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Auch in der zweiten Reihe erfolgreich
Die Machtverhältnisse änderten sich, die Strahlkraft blieb. Auch als andere Reiche die Macht im Mittelmeerraum übernahmen, profitierten die späten Phönizier von ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit und wussten sich anzupassen.
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Nach sieben Monaten musste die Stadt am Meer kapitulieren. So lange dauerte es, bis es Alexander gelungen war, das Bollwerk Tyros zu überwinden. In ihrer geschützten Insellage schienen die Phönizier unüberwindbar zu sein. Der junge König der Makedonen aktivierte all seine taktische Phantasie, um einen Weg in die Stadt zu finden. Ein Damm, den er zwischen Insel und Festland aufschütten ließ, brachte die Entscheidung.
Als sie die Stadt stürmten, zeigten die Eroberer keine Gnade. Männer wurden ans Kreuz geschlagen, Frauen und Kinder in die Sklaverei verkauft. Nur der Stadtkönig Azemilkos und einige Gesandte aus Karthago durften sich einer milderen Behandlung erfreuen, sie blieben von den Sanktionen verschont. Die Delegation aus der nordafrikanischen Filiale von Tyros war von der Belagerung überrascht worden. Wie jedes Jahr waren sie aus alter Verbundenheit in die Mutterstadt gekommen, um Opfer für den Gott Melkart darzubringen. Auch Alexander erwies, als die Stadt in seiner Hand war, dem Hauptgott von Tyros seine Reverenz und ehrte ihn mit einer Kultgabe.
Die Eroberung von Tyros im August des Jahres 332 v. Chr. markiert einen wichtigen Einschnitt in der Geschichte der Phönizier. Einmal mehr waren sie gezwungen, sich neuen Machtverhältnissen anzupassen. Darin hatten sie inzwischen viel Erfahrung, und daher wussten sie auch, was sie nun erwartete.
Die Haltung Alexanders des Großen nach der Eroberung von Tyros war von der Ambivalenz gekennzeichnet, die grundsätzlich die Einstellung neuer Herrschaftsträger im Vorderen Orient zu den Phöniziern prägte. Einerseits fühlten sie sich ihnen politisch und militärisch überlegen, andererseits schätzten sie ihre kommerziellen Talente und kulturellen Errungenschaften. Alexander bestrafte die Bewohner von Tyros, weil sie es, im Gegensatz zu den anderen phönizischen Städten, gewagt hatten, ihm Widerstand zu leisten. Sidon etwa, der große Konkurrent von Tyros, hatte ihm bereitwillig die Stadttore geöffnet. Gleichzeitig nutzte er die Gelegenheit, dem wichtigsten Gott der Phönizier seine Aufwartung zu machen und mit dieser Geste seinen Respekt vor ihrer Religion zu bekunden.
Alexanders ungebetener Besuch fiel in eine Zeit, als die Glanzzeit der Phönizier der Vergangenheit angehörte. Freiheit und Autonomie hatten sie schon lange vorher verloren. Und doch spielten sie auf der Bühne der Geschichte noch immer eine nicht unbedeutende Rolle. Die politische Großwetterlage wechselte häufig, und darauf galt es sich einzustellen. Immer wieder verstanden sie es, sich mit den jeweiligen Umständen zu arrangieren. Die einen nannten diese Haltung Opportunismus, die anderen Pragmatismus.
Auf jeden Fall handelte es sich, trotz einiger bedrohlicher Situationen, um ein Erfolgsrezept. Denn die Phönizier wussten, dass sie für die Fremdherrscher attraktiv waren. Die strategisch günstige Lage im östlichen Mittelmeer, die Häfen, die Schiffe, die Märkte, die Ressourcen – die Phönizier hatten nach wie vor viel zu bieten.
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Die Assyrer zwingen die phönizischen Stadtstaaten zu Tributzahlungen
Es war eine stattliche Reihe von Mächten, mit denen sich die Phönizier zu arrangieren hatten. Mit Alexander dem Großen begann die Phase der makedonischen Herrschaft. Er löste die Perser ab, die gut 200 Jahre zuvor die Babylonier beerbt hatten. Diese wiederum hatten die Nachfolge der Assyrer angetreten.
