Wie der Siegeszug des Au-pair-Wesens seinen Anfang nahm
Mady Diekelmanns Beispiel erinnert daran, dass im 20. Jahrhundert unzählige Frauen das Au-pair-Modell nutzten, um für einige Zeit im Ausland zu leben. „Au pair“ bedeutet „auf Gegenseitigkeit“ oder „auf Gegenleistung“. Der Begriff findet seit den 1890er Jahren Verwendung und beschreibt die temporäre Aufnahme junger Ausländerinnen in Privathaushalten mit dem Anspruch gegenseitigen Nutzens: Au-pair-Aufenthalte basieren auf der Mitarbeit im Haushalt oder bei der Kinderbetreuung im Gegenzug für Logis, Kost und „Taschengeld“. Das Au-pair-Modell bildete in Westeuropa über viele Jahrzehnte eine populäre Form des Auslandsaufenthalts und ist heute weltweit bekannt. Doch woher kommt es, und was bedeutete es für die jungen Frauen?
Die Geschichtswissenschaft verortet die Anfänge von Au-pair an der Schnittstelle zwischen europäischen Traditionen von häuslichem Dienst und Bildungsmobilität. Erwähnung findet oft das „Welschlandjahr“, das sich in der Schweiz im 19. Jahrhundert etabliert hatte. Dabei gingen deutschsprachige junge Männer und Frauen aus dem Bürgertum für ein Jahr in den französischsprachigen Landesteil, um Sprach- und – je nach Geschlecht – auch andere Kenntnisse zu erlangen. Seit den 1880er Jahren ermutigten kirchliche Organisationen auch Mädchen aus bildungsfernen Schichten zu solchen Aufenthalten. Indem diese als Bildungs- bzw. Spracherwerb verstanden wurden, zugleich jedoch Haushaltsarbeit als Gegenleistung vorsahen, wiesen sie in der Tat Parallelen zu Au-pair-Stellungen auf, wie sie sich seit den 1890er Jahren verbreiteten.
Annoncen und Beiträge in Zeitungen zeigen, dass Au-pair-Stellungen bereits um 1900 bekannt waren. Sie wurden vor allem von jungen Frauen aus wohlhabenden Familien genutzt, um ihre – in der bürgerlichen Geschlechterordnung sehr eingeschränkten – Chancen auf höhere Bildung und Erwerb zu verbessern. Deutsche Frauen zogen nach Frankreich oder England, denn gute Englisch- und Französischkenntnisse galten im Kaiserreich nicht nur als Ausdruck von bürgerlicher Gewandtheit, sondern konnten auch dabei helfen, formale Bildungsnachteile zu kompensieren. Dies galt auch für angehende Lehrerinnen, die ihre Berufschancen durch einen Auslandsaufenthalt zu verbessern suchten.
Allerdings finden sich in den frühen Zeitungsbeiträgen auch kritische Stimmen zu Au-pair. Diese warnten nicht nur vor moralischen Gefahren, sondern auch vor schlechten Lebens- und Arbeitsbedingungen. Au-pair-Stellungen würden oft dürftige Unterbringung, keinen Familienanschluss oder eine Behandlung als Dienstbotin bedeuten. Manche Beiträge beobachteten die Verbreitung von Au-pair mit großer Skepsis und konstatierten negative Auswirkungen für gut ausgebildete und auf Erwerb angewiesene Frauen, die so gezwungen würden, nicht oder nur schlecht bezahlte Stellen anzunehmen.





