbezirk Londons, gibt es noch immer zahlreiche Gilden. Sie schwelgen in jahrhundertealten Bräuchen und wählen jährlich den Lord Mayor, den Bürgermeister der City.
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Beim Blick auf den modernen Stadtplan der Londoner City fallen eine Vielzahl ungewöhnlicher Gebäudenamen ins Auge, wie etwa Ironmongers’ Hall, Armourers’ Hall, Drapers’ Hall und Goldsmiths’ Hall. Es handelt sich dabei um Gildehallen, in diesem Fall der Eisenwarenhändler, Waffenschmiede, Schneider und Goldschmiede. 35 solche historische Gebäude gibt es noch.
Die Gilden oder livery companies – benannt nach der Livree, der formellen Kleidung der Mitglieder – sind bis zum heutigen Tag ein wichtiger Bestandteil im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Alltagsleben Londons. Zur Gemarkung der auch Square Mile („Quadratmeile“) genannten City zählen die Straßenzüge innerhalb der einstigen mittelalterlichen Stadtmauern nördlich der Themse – heute das Banken- und Börsenviertel der Metropole.
Im Mittelalter machten zwölf Gilden den Anfang
110 Livery Companys gibt es heute insgesamt. Mit den „Großen 12“ fing 1155 alles an. Dazu zählen neben den eingangs genannten noch die Gilden der Krämer (grocer), Fischhändler (fishmonger), Gerber (skinner), Kurzwarenhändler (haberdasher), Salzsieder (salter) und Weinhändler (vintner). Für das Geschäftsfeld des Stoff- und Bekleidungshandels gab es neben den draper auch noch die mercer und merchant taylor. Während im deutschsprachigen Kulturraum oft zwischen Gilde und Zunft unterschieden wird, verwendet man im Englischen einheitlich das Wort guild. Die livery company ist dazu synonym, der Name entstand aber speziell für die Gilden in London. Als ihre Blütezeit gilt im Allgemeinen das 16. und 17. Jahrhundert.
Geoffrey Chaucer (um 1340–1400) erwähnt sie im Prolog seiner „Canterbury Tales“ („Canterbury-Erzählungen“) als Teilnehmer einer Pilgerreise: „Es waren da ein Kurzwarenhändler, ein Schreiner, Weber, Färber und ein Tuchhändler. Und sie alle trugen die Livree ihrer feierlichen und großen Bruderschaft. Ein jeder von ihnen schien ein ordentlicher Bürger, der in der Gildehalle auf dem Podium zu sitzen pflegte.“
Der Chronist James Howell (um 1594 –1666) beschreibt sie wie folgt: „… von denen also die Stadt zusammengesetzt sei: und die man, in Bezug auf ihre Betriebsamkeit und Kunstfertigkeit, ihren Erfindungsreichtum und die mannigfachen Methoden der Herstellung, mit so vielen Bienenkörben vergleichen mag, den Symbolen von Fleiß und Sorgfalt“. Wesentlich kritischer sah sein Zeitgenosse Richard Atkyns (1615–1677) die Rolle der Gilden. Bei ihm ist die Rede von „Kleinstaaten“, die weitestgehend außerhalb der Kontrolle des Königs stünden und die parasitisch, fortschrittsfeindlich und unkontrollierbar sich jeglicher Rechenschaft entzögen.
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All das gibt einen Hinweis auf den prägenden Einfluss, den sie als verpflichtende Vereinigungen bis in die frühe Neuzeit ausübten: Standardisierung handwerklicher und wirtschaftlicher Praktiken, Preiskontrolle, Ausbildung, wirtschaftliche Expansion und karitative Betätigung. Nur als Mitglied einer der Gilden und mit bürgerlichen Freiheitsrechten ausgestattet (Freeman of the City), war ein Londoner Bürger in der Lage, am wirtschaftlichen und politischen Leben der Metropole teilzunehmen.
Die Gesamtzahl der Livery Companys und die inhaltliche Ausrichtung einzelner Gilden waren zeitlichen Veränderung unterworfen. Viele, wie etwa die Stärkemacher, Nadler und Mälzer sind verschwunden, andere neu hinzugekommen (Piloten, Fluglotsen, Steuerberater, Sicherheitsbeauftragte); wieder andere, wie die Kutschenmacher, tragen noch den alten Namen, haben aber ihr Betätigungsfeld der Zeit angepasst.
In der frühen Neuzeit wurden die Livery Companys auch international aktiv, versprach doch der Aufstieg Englands zur Welt- und Kolonialmacht ihren Mitgliedern reiche Gewinne. Die Gilden investierten beispielsweise in die Erschließung der Kolonie Virginia in Nordamerika und in die Aktivitäten der East India Company.