Die Assyrer waren eine echte Herausforderung. Im 9. Jahrhundert v. Chr. lenkten die gefürchteten Krieger aus Mesopotamien ihren Aktionsradius verstärkt Richtung Westen. Anfangs ging es ihnen dort noch mehr um die Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Verhältnisse als um Eroberungen. Ein bewährtes Mittel war das Kassieren regelmäßiger Tribute. Die finanzstarken Phönizier spielten bei diesen Überlegungen eine wichtige Rolle.
Doch die potentiellen Geldgeber wussten, wie man Begehrlichkeiten dieser Art begegnete. 870 v. Chr. stattete der Assyrerkönig Assurnasirpal I. den Phöniziern einen Besuch ab. Als er wieder abreiste, hatte er wertvolle Geschenke im Gepäck – Gold, Silber, Kupfer, Zinn, Leinen, Ebenholz, Elfenbein, alles Produkte, mit denen die Phönizier erfolgreich Handel trieben und die den Potentaten aus dem Zweistromland freundlich stimmen sollten.
Bald aber reichten Präsente nicht mehr aus, um die expandierenden Assyrer zu beruhigen. Unter Tiglatpileser III., der von 746 bis 727 v. Chr. regierte, starteten sie von ihrer Hauptstadt Ninive aus eine großangelegte Offensive. Die phönizischen Städte wurden unterworfen und nun durch die Verpflichtung, regelmäßig Tribute zu zahlen, zu Vasallen degradiert. Empfindlich getroffen wurden die Phönizier auch dadurch, dass die Assyrer die Kontrolle über die einträglichen Kupferminen auf Zypern übernahmen.
Noch schlimmer kam es unter der Herrschaft von König Assurbanipal. Eine assyrische Expedition nach Ägypten veranlasste Tyros und andere Städte zu einem Aufstand, mit dem Ziel, die drückende Fremdherrschaft abzuschütteln. Keine gute Idee, wie sich zeigen sollte: Die Assyrer hoben den Vasallenstatus auf und erklärten Phönizien zu einem Teil ihres Herrschaftsverbandes.
Die Babylonier erhöhen den Druck auf die Stadtstaaten
Angesichts dieser Verhältnisse war es für die Phönizier eine erfreuliche Nachricht, dass in Mesopotamien ein Machtwechsel stattfand. Die Assyrer wurden von den Babyloniern, ihren Rivalen im Zweistromland, besiegt. Weniger erfreulich war der Umstand, dass sich die Außenpolitik der neuen Hegemonialmacht nicht wesentlich von der Expansionspolitik ihrer Vorgänger unterschied. Im Gegenteil: Der ambitionierte König Nebukadnezar II. blies zum Generalangriff auf Syrien, Phönizien und Palästina. Die Belagerung Jerusalems führte 587 v. Chr. zum Babylonischen Exil der Juden und dazu, dass Nebukadnezar in der biblischen Überlieferung eine außerordentlich schlechte Presse erhielt.
Zwei Jahre später nahm sich der König Tyros vor. Doch anders als später Alexander gelang es ihm nicht, die Stadt einzunehmen. Die Quellen sprechen von einer 13-jährigen Belagerung. Eine wenig glaubwürdige Aussage – so lange hatten nicht einmal die Babylonier Zeit. Jedoch zeigt die Nachricht, dass es Städten wie Tyros einerseits gelang, sich von direkter Herrschaft frei zu halten, die Lage für die Phönizier andererseits allerdings schwieriger geworden war.
So waren sie nicht undankbar, als Babylon von den Persern abgelöst wurde. 529 v. Chr. eroberte König Kyros II. die Metropole am Euphrat. Die neuen Machthaber schufen ein Großreich, das sich von Indien bis zum Mittelmeer erstreckte. Statt auf Konfrontation und Restriktion setzten sie auf Kooperation, in der richtigen Erkenntnis, dass die Akzeptanz bei unterworfenen Völkern höher ist, wenn die Herrscher ihnen das Gefühl vermitteln, nicht Untertanen, sondern Partner zu sein. Daher ergänzten sich in idealer Weise phönizische Flexibilität und persische Freizügigkeit und führten zu einem für alle Seiten profitablen Synergieeffekt.
