Ute Planert, Napoleons Welt. Ein Zeitalter in Bildern. Verlag wbg Theiss, Darmstadt 2021, 192 Seiten, € 40,–. Mehr zum Thema Johannes Willms, Der Mythos Napoleon. Verheißung, Verbannung, Verklärung. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2020, 384 Seiten, € 26,–.
Mit dem geistigen Rüstzeug der Aufklärung drängte das Bürgertum überall zur Teilhabe an der Macht. Die Umwälzungen sind vielförmig: Mal richteten sie sich, wie im Fall Nordamerikas, gegen die Kolonialmacht, mal,
wie im Fall Frankreichs, gegen König und Kirche. Mal sind sie über die Region hinaus kaum wahrnehmbar, wie die Aufstände der Indigenen gegen die englischen Siedler, mal sind es nicht die Beherrschten, sondern die Herrscher selbst, die die Axt anlegen. Der Revolution von oben widmet die Autorin am Beispiel des Josephinismus in den Österreichischen Niederlanden ein eigenes Kapitel. Die Welt ist also schon in Bewegung, als der Beweger Napoleon Bonaparte auf den Plan tritt. In Planerts Buch geschieht das auf Seite 66; da hat der Leser schon ein Drittel des Umfangs hinter sich. Den militärischen Seriensieger Napoleon handelt Planert nur beiläufig ab. Weitaus mehr Raum billigt sie dem Staatsmann zu, der selbst seinen „Code civil“ höher veranschlagte als Austerlitz, die „schönste“ seiner Schlachten. Manche seiner Reformtaten überlebten das Scheitern des Empire und wirken bis heute nach, auch in Deutschland. Planerts Napoleon ist bei allem Genie kein Alleinunterhalter. Seine Herrschaft, bilanziert sie urteilssicher, „wirkte als Katalysator laufender Prozesse, ihr Heros war Akteur und Getriebener zugleich“. Einen großen Mehrwert gibt dem Buch die reiche Bebilderung. Die Qualität der 150 Illustrationen ist herausragend. Auffällig, wenngleich unaufdringlich, ist die starke Repräsentanz von Frauengestalten (die Frauenrechtlerin Olympe de Gouges, Napoleons Schwestern und Ehefrauen, die Mutter Letizia, Maria-Karolina von NeapelSizilien oder Lady Hamilton). Das Cover zeigt den Sphinx von Giseh, der nachdenklich sinnend auf einen unbestimmt dreinblickenden Kaiser schaut (nach einem eher unbekannten Kaiser-Gemälde von Anne-Louis Girodet-Trioson). Ihr Buch wolle „eine Entdeckungsreise zu den Ursprüngen des modernen Europa und seinen Wirkungen auf die außereuropäische Welt“ sein, schreibt Planert. Es empfiehlt sich, die Einladung anzunehmen. Dr. Günter Müchler
Alle im Gleichschritt? Bis heute prägen die nationalsozialistischen Propagandaaufnahmen von im Gleichschritt marschierenden Jugendlichen unser Bild von der Hitler-Jugend. Der Dresdener Historiker André Postert unterzieht dieses Bild einer kritischen Überprüfung. In seinem neuen Buch zeigt er, dass die Hitler-Jugend zu keinem Zeitpunkt die homogene, durchweg alle Jugendlichen begeisternde Staatsjugend war, wie die nationalsozialistische Propaganda es uns glauben machen will.