Das „Große Feuer“ von London (1666) stellte eine Zäsur dar und setzte viele Gilden unter enormen finanziellen Druck. Karitative Tätigkeiten, Pensionen und Universitätsstipendien wurden ausgesetzt, um den Wiederaufbau Londons gewährleisten zu können. Mancher Livery Company gelang es zwar, ihren Einfluss zu behalten, doch spätestens mit dem „Reform Act“ von 1832, einem Gesetzespaket, das eine Neuordnung der politischen Landschaft des Königreichs einläutete, fand der Übergang von der mittelalterlich-frühneuzeitlichen Ordnung zur Moderne seinen Abschluss. Die Gilden verschwanden aus der Tagespolitik und nahmen nun eine eher symbolische, aber weiterhin noch sehr präsente Rolle ein.
Interessant ist im Vergleich zur kontinentaleuropäischen Entwicklung die Tatsache, dass die Londoner Gilden niemals wirklich abgeschafft wurden; und dass gerade im Verlauf des 20. Jahrhunderts zahlreiche neue Gilden begründet wurden.
Manche Tradition aus der Hochzeit der Gilden hat bis in die Gegenwart überlebt. Der Londoner Kalender ist voller alter Rituale. Im Januar etwa wird dem Lord Mayor (zu ihm gleich mehr) von der Metzgerzunft ein Eberkopf präsentiert; im Februar veranstalten die Goldschmiede das „Trial of the Pyx“, eine symbolische Prüfung neuer Münzprägungen; im Juli werden die Schwäne auf der Themse gezählt, denn die Tiere stehen seit alters her unter der Obhut der Färber und der Weinhändler.
Festlicher Empfang in einer Gildehalle
Besondere Angelegenheiten bleiben die Empfänge und Galadiners in den Gildehallen. Deren Bankettsäle öffnen sich nur für geladene Gäste. Über knarrende Parkettböden aus edlen Hölzern bahnt man sich den Weg zu seinem Tisch. Die Räume sind ausgestattet mit Porträtbüsten, Gemälden historischer Würdeträger, gerahmten Urkunden und Deckengemälden.
Für den Small Talk beim Begrüßungsdrink gilt: Religion, Politik und Geld sind tabu. Dann ein Ruf, und alles erhebt sich. Rhythmisches Klatschen setzt ein – das clapping in –, und der Gildemeister betritt den Saal. Zur vollen Amtsmontur und seinen Insignien gehören Pelzkragen, Ring und Kette.
Es folgen Trinksprüche auf die Königin, ein Gebet und der Segen des Gildepriesters. Dann das Ritual des Loving Cup: ein spezieller Gildekelch wird von Teilnehmer zu Teilnehmer weitergereicht. Man grüßt und verneigt sich, nimmt den Kelch entgegen und nippt einen Schluck Wein – bereits vor der Corona-Pandemie genügte die Andeutung eines Schlucks. Stunden später endet das Mahl mit dem clapping out: Der Gildemeister und seine Entourage verlassen feierlich den Ort des Geschehens.
Das wichtigste Amt der „Square Mile“
Bis zum heutigen Tag sind die Livery Companys maßgeblich beteiligt an der Besetzung des wichtigsten Amts in der City, des Lord Mayor. Um gleich einem Missverständnis vorzubeugen: Es handelt sich hierbei nicht um den Londoner Oberbürgermeister (Mayor of London), den Chef der Verwaltung von Greater London.
Offiziell existiert das Amt des „Mayor“ der City seit 1189. Zum ersten „Lord Mayor“ wurde 1354 Thomas Legge gewählt. In regelmäßigem Gebrauch ist der Titel dann seit Mitte des 16. Jahrhunderts. Dies spiegelt wohl die steigende Bedeutung des Handelszentrums Londons wider.
Die Wahl des Lord Mayor – die Amtszeit beträgt ein Jahr – erfolgt am 29. September (Michaeli) durch Vertreter aller Gilden in einer eigens dazu einberufenen gemeinsamen Versammlung, der Common Hall. Die Kandidaten haben zwei Voraussetzungen zu erfüllen: Sie müssen zuvor als City Sheriff sowie als Alderman gedient haben.
Die Anfänge des Amts des Sheriffs reichen noch weiter zurück, bis ins 7. Jahrhundert. Wie in anderen englischen Städten auch, war er in London oberster Richter der örtlichen Gerichtsbarkeit. Heute ist das Amt rein zeremoniell. Aldermen werden die auf sechs Jahre gewählten Vorsteher der 25 Sprengel innerhalb der City of London genannt.
1215 ordnete König Johann (1199–1216) an, dass jeder Lord Mayor nach seinem Amtsantritt den Treueeid auf den König schwören soll, am 28. Oktober, dem Festtag der Heiligen Simon und Judas. Daraus entwickelte sich eine jährliche Prozession durch die City. Deren Charakter wandelte sich schnell von einer Demutsgeste gegenüber dem Souverän zu einer Demonstration städtischer Souveränität und bürgerlichen Stolzes. Besonders spektakulär verlief dieses Prozedere im Jahr 1629, als James Cambell Lord Mayor war. Der Stadtchronist und Bühnenautor Thomas Middleton sorgte gemeinsam mit dem Bühnenbildner Garrett Christmas für die Inszenierung. Augenzeugen beschrieben mehrere aufwendige Umzüge, begleitet von Musikanten, Chören, Schauspielern, Feuerwerksaufführungen und Wasserspielen.
Jeder Umzug hatte ein eigenes Thema: Ruhm und Vergänglichkeit, die griechische Götterwelt, Jason und die Suche nach dem Goldenen Vlies – letzteres passend zur Muttergilde des Bürgermeisters, der Tuch- und Wollhändler. Zum Abschluss feuerte eine Kanone einen scharfen Salut aufs gegenüberliegende Ufer der Themse – damals noch weitgehend unbebaut, daher wohl ungefährlich.
Im Mittelalter führte die Route des Zugs durch das Stadtzentrum zum königlichen Hof nach Westminster. 1453 verlegte der damalige Amtsinhaber John Norman die Prozession dann auf die Themse. Auf dem Fluss erinnerte das Ganze an die prachtvollen Schiffsprozessionen in Venedig. Der Maler Canaletto (1697–1768) verewigte während seines Aufenthalts in London ein solches Ereignis.
1856 endete dieser Brauch, zum einen, da die City die Oberhoheit über den Fluss verlor, aber wohl auch wegen des verheerenden Zustands der Themse: Der Fluss muss damals bestialisch gestunken haben.
Heute findet die Prozession unter dem Namen Lord Mayor’s Show am zweiten Samstag im November statt. Die Veranstaltung gleicht eher einem ausgelassenen Karnevalszug (allerdings ohne politische Komponente). In ihm präsentieren sich neben den Gilden auch andere Organisationen und Verbände der City. Immer mit dabei: die Statuen von Gog und Magog, den mythischen Giganten aus der Bibel, welche die Londoner zu ihren Beschützern erkoren haben.
Am Tag vor dem Umzug wird der City-Bürgermeister in der Guildhall, der größten Gildehalle der Stadt in der Basinghall Street, in sein Amt eingesetzt. Das weitgehend schweigend abgehaltene Prozedere heißt konsequenterweise Silent Ceremony.
Der Umzug startet dann am Mansion House, der Amtsresidenz des Lord Mayor. Der Eid auf den Monarchen, derzeit Königin Elisabeth II., wird außerhalb der City, heute bei den Royal Courts of Justice im Stadtteil Westminster, geleistet. Ein Hinweis auf das – weitgehend theoretische – Privileg des Lord Mayor, dem Monarchen den Zugang zur City verwehren zu können.
Der Hauch des Altehrwürdigen, in tiefer Tradition Verwurzelten, der dem Amt anhaftet, verstärkt sich noch mit dem Blick auf die damit verbundenen Insignien: Siegel, Börse, Streitkolben (mace) und Schwert als die primären Amtssymbole des Lord Mayor verkörpern seine exekutive, finanzielle, wirtschaftliche und legislative Hoheit im Stadtbereich.
Ein Prunkstück ist die Kutsche, in der er durch die Stadt gefahren wird. Der Architekt Robert Taylor entwarf sie 1757 im Stil des Rokoko. Die Kutsche gehört heute zum Bestand des Museum of London.
Der historische Aufzug ist ein „Best-of“ mehrerer Jahrhunderte
Die Tracht des Lord Mayor wirkt auf den ersten Blick historisch, ist in Wirklichkeit aber keiner Periode so richtig zuzuordnen. Da mischt sich Spätmittelalter mit Renaissance, Rokoko und viktorianisch-romantischem Historismus. Der Biberfell-Dreispitz und die Robe über dem Hofrock dominieren die äußere Erscheinung.