Weitaus mehr als unter Assyrern und Babyloniern genossen die Phönizier ein hohes Maß an Autonomie und Selbstbestimmung. Zwar unterstanden sie formell persischen Satrapen, doch waren diese angehalten, sich möglichst wenig in die lokalen Angelegenheiten einzumischen. Als sich die Perser 525 v. Chr. unter König Kambyses anschickten, Ägypten zu erobern, stellten die phönizischen Städte bereitwillig ihre Häfen als Operationsbasen zur Verfügung und beteiligten sich mit ihren Flotten aktiv an den erfolgreichen maritimen Unternehmungen. In kriegsfreien Zeiten profitierten die Perser von der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der umtriebigen Händlereliten aus der Levante.
Kein Wunder, dass die Stadtfürsten von Sidon, Tyros oder Byblos gerngesehene Gäste am königlichen Hof in Susa waren. Dabei wetteiferten die phönizischen Granden um die Gunst des mächtigen Monarchen. Der Fürst von Sidon war auf diesem Gebiet anscheinend talentierter als der Rivale aus Tyros. Wie der gewöhnlich gut unterrichtete griechische Historiker Herodot berichtet, genoss er das Privileg elitärer Königsnähe. Beim Perserkönig gab es ein klares Sympathie-Barometer. Das entscheidende Kriterium war die Sitzordnung rings um seinen Thron. Der Favorit bekam den Platz direkt zu seiner Rechten – und das war der Fürst von Sidon.
Als der Perserkönig Xerxes 480 v. Chr. im Rahmen seines Griechenland-Feldzuges vor der Seeschlacht von Salamis Partner und Vasallen um sich scharte und diese, wie Herodot sagt, „Platz nahmen in der Reihenfolge ihres Ranges“, wurde als Erster der König von Sidon um seine Meinung gefragt. Danach kam sein Amtskollege aus Tyros an die Reihe. Faktisch war die sidonische Expertise in diesem Fall allerdings keine große Hilfe: Die Schlacht von Salamis ging grandios verloren. Nicht bekannt ist, ob der Sidon-Fürst danach seinen Ehrenplatz räumen musste.
Eine Revolte gegen die Perser hat gravierende Konsequenzen
Im 4. Jahrhundert v. Chr. begann der Stern der Perser zu sinken. Die Phönizier hatten unter ihnen viele Freiheiten genossen, doch nutzten sie die Schwäche der Perser aus, um die Zügel wieder stärker an sich zu reißen. Bei diesen emanzipatorischen Bestrebungen spielte gerade jenes Sidon eine wichtige Rolle, das zuvor so demonstrativ die Nähe zu den persischen Machthabern gesucht hatte.
Zuletzt hatten sich die Perser aktiv in die Besetzung der politischen Spitzenpositionen im Stadtstaat eingemischt. 357 v. Chr. kam auf diese Weise ein Adliger namens Tennes an die Macht. Aus persischer Sicht keine gute Wahl: Als der Großkönig Artaxerxes III. 351 v. Chr. einen Feldzug gegen Ägypten unternahm, sah Tennes die Gelegenheit gekommen, sich von den Persern zu lösen. Mit eigenen Truppen und griechischen Söldnern aus Ägypten stürzte er sich in einen Kampf gegen den König.
Das Unternehmen verlief unglücklich, also wechselte er die Taktik und bot den Persern an, ihnen Sidon auszuliefern. Die Perser nahmen die Offerte dankend an und veranstalteten ein furchtbares Strafgericht, bei dem 40 000 Menschen ums Leben gekommen sein sollen. Der wankelmütige Tennes büßte sein Verhalten mit dem Tod. Große Teile der Bevölkerung wurden nach Babylon und Susa deportiert.
Die Katastrophe von Sidon war der Tiefpunkt in den Beziehungen zwischen Phöniziern und Persern. Etwas Vergleichbares war zuvor nicht vorgekommen und passierte auch in der Folgezeit nicht noch einmal. Denn insgesamt war die Perserzeit für die Phönizier eine erfolgreiche Phase ihrer Geschichte. Handel und Wirtschaft florierten wie zu den besten Zeiten, die Auftragsbücher der Kaufleute waren gefüllt, vollbeladene Schiffe pendelten ständig zwischen den Küsten des Libanon und dem westlichen Nordafrika. Von dem Aufschwung zeugen, neben vielen literarischen Quellen, auch archäologische Forschungen. Sie dokumentieren eine rege Bautätigkeit in allen Phönizierstädten.
