Wer abends von der Spitze des Empire State Building auf das glitzernde Manhattan herabsieht, benötigt keine zwei Sekunden, um den Broadway zu entdecken. Nicht nur, daß er inmitten all der anderen Straßenzüge, die im Lichtermeer die Hauptverkehrsadern bilden, von ganz besonderer Leuchtkraft erscheint. Er schiebt sich zugleich als unübersehbare Magistrale quer über das ansonsten geometrisch austarierte Schachbrettmuster, das nördlich des Union Square nur noch ihn als markante Abweichung aufweist. Dort, wo der Broadway im spitzen Winkel auf eine der parallel laufenden Avenues trifft, erweitern sich die Straßen zu länglichen Gabelungen, die hie und da auch öffentliche Grünflächen umschließen. Am Times Square vollzieht sich gar eine komplette Verwandlung in eine sich über mehrere Blocks hinstreckende Dreiecksfläche, die weder Platz noch Straße ist. Ausgerechnet dort, wo der Broadway sein symbolträchtigstes Antlitz zeigt, nimmt er einen anderen Namen an, bevor er sich wieder wie gewohnt in die nach Nordwest verlaufende Straße zurückverwandelt. Dies ist freilich nicht die einzige Paradoxie. Ähnlich dem Los-Angeles-Besucher, der sich unter dem Hollywood Boulevard eine Welt voller Glamour vorstellt und dann streckenweise mit armseligen Ladenfronten konfrontiert wird, mag auch der New-York-Reisende immer wieder am Mythos verzweifeln, der den Broadway umgibt. Vieles ist von erschreckender Unansehnlichkeit: billige Coffee Shops und überteuerte Ramschläden, eine Atmosphäre von Hektik, Lärm und Vulgarität, der Straßenbelag voller Schlaglöcher, die Reklame aufdringlich und witzlos. Lange Zeit galten die Touristenhotels in den Nebenstraßen des Times Square als gefährliche Absteigen, und schäbige Pornoshops an der Kreuzung zur 42. Straße erinnerten daran, daß mit der Sünde auch die Höllenstrafe mitgeliefert wird. Noch in den frühen 1990er Jahren, bevor Bürgermeister Giuliani sein radikales Säuberungsprogramm vor allem für den Broadway verkündete, drängten sich in der Subway-Station die Passagiere auf einem videoüberwachten Quadrat, während der restliche Bahnsteig zur No-Go-Gefahrenzone erklärt war. Auch für manchen europäischen Schriftsteller, der den Broadway mit nicht weniger Erwartungen als der gewöhnliche Tourist aufsuchte, ergab sich eine unüberbrückbare Kluft zwischen Mythos und Wirklichkeit. Hier konnte man nicht flanieren, sondern wurde, wie Stefan Zweig bemerkte, “im Nu… zur Seite gestoßen, weggedrängt, weitergeschwemmt, wieder eingeordnet in die allgemeine Bewegung”. Die “Theaterstraße”, die als “Hauptstraße Amerikas” ein gepflegtes Image verspricht, erweist sich an ihren prominentesten Stellen als ein Ort von “schäbiger Vitalität” (Paul Goldberger), chaotisch und unordentlich. Der Broadway sei das Absurdeste, was er je gesehen habe, beteuerte schon 1919 der impressionistische Erzähler Arthur Holitzscher, und er zählt all die Gegensätze auf, die ein monströses Durcheinander an Eindrücken ergeben. Dies also soll eine der berühmtesten Straßen der Welt sein, das hochgerühmte Vorbild für Hunderte von “Broadways” in anderen amerikanischen Städten? Doch die Bedeutung einer Straße wie des Broadway erschöpft sich nicht in topographischen Eigenheiten. Auch sind Schönheit, Ordnung und Harmonie völlig ungeeignete Begriffe, um das Besondere an ihr zu beschreiben. Vielmehr bündeln sich in ihr ganz unterschiedliche psychische Kräfte: die Lust an Tempo und eine Entfaltung ungezügelter Energien, Träume von Erfolg und Glanz, aber auch Enttäuschung über das Scheitern dieser Träume, der Wunsch nach geordneter bürgerlicher Existenz und gleichzeitig die Freude an kaleidoskopartiger Vielfalt menschlichen Lebens. Auf dem Broadway sind alle Aspekte des amerikanischen Traums wie in einem Brennspiegel eingefaßt. Schon allein deshalb ist er eine prototypisch amerikanische Straße. Er ist es aber auch noch in anderer Hinsicht. In Amerika entwickelten sich urbane Verkehrswege ohne vorherige Planung, gleichsam naturwüchsig und in der Reihenfolge sehr heterogener Bedürfnisse. Wenn der Bedarf es forderte, machte man dort weiter, wo andere aufgehört hatten. Einzig der “grid”, das Schachbrettmuster, förderte eine gewisse Aufteilung und Eingrenzung ansonsten reichlich unkoordinierter Bautätigkeit. Dies erklärt, warum der Broadway so viele Gesichter aufweist. Ganz an seinem Anfang, im Wall-Street-Viertel, reiht sich ein Wolkenkratzer an den anderen, anschließend geht der Lower Broadway mit seinen Klamotten- und Musikläden in das SoHo (South of Houston)-Viertel der Buchhandlungen, gußeisernen Bauten und Galerien über. An der Schnittstelle zur Fifth Avenue steht eines der schönsten Hochhäuser New Yorks, Burnhams Flatiron Building von 1902, das wegen des spitz zulaufenden Grundstücks die Form eines Bügeleisens erzwang. Nach dem Times Square und dem Theater District berührt der Broadway die Südwest-Ecke des Central Park und bewegt sich als Tangente am Lincoln Center vorbei, um sich dann in seinem Verlauf der vertikalen Straßenführung anzugleichen. Kaum ein Besucher, der sich auf den nördlichen Broadway verirrt; er hätte dann allein in Manhattan 25 Kilometer zurückgelegt, müßte weitere sechs Kilometer die Bronx durchqueren und würde sich jenseits der Stadtgrenze auf einer unscheinbaren Landstraße wiederfinden, die ins 240 Kilometer ferne Albany führt…




