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Archimedes-Palimpsest: Verschollene Seite aufgespürt
Geschichte & Archäologie

Archimedes-Palimpsest: Verschollene Seite aufgespürt

Im neunten Jahrhundert kopierte ein Schreiber in Konstantinopel ein berühmtes Lehrwerk des antiken Gelehrten Archimedes, Jahrhunderte später wurde sie überschrieben – ein Palimpsest entstand. Jetzt, 1100 Jahre später, hat ein Historiker in Frankreich eine verschollene Seit dieses Archimedes-Palimpsests wiederentdeckt. Das Blatt zeigt – stark verblasst – einen Textabschnitt aus Archimedes' Werk „Über Kugel und Zylinder".
Autor
Nadja Podbregar
12. März 2026
Lesezeit
2 Minuten
Rubrik
Geschichte & Archäologie

Im neunten Jahrhundert kopierte ein Schreiber in Konstantinopel ein berühmtes Lehrwerk des antiken Gelehrten Archimedes, Jahrhunderte später wurde sie überschrieben – ein Palimpsest entstand. Jetzt, 1100 Jahre später, hat ein Historiker in Frankreich eine verschollene Seit dieses Archimedes-Palimpsests wiederentdeckt. Das Blatt zeigt – stark verblasst – einen Textabschnitt aus Archimedes‘ Werk „Über Kugel und Zylinder“.

Der um 287 vor Christus auf Sizilien geborene Archimedes war einer der bedeutendsten Gelehrten der Antike. Ihm verdanken wir grundlegende mathematische Prinzipien, physikalische Gesetze wie das Hebelgesetz und das archimedische Prinzip, aber auch praktische technische Erfindungen wie die archimedische Schraube oder Brennlinsen. Viele seiner Werke wurden immer wieder kopiert und blieben so in Abschriften erhalten, andere sind nur durch Zitate durch spätere Gelehrte bekannt.

Die Vorgeschichte: Von Byzanz in die USA

Die Bedeutung von Archimedes Erkenntnissen und Werken erkannte um das Jahr 500 auch der Architekt und Mathematiker Isidor von Milet, der Erbauer der Hagia Sofia in Konstantinopel. Er ließ die damals verfügbaren Schriften des antiken Gelehrten zusammenholen und kopieren. Diese Sammlung wurde in den folgenden Jahrhunderten weiter gepflegt und immer wieder kopiert. Im neunten Jahrhundert entstand dabei der Kodex C, der geometrische Lehrtexte des Archimedes umfasste. Doch als Konstantinopel beim vierten Kreuzzug im Jahr 1204 angezündet und geplündert wurde, verschwanden zunächst auch die Archimedes-Abschriften.

Doch der Kodex C wurde nicht zerstört, er tauchte einige Jahrzehnte später in Jerusalem wieder auf und wurde dort recycelt: Um das damals wertvolle Pergament für andere Texte nutzen zu können, wurde die Schrift abgeschabt und mit christlichen Texten überschrieben. Dieses Palimpsest wurde dann im griechischen Patriarchat in Jerusalem bis in die Neuzeit aufbewahrt. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts entdeckte man seinen wahren Wert. 1906 wurden alle Seiten des Archimedes-Palimpsests abfotografiert und dadurch dokumentiert. Anschließend wechselte das Manuskript mehrfach Ort und Besitzer, bis es in den 1990er Jahren in die USA gelangte. Doch bei diesen Wirren gingen drei Seiten verloren.

Rückseite von Blatt 123
Die Rückseite des wiederentdeckten Blatts 123 ist mit einer neuzeitlichen Illustration von Daniel in der Löwengrube überdeckt. © Blois, Musée des Beaux-Arts, Inv. 73.7.52. Photography IRHT-CNRS

Fund im Museum der Schönen Künste

Eine dieser Seiten hat nun ein französischer Historiker im Musée des Beaux-Arts in Blois wiederentdeckt. Victor Gysembergh vom französischen Forschungsorganisation CNRS stieß bei Untersuchungen von Manuskripten in diesem Museum auf eine Seite stieß, die unter dem griechischen Text einen quer dazu verlaufenden weiteren Text mit geometrischen Abbildungen enthielt. Als Gysembergh diesen verblassten Text mit Fotografien des Archimedes-Palimpsests von 1906 abglich, fand er eine Übereinstimmung. Der Vergleich ergab, dass es sich um das verschollene Blatt 123 des Archimedes-Palimpsests handelt.

Die wiederentdeckte Seite enthält einen Abschnitt aus dem ersten Buch von Archimedes‘ Werk „Über Kugel und Zylinder“ mitsamt Diagrammen. Die in Konstantinopel erstellte Abschrift dieses antiken Lehrwerks ist zwar stark verblasst, aber noch lesbar. Die Rückseite dieses Blatts ist von einer christlichen Illustration aus der Neuzeit überdeckt, die Daniel in der Löwengrube zeigt, wie Gysembergh berichtet. Nachdem die verlorene Seite nun wiedergefunden ist, plant Gysembergh, diesen verdeckten Teil von Archimedes‘ Text mittels multispektraler Bildgebung und Röntgen-Synchrotron-Analysen zu untersuchen. Diese Verfahren könnten den ursprünglichen, unter der Illustration verborgenen Text wieder sichtbar machen.

Quelle: CNRS; Fachartikel: Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik, 6 März 2026

Palimpsest
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