Alexander der Große löst wenig Begeisterung aus
Unter den Persern lebte es sich in Phönizien gut, und daher löste die Ankunft Alexanders des Großen keine Begeisterungsstürme aus. Man hatte mit ihm auch nicht gerechnet. Sein erklärtes Ziel waren die persischen Zentralgebiete im Iran. Doch nachdem er die Perser 333 v. Chr. bei Issos im heutigen türkisch-syrischen Grenzgebiet besiegt hatte, war er nach Süden gezogen. Die Völker des Nahen Ostens gehörten zum Reich der Perser, und er wollte den iranischen Feldzug nicht mit den persischen Stützpunkten zwischen dem Libanon und Ägypten im Rücken riskieren.
Natürlich wusste Alexander auch um die Bedeutung der phönizischen Häfen, und es war ihm bekannt, dass die Phönizier den Persern immer bereitwillig ihre Flotte zur Verfügung gestellt hatten. Als er kam, leistete nur Tyros Widerstand – vielleicht, weil man sich in seiner insular-urbanen Festung sicher fühlte, vielleicht auch, weil man mit den Persern zufrieden war und keine Sehnsucht verspürte, diese komfortablen Verhältnisse zu ändern. Arados, Marathos, Byblos machten keine Schwierigkeiten, auch Sidon nicht, dem vermutlich noch der Tennes-Schrecken in den Gliedern steckte.
Erstmals in ihrer Geschichte standen die Phönizier nun unter der Herrschaft einer Macht aus dem Westen. Doch war für sie die Begegnung mit der griechischen Kultur alles andere als eine neue Erfahrung. Schon lange bestanden enge Kontakte zwischen Phöniziern und Griechen, insbesondere auf dem Gebiet des Handels, wie archäologische Funde von Keramik speziell attischer Provenienz in den Städten entlang den Küsten Phöniziens dokumentieren. Griechische Namen kamen in Mode, ebenso griechische Münzen, Maße und Gewichte.
Die Hellenisierung kommt den Phöniziern entgegen
Die Phönizier waren auf die von Alexander eingeleitete Zeit der intensiven Hellenisierung des Orients also gut vorbereitet. Geradezu idealtypisch vollzog sich hier der Prozess einer gegenseitigen Beeinflussung. Die Phönizier hatten selbst viel zu bieten, nahmen aber auch gerne und bereitwillig Neues auf. So lässt sich seit dem 4. Jahrhundert v. Chr. eine noch deutlich gesteigerte Affinität zur griechischen Kultur und zu griechischen Lebensformen beobachten – zumindest bei den Oberschichten, die in den schriftlichen und materiellen Quellen deutlich besser repräsentiert sind als die übrige Bevölkerung.
Ein herausragendes Beispiel für dieses Phänomen ist ein berühmter Sarkophag aus Sidon, der zu den Prunkstücken des Archäologischen Museums von Istanbul zählt. Einst grell und bunt, wie es die antike Kunst war, präsentiert er in seinem Bildprogramm Szenen einer Jagd und einer Schlacht. Wahrscheinlich handelt es sich dabei um die Schlacht von Issos, in der Alexander der Große dem persischen Großkönig Dareios III. eine entscheidende Niederlage zufügte.
Der „Alexandersarkophag“, wie man ihn nicht ganz präzise zu bezeichnen pflegt, entstand relativ zeitnah zu diesem Ereignis und wurde vermutlich für Abdalonymos hergestellt, den Alexander höchstpersönlich zum Stadtkönig von Sidon befördert hatte. Wie bei antiken Herrschern in sepulkralen Angelegenheiten üblich, überließ der Dynast nichts dem Zufall und beauftragte rechtzeitig ein attisches Unternehmen mit der Realisierung des Sarkophag-Projekts.
