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Auf Augenhöhe mit Athen
Philipp II. war es gelungen, sein politisches Einflussgebiet zu konsolidieren. Nun spielten ihm auch noch die Probleