Als die ersten Europäer das Amazonasgebiet im 16. Jahrhundert erkundeten, war von den Strukturen kaum noch etwas übrig – doch Funde haben mittlerweile gezeigt: Einst gab es in Amazonien komplexe landwirtschaftliche Gesellschaften, die ihre Umwelt nachhaltig verändert haben. Beeindruckende Spuren künden von diesen Kulturen: Aus dem Südwesten Amazoniens sind Reste von zeremoniellen Hügeln, gewaltigen Dammanlagen und tausende Hektar angehobener Felder bekannt. Man geht davon aus, dass Süßkartoffeln, Maniok oder Erdnüsse in diesem Teil Südamerikas zu Kulturpflanzen gemacht wurden. Doch bisher wissen Archäologen kaum etwas darüber, wie sich diese erstaunlich komplexen Gesellschaften in der tropischen Region einst entwickelt haben.
Sind die Waldinseln Siedlungsspuren?
Dieser Forschungsfrage widmen sich die Wissenschaftler um Jose Capriles von der Pennsylvania State University in University Park. Bereits seit einiger Zeit untersuchen sie in diesem Zusammenhang auffällige Landmarken in der etwa 110.000 Quadratkilometer großen Moxos-Ebene im Norden Boliviens: Etwa 40 Meter breite Waldinseln, die sich von der umliegenden Landschaft abheben. “Diese Inseln liegen über der umgebenden Savanne, sodass sie während der Regenzeit nicht überfluten”, sagt Capriles. “Wir glauben, dass Menschen diese Stätten einst immer wieder als saisonale Lager nutzten, insbesondere während der langen Regenzeit, wenn große Teile der Region unter Wasser standen.” Ob es sich bei den Waldinseln aber tatsächlich um von Menschen geprägte Landschaftsmarken handelt, blieb bisher umstritten.
Capriles und seine Kollegen legen nun allerdings weitere Beweise vor: Sie haben in den Waldinseln menschliche Skelette entdeckt, die Datierungen von Beifunden zufolge etwa 10.000 bis 4000 Jahre alt sind. Wie die Forscher erklären, passt die Art der Bestattung nicht zu Jägern und Sammlern, sondern eher zu komplexeren Gesellschaften. “Mobile Jäger und Sammler bestatten ihre Toten dort, wo sie gestorben sind und eher nicht an bestimmten Orten”, erklärt Capriles. “Die reichlichen Überreste von verbrannter Erde und Holz deuten zudem darauf hin, dass die Menschen im Bereich der Fundorte Feuer nutzten, um Land zu roden, Essen zu kochen und sich an langen Regentagen warmzuhalten”, sagt Capriles.
Abfälle ließen die Knochen versteinern
Wie er und seine Kollegen erklären, ist die dauerhafte Nutzung der Stätten auch mit der überraschend guten Erhaltung der Knochen verknüpft. “Diese Menschen haben während der Regenzeit Schnecken und Muscheln gegessen und ihre Schalen in großen Haufen entsorgt”, sagt Capriles. In diesen Siedlungs-Abraum waren die Begräbnisplätze eingebettet. “Im Laufe der Zeit löste dann Wasser das Kalziumkarbonat aus den Schalen, das anschließend mit den Knochen reagierte und sie schließlich versteinern ließ”, erklärt der Wissenschaftler.