Das Resultat dieser griechisch-phönizischen Gemeinschaftsproduktion konnte sich sowohl künstlerisch als auch politisch sehen lassen. Mit dem eindrucksvollen Bildprogramm bedankte sich der Fürst bei seinen makedonischen Gönnern für den Karrieresprung und zeigte zugleich seinen Landsleuten, in welche Richtung der politische Kurs der Zukunft gehen sollte.
Umgekehrt profitierten auch die Griechen von der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Phönizier. Purpur, Zedernholz und die hochwertigen Produkte des phönizischen Kunsthandwerks waren zwischen dem Schwarzen Meer und Südfrankreich begehrte Importobjekte und sorgten in den Levante für stets gut gefüllte Kassen. Die Griechen vergaßen auch nicht, dass die Phönizier sie gelehrt hatten, wie man Herrschaft ohne ein flächendeckendes Imperium realisiert. Gerne übernahmen sie seit der Mitte des 8. Jahrhunderts v. Chr. im Rahmen der „Großen Kolonisation“ das Prinzip der Gründung von einzelnen Handelsstädten, die mit ihren Netzwerken erstklassige wirtschaftliche Bedingungen schufen.
Als Tyros 332 v. Chr. von Alexander dem Großen erobert wurde, flohen viele der Bewohner Richtung Westen, nach Karthago im heutigen Tunesien, in jene Stadt, die gut 500 Jahre zuvor von ihren Vorfahren gegründet worden war. Die Karthager pflegten in Nordafrika die kulturellen und kultischen Traditionen der orientalischen Heimat. Regelmäßige gegenseitige Besuche sorgten dafür, dass die Bindung zwischen Mutterstadt und Tochterstadt nicht abriss.
Lehrer, heißt es, freuen sich, wenn sie von ihren Schülern überflügelt werden. Wenn das stimmt, hatte Tyros viel Grund zur Freude. Denn die Filiale Karthago stellte die an sich auch sehr erfolgreiche Mutterstadt deutlich in den Schatten. Seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. waren die Karthager politische, militärische und kommerzielle Führungsmacht in großen Teilen des westlichen Mittelmeerraumes. Als gelehrige Schüler kopierten die „Punier“, wie man sie im Westen nannte, das wirtschaftliche Erfolgsrezept der phönizischen Lehrer.
Anders als die Lehrer aber setzten sie auch, gestützt auf eine effiziente Kriegsflotte, sehr stark auf die militärische Karte. So kamen sie in Konflikt mit der aufstrebenden westlichen Großmacht Rom. Die drei „Punischen Kriege“ – mit Hannibal als einem zentralen Protagonisten auf punischer Seite – endeten mit der Zerstörung Karthagos im Jahr 146 v. Chr. Die Römer übernahmen die Herrschaft in Nordafrika und einige Jahrzehnte später, im Rahmen militärischer und diplomatischer Offensiven gegen die hellenistischen Reiche, die in der Nachfolge Alexanders des Großen entstanden waren, auch in der Heimat der Phönizier. Seit 64 v. Chr. gehörte Phönizien zum Römischen Reich.
Im Römischen Reich wird Tyros Hauptstadt einer Provinz
Und noch einmal wiederholte sich das alte Spiel: Die fremden Herrscher übten die politische Macht aus, die phönizischen Anpassungskünstler setzten auf ihre wirtschaftliche und kulturelle Strahlkraft, die ihnen auch unter den Römern eine komfortable Existenz sicherte. Als Kaiser Septimius Severus am Ende des 2. Jahrhunderts n. Chr. im Rahmen einer administrativen Neuordnung der römischen Besitzungen im Vorderen Orient nach einer Hauptstadt für die neue Provinz „Syrien und Phönizien“ suchte, fiel die Wahl auf die alte Metropole Tyros.
Eine Wahl mit Symbolcharakter: Einst nach der Einnahme der Stadt durch Alexander den Großen am Abgrund, trotzte die Stadt allen Widernissen, kam wie der Phönix aus der Asche immer wieder zurück und behauptete bei Veränderungen der politischen Gesamtlage in einer sensiblen Region der antiken Welt stets ihren Rang als Perle phönizischer Stadtkultur.
Autor: Prof. Dr. Holger Sonnabend
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