Um den Hals trägt der Lord Mayor die prunkvolle und in ihrer jetzigen Form auf das frühe 16. Jahrhundert zurückgehende Amtskette. Tudor-Rosen und der Buchstabe „S“ in mehrfacher Ausführung unterbrechen die Kettenglieder, weswegen die Kette auch als Collar of SS bekannt ist. Das „SS“ steht wohl für spiritus sanctus, den Heiligen Geist. In der Mitte, vor der Brust des Trägers, prangt ein Gitter, das die Stadttore der City symbolisieren soll. Daran hängt das Stadtsiegel mit dem lateinischen Motto domine dirige nos („Herr, führe uns“).
Spitzenkragen, Handschuhe, Seidenstrümpfe, Coulotten und Schnallenschuhe komplettieren das Bild eines etwas aus der Zeit gefallenen englischen Gentlemans.
Der Lord Mayor ist als höchster Beamter und Leiter der Corporation of the City of London der wichtigste Repräsentant des Finanzzentrums der britischen Hauptstadt, auch international. Zudem hat er noch immer zahlreiche weitere Funktionen inne: Admiral des Londoner Hafens, Rektor der City University of London, Präsident des altehrwürdigen Gresham College, Präsident der Assoziation der Reservisten und Kadetten der City of London, Verwalter der Saint Paul’s Cathedral und kommissarischer Leiter der königlichen Statthalterschaft Londons.
Es nimmt kaum Wunder, dass auch in den vergangenen Jahrhunderten die Vertreter des Amtes häufig bekannte Persönlichkeiten waren und erheblichen Einfluss ausgeübt haben. Manche haben es zu bleibendem Ruhm gebracht oder gar Einzug ins allgemeine kulturelle Gedächtnis gehalten.
Der bekannteste Lord Mayor in dieser Hinsicht ist zweifellos Richard „Dick“ Whittington (gest. 1423). Er wurde in dem populären Theaterstück „Dick Whittington and his Cat“ (um 1600 erstmals aufgeführt) verewigt, das in der Tradition der Christmas Panto steht, jener ausgelassenen, häufig schlüpfrigen und gar nicht englisch-feinen Weihnachtsspiele mit Publikumsbeteiligung.
Die Erzählung rankt sich um den Aufstieg des aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Protagonisten, der in der Hauptstadt sein Glück sucht und sich bei einem Händler namens Fitzwarren verdingt. Dank des Verkaufs seiner Katze, die sich bei der Bekämpfung einer Ungezieferplage nützlich macht, bringt er es zu Wohlstand. Er heiratet schließlich die Tochter des Händlers und wird zum Lord Mayor gewählt – Happy End.
Wahr an der Geschichte ist lediglich, dass ein Richard Whittington an der Wende vom 14. zum 15. Jahrhundert mehrfach als Londoner Bürgermeister gedient hat. Ansonsten ist das Ganze ein fröhliches Hirngespinst. Der echte Richard Whittington war Spross einer wohlhabenden Familie.
Schillernde Persönlichkeiten, mitunter sehr umstritten
Weniger positiv ist das historische Bild, das Thomas Bludworth hinterlassen hat. Er amtierte 1665/66 während einer hochdramatischen Periode: England fürchtete eine niederländische Invasion, 1665 brach in London die Pest aus, und 1666 brannte das „Große Feuer“ einen Großteil der City nieder. Bludworths Tatenlosigkeit angesichts dieser Katastrophe wurde legendär. Sie gipfelte in seiner – zumindest kolportierten – Reaktion auf die Meldung von dem sich ausbreitenden Feuer: „Ein Weib könnte das auspinkeln!”
Auch um einen Lord Mayor des 18. Jahrhunderts gab es zuletzt heftige Diskussionen. William Beckford (1709– 1770) war 1762 und 1769 Oberhaupt der City. In der damaligen britischen Kolonie Jamaica besaß er zahlreiche Plantagen, auf denen mehrere Tausend afrikanische Sklaven zur Arbeit gezwungen wurden. 2021 forderte die Arbeitsgruppe gegen Rassismus der City of London daher das Entfernen der Statue Beckfords aus der Guildhall.
Erst im Lauf des 20. Jahrhunderts öffnete sich das Amt für weibliche Vertreter: Dorothy Mary Donaldson war 1983/84 der erste weibliche Lord Mayor. Die ausgebildete Krankenschwester engagierte sich viele Jahre in Organisationen zur Krebsprävention.
Donaldson bestand auf der Anrede „Lord Mayor“ – wer sie als „Lord Mayoress“ (der Titel der Gattin des Amtsträgers) bezeichnete, wurde zu einem Strafgeld von einem Pfund verdonnert, als Spende für die Kinderschutzorganisation NSPCC. Es ist nicht bekannt, wieviel Geld auf diese Weise zusammenkam.
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