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An der Seite der Deutschen in den Untergang
Die Österreicher in der Wehrmacht trugen Hitlers Angriffskriege aktiv mit – anfangs ebenso begeistert wie ihre deutschen Kameraden. Im Vergleich blieb die Todesrate von Soldaten österreichischer Herkunft aber niedrig. Während des Krieges gab es in der „Ostmark“ zwar immer wieder Fälle von Widerstand, aber keine…
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Gerade einmal 17 Jahre alt war der Wiener Alfred Pietsch, als er im Oktober 1942 ins Reichsarbeitsdienstlager Grünberg, Oberschlesien, einrückte. In seinen Lebenserinnerungen schildert er folgende Szene: „Auf dem Exerzierplatz baute sich ein Mann in braunen Breecheshosen und glänzenden schwarzen Lackstiefeln vor den lässig herumstehenden Neuankömmlingen aus Wien auf: ,Alle mal herhören! Ich bin Oberfeldmeister Wiawalla. Ihr werdet mich alle noch kennenlernen! Ich bin für eure Ausbildung verantwortlich. Ich bin ein echter Preuße und ihr – ja, ihr seid alle Scheiß Wiener Schlappschwänze!‘“ Dann schickte er die Burschen im Laufschritt zur Uniformausgabe. Das Lachen sollte ihnen tatsächlich bald vergehen.
Die „Ostmärker“ kämpfen gut, aber wie ist ihre Motivation?
Ob diese Szene signifikant für das Verhältnis von Österreichern und Deutschen war? Klischeehafte, stereotypisierende Spottnamen waren jedenfalls weit verbreitet. Die Ostmärker (auch „Ostmark-Schweine“ oder „Beutedeutsche“) wurden von Altreichsdeutschen gerne herablassend als „Kamerad Schnürschuh“ tituliert, eine aus dem Ersten Weltkrieg übernommene Bezeichnung. Die österreichischen soldatischen Qualitäten schätzte man auf deutscher Seite eher gering ein. Umgekehrt bezeichneten österreichische Soldaten Deutsche als „Marmeladinger“, „Saupreußen“ oder „Piefke“ und machten sich über ihre preußische „Zackigkeit“ lustig.
Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Als sicher kann gelten, dass in der ersten Kriegsphase, der Zeit der glanzvollen Siege in Polen und an der Westfront, die Regime-Identifikation der Soldaten aus der Ostmark hoch war. Zur besten Armee der Welt zu gehören, siegreicher Soldat einer neu entstandenen Weltmacht zu sein, dies motivierte die zur Wehrmacht eingezogenen Österreicher. Die offenkundige Effizienz und Überlegenheit der preußisch-deutschen Armee konnte nur faszinierend auf sie wirken.
Es ist klar, dass sich die Verhältnisse im Lauf des Krieges mit den zunehmenden Schwierigkeiten änderten. Dem Tagebuch eines österreichischen Soldaten ist zu entnehmen, dass die Deutschen ihn und seine Kameraden aus der Ostmark misstrauisch beäugten. In anderen ähnlichen Ego-Dokumenten von österreichischen Soldaten wird wiederum von einem guten, kameradschaftlichen Verhältnis berichtet. Aber in politischen Fragen habe man sich sicherheitshalber doch lieber nur mit Österreichern ausgetauscht.
Akte eines spezifisch österreichisch motivierten Widerstands in Hitlers Armee sind kaum bekannt, wenn überhaupt, dann hauptsächlich zu Kriegsende – zum Beispiel, als es um die Schonung Wiens beim Anmarsch der Roten Armee ging. Alles in allem „funktionierten“ die Österreicher im Rahmen der Wehrmacht. Sie nahmen an Hitlers Krieg teil wie Soldaten aus anderen Regionen des Deutschen Reichs auch: unwillig oder begeistert, als Sieger die Situation genießend, trotzdem auf ein baldiges Ende hoffend, immer eine möglichst bequeme, mit möglichst wenigen Gefahren verbundene Stationierung ersehnend, die Verlegung an die Front – in die Feuerzone – fürchtend.
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Verglichen mit ihren Kameraden aus dem Altreich, gehörten die Soldaten der Ostmark allerdings überdurchschnittlich oft zu den Überlebenden. Das ergibt sich aus der Studie von Rüdiger Overmans über die deutschen militärischen Verluste im Zweiten Weltkrieg. Von 1,31 Millionen Österreichern, die während des Krieges zur Wehrmacht eingezogen wurden, kamen 242 000 ums Leben. Das waren erschreckende 19 Prozent aller Eingerückten. Allein, im Altreich (Deutsches Reich in den Grenzen von 1937) lag dieselbe Quote ungleich höher, nämlich bei 31 Prozent.
