Vor rund 2700 Jahren stand der Großteil Israels unter der Herrschaft der Assyrer. Der Norden der Region war bereits 722 vor Christus von ihnen eingenommen worden. Das im Süden gelegene Königreich Juda war akut bedroht, aber vorerst noch ein Vasallenstaat Assyriens. Allerdings bereitete sich der assyrische König Sanherib bereits auf einen Feldzug gegen Syrien und die noch nicht eroberten Gebiete, darunter auch Askelon und Juda vor.

Keilschrift-Scherbe assyrischer Herkunft
Aus dieser Zeit haben nun Archäologen der Israelischen Altertumsbehörde einen potenziell bedeutenden Fund gemacht. Entdeckt wurde er bei Ausgrabungen westlich des Tempelkomplexes von Jerusalem. Dort wurden bereits früher einige Artefakte aus der Zeit des zerstörten ersten Tempels von Jerusalem gefunden. Auf der Suche nach weiteren Relikten hat das Team unter Leitung von Ayala Zilberstein Sediment im Umfeld eines ehemaligen zentralen Abwasserkanals des Tempelbezirks untersucht. Beim Durchsieben des Erdreichs stieß die Archäologin Moriah Cohen von der Organisation Archaeological Experience auf eine Scherbe mit zahlreichen Einkerbungen. “Als ich sie genauer betrachtete, schien sie mit Keilschrift bedeckt zu sein, was mir jedoch unwahrscheinlich erschien”, so Cohen. “Denn wir haben hier noch nie Vergleichbares gefunden.”
Doch nähere Untersuchungen bestätigten den Verdacht: Es handelt sich bei der nur 2,5 Zentimeter kleinen Scherbe um eine Keilschrift-Inschrift assyrischen Ursprungs. “Petrographische Analysen des Fragments haben ergeben, dass sich das Material grundlegend von lokalen Rohstoffen für Keramik, Siegelabdrücke und Tondokumente unterscheidet, die normalerweise in Jerusalem und der südlichen Levante genutzt wurden”, berichtet Anat Cohen-Weinberger von der Israelischen Altertumsbehörde. Die Mineralzusammensetzung deutet stattdessen auf einen Ursprung im Tigrisbecken Mesopotamiens hin – dort, wo zentrale Städte des assyrischen Reichs wie Ninive, Assur oder Nimrud lagen. Damit ist dies die bisher einzige je in Jerusalem gefundene assyrische Inschrift aus der Zeit des Ersten Tempels.
Siegelabdruck eines Mahnbriefs
Noch bedeutsamer ist jedoch der Inhalt des Keilschrift-Fragments. Den Archäologen zufolge handelt es sich um einen Teil eines königlichen Siegelabdrucks – eines Abdrucks, der einen Brief oder eine offizielle Nachricht im Namen des assyrischen Königshofes kennzeichnete. „Solche Bullae trugen eine Prägung, die manchmal von einer kurzen Inschrift in assyrischer Keilschrift begleitet wurde, in der der Inhalt der Sendung oder ihr Ziel vermerkt war. Sie unterscheiden sich in Größe und Form von den lokalen jüdischen Prägungen“, erläutert der Assyriologe Peter Zilberg von der Bar-Ilan Universität. Neben dem Siegel ist ein kurzer Passus des Briefinhalts erhalten, in dem Zahlungen und ein Fälligkeitsdatum genannt werden. Die Forscher vermuten daher, dass es sich um eine Art Mahnung der Assyrer an das Königreich Juda handelt – möglicherweise wegen einer noch ausstehenden Tributzahlung.





