Die amerikanische Historikerin Valerie Hansen versucht die These zu untermauern, dass schon um das Jahr 1000, als die Welt vielleicht eine Viertelmilliarde Menschen beherbergte, eine erste Globalisierung stattgefunden habe. Nicht nur legten Güter und Individuen, Technologien, Religionen und Ideen immer längere Strecken zurück, sondern das, was an einem Ort geschah, konnte weitreichende Auswirkungen auf die Bewohner weitentfernter Regionen haben, selbst wenn die Menschen dort im Lokalen verharrten.
Hansen leugnet die Ambivalenzen dieses Prozesses keineswegs. Bereits damals gab es Gewinner und Verlierer. Letztere machten sich Luft in „Antiglobalisierungstumulten“ und Attacken gegen Fremde, zumal wenn diese reich waren: Im Jahr 879 nahmen Rebellen ausländische Kaufleute in Guangzhou, damals der größte Hafen Chinas, ins Visier; 996 begehrten die Einwohner von Kairo gegen die Händler aus Amalfi auf, und 1181 töteten die Einwohner von Konstantinopel Hunderte italienische Kaufleute. Die Vielzahl globaler Kontakte brachte Befruchtung ebenso wie Infektionen mit sich, geistige Bereicherung, aber auch kulturelle Zersplitterung, neue Technologien verbreiteten sich zwar, doch dafür trockneten lokale Produktionsweisen aus.
Nach einer Umschau in der Welt um das Jahr 1000 bringt die Autorin Kapitel, die jeweils eine Großregion und die zugehörigen Begegnungsphänomene in den Blick nehmen: das von Wikingern (folgenlos) berührte Nordostamerika, dann Mittel- und Südamerika, die Herausbildung der Kiewer Rus, den muslimischen Sklaven- und Goldhandel in Afrika, die islamische Welt, Zentralasien, den indopazifischen Raum und selbstverständlich China.
Überall hätten bereits existierende, großräumige Netzwerke erst die Voraussetzung für eine effiziente Verknüpfung im Sinn einer echten Globalisierung geboten. Davon profitierten vom 15. Jahrhundert an die Europäer bei ihrer weltumspannenden Expansion. Hansen schließt: Wer offen sei für das Fremde, schneide damals wie heute besser ab als jemand, der alles Neue ablehne. Das ist eine Scheinalternative, deren gedankliche Schlichtheit indes nicht von der Lektüre des faktendichten, aber dennoch gut lesbaren Buches abhalten sollte.
Rezension: Prof. Dr. Uwe Walter
Valerie Hansen
Das Jahr 1000
Als die Globalisierung begann
Verlag C. H. Beck, München 2020, 393 Seiten, € 28,–