Wie ist ein derartig großer, statistisch auffälliger Unterschied zu erklären? War die Bereitwilligkeit, gegebenenfalls das eigene Leben für „Volk, Reich und Führer“ hinzugeben, bei Ostmärkern erkennbar geringer als bei Altreichsdeutschen? Waren sie deshalb offenkundig überlebensfähiger, weil ihre Loyalität zum Reich Hitlers schwächer war als die ihrer deutschen Kameraden? Alles in allem lässt sich vermuten, dass die von Overmans erhobenen Zahlen tatsächlich eine gewisse „Distanzierung von der ‚gesamtdeutschen‘ Aggression“ andeuten, wie der Wiener Zeitgeschichtler Oliver Rathkolb meint.
Trotz aller anfänglichen euphorischen Nazi-Begeisterung in Österreich gab es Widerstand gegen den Nationalsozialismus in allen Milieus und politischen Lagern der österreichischen Gesellschaft. Und das vom ersten Tag an. Man sollte diesen Widerstand jedoch nicht überschätzen. 1943 gab es rund 693 000 NSDAP-Mitglieder in den „Alpen- und Donaureichsgauen“, während im selben Gebiet in den Jahren 1938 bis 1945 ungefähr 100 000 Personen aus im weitesten Sinn politischen Gründen von der Gestapo verfolgt wurden.
Opfer des Volksgerichtshofs werden überwiegend Kommunisten
Wie verteilten sich diese antinazistischen Aktivitäten oder Haltungen auf die politischen Lager? Rund drei Viertel aller von nationalsozialistischen Gerichten verurteilten Widerstandskämpfer sind der Kommunistischen Partei zuzuordnen. Wobei sich die zentralistische, streng hierarchische Struktur der KPÖ im Untergrund als sehr nachteilig erwies. Regelmäßig wurden Spitzenfunktionäre nach Österreich eingeschleust, die ebenso regelmäßig von der Gestapo ausgehoben und umgebracht wurden. Mit ihnen stürzten ganze Netzwerke an selbstlosen und mutigen Widerstandskämpfern, Aktivisten und Sympathisanten – Frauen wie Männer – ins Verderben. Allein von 1938 bis 1943 nahm die Gestapo Wien 6272 Kommunisten fest.
Bei diesen handelte es sich zumeist um junge linksgerichtete Sozialdemokraten, die schon 1934 aus Enttäuschung über die eigene zaudernde Parteiführung zu den Kommunisten übergelaufen waren. Ältere, früher führende, gemäßigte Sozialdemokraten zogen es dagegen vor, sich nach außen hin unauffällig zu verhalten und das im Kriegsverlauf zunehmend absehbare Ende des Regimes abzuwarten.
Ähnlich zurückgezogen verhielten sich die ehemaligen Führer der Christlichsozialen Partei, sofern sie als Funktionäre des Ständestaates nicht ohnehin nach dem „Anschluss“ verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt worden waren. Eine bunte Reihe von Vereinigungen ist dem katholisch-konservativen Widerstandskreis zuzurechnen: katholische Jugendgruppen, widerständige Kreise, die sich um Persönlichkeiten des bürgerlichen Lagers gebildet hatten, Gruppen von habsburgtreuen Legitimisten oder Aktivisten der christlichen Arbeiterbewegung und des katholischen Cartellverbandes. Aus dem bürgerlichen Lager heraus entstand gegen Kriegsende eine Widerstandsbewegung, die Kontakte zu allen politischen Lagern zu knüpfen versuchte und sich bewusst überparteilich gab: die „O 5“ (für „Ö“, also Österreich).
Während die katholische Amtskirche sich vorsichtig abwartend verhielt, fanden sich viele mutige Priester, Ordensleute und Laien dazu bereit, für ihren Glauben und ihre Überzeugung unter Einsatz ihres Lebens einzustehen. Besonders bekannt wurden der glaubensstarke Wehrdienstverweigerer Franz Jägerstätter, ein oberösterreichischer Bauer, sowie die unbeirrbar antinazistische Ordensschwester Helene Kafka. Beide wurden vom Volksgerichtshof abgeurteilt und 1943 hingerichtet. Sie erlangten nach dem Krieg den Rang von Märtyrern der katholischen Kirche. Ihre Wirkung zur Zeit der NS-Herrschaft blieb jedoch auf einen kleinen Kreis von Angehörigen, Freunden und Nachbarn beschränkt.
Eine vergleichende Untersuchung über die Intensität des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus in Hessen und in Österreich auf Basis der Zahl von Anklagen und Verurteilungen vor dem Volksgerichtshof legt deutlich höhere Widerstandsaktivitäten in Österreich nahe. Trotzdem: Eine breite, alle Volksschichten und Milieus erfassende Widerstandsbewegung gegen das NS-System, dem man durch gemeinsame Sprache, Kultur und Geschichte verbunden war, entwickelte sich nie. Mag sein, dass mit fortschreitendem Krieg die Mehrheit der Österreicher die Deutschen wieder loswerden wollte und den „Anschluss“ als obsolet ansah: Gegen sie auf breiter Front einen bewaffneten Untergrundkampf zu führen war undenkbar.
„Moskauer Deklaration“: Österreich als „erstes Opfer“ des Hitlerismus
Die schleppenden, das Nazi-Regime in keiner Weise erschütternden Widerstandsaktivitäten in Österreich mögen der Grund dafür gewesen sein, dass sich die alliierten Mächte bei ihrer Konferenz in Moskau im Oktober 1943 mit der Österreich-Frage befassten. Die Schlusserklärung wurde am 1. November unter dem Titel „Deklaration über Österreich“ veröffentlicht.
Dieses Dokument enthält drei Kernaussagen: Erstens, Österreich sei als „erstes freies Land“ der Aggression Hitlers zum Opfer gefallen und müsse von der deutschen Herrschaft befreit werden. Die Großmächte betrachteten den „Anschluss“ als „null und nichtig“ und fühlten sich in keiner Weise daran gebunden. Zweitens wünschten die Großmächte, ein freies und unabhängiges Österreich wiederherzustellen. Und drittens wurde Österreich darauf aufmerksam gemacht, dass es für die Teilnahme am Krieg auf Seiten Hitler-Deutschlands die Verantwortung tragen müsse. Bei der „endgültigen Regelung“ werde aber Österreichs eigener Beitrag zur Befreiung berücksichtigt.
Diese dritte Kernaussage hatte ein klares Ziel: Die Alliierten wollten tatkräftigen Widerstand gegen das NS-Regime in Österreich anregen. Vor allem österreichische Patrioten des bürgerlichen Lagers verstanden die Deklaration als Signal, ihre Widerstandsaktivitäten zu intensivieren.
Insgesamt war die Resonanz aber deutlich geringer als erhofft. Wenn die Erklärung der Außenminister der Großmächte in Österreich etwas bewirkte, dann war es die trügerische Hoffnung, von alliierten Luftangriffen verschont zu bleiben und insgesamt glimpflich davonzukommen. Als Aufruf zum bewaffneten Kampf wurde sie nur selten verstanden. Irgendwie durchkommen, überleben um jeden Preis, sich möglichst ruhig, möglichst passiv verhalten – so lautete die Devise. Das war es, was die allermeisten Österreicher zu ihrer Befreiung beitragen konnten und wollten.
Als 1945 die alliierten Truppen aus allen Richtungen auf das kleine Österreich vorrückten, stießen sie eher selten auf nennenswerte Gegenwehr der Wehrmacht oder der Waffen-SS. In dieser letzten Phase des Krieges kam es tatsächlich vermehrt zu Aktionen des österreichischen antinazistischen Widerstandes, und das in allen Teilen des Landes. Diese Aktivitäten hatten das Ziel, Kampfhandlungen möglichst zu unterbinden oder zumindest abzuschwächen und Städte und Regionen ohne größere Zerstörungen den alliierten Truppen zu übergeben.
Am 29. März 1945 durchbrach die Rote Armee den sogenannten Südostwall an der ungarisch-burgenländischen Grenze und rückte zügig auf Wien vor. Während der Angriff noch lief, kam es bereits zu intensiven Bemühungen, eine provisorische Regierung zu bilden. Als Regierungschef bot sich der 74-jährige Karl Renner an, ein Sozialdemokrat, der als Staatskanzler 1918 bis 1920 bereits die Erste Republik Österreich aus der Taufe gehoben hatte. Schon am 27. April – in den westlichen Bundesländern herrschte noch das NS-Regime – konstituierte sich eine österreichische Regierung. Sie bestand aus Vertretern der katholisch-konservativen Volkspartei (ÖVP), der SPÖ und der KPÖ.
So wie Deutschland wurde auch Österreich 1945 in Besatzungszonen aufgeteilt. Alle vier Mächte richteten sich in Wien ihre Sektoren ein, die Innere Stadt wurde als „Interalliierte Zone“ verwaltet.
Bei den ersten freien Wahlen Ende November 1945 – unter Ausschluss der ehemaligen NSDAP-Mitglieder – errang die konservative Volkspartei die Mehrheit, während die Kommunisten mit nur 5,4 Prozent deutlich unter ihren Erwartungen blieben. Gut möglich, dass die Schwäche der KPÖ dazu beitrug, dass es in Österreich nicht zu einem ähnlichen Szenario kam wie in Deutschland, nämlich zur Spaltung des Landes. Entgegen allen Befürchtungen verschwand Ostösterreich nicht hinter dem Eisernen Vorhang.
In den Folgejahren wurde die österreichische Politik nicht müde, auf den Österreich in der „Moskauer Deklaration“ zugesprochenen Opferstatus („das erste freie Land, das der typischen Angriffspolitik Hitlers zum Opfer fiel“) zu pochen. Man sah sich als befreites Land und konnte nicht verstehen, von den Befreiern als Besiegte behandelt zu werden. Erst 1955 gelang es in einer günstigen Phase des Kalten Krieges unter dem Versprechen der „immerwährenden Neutralität nach Schweizer Muster“, den ersehnten Staatsvertrag und den Abzug der Besatzungsmächte zu erlangen.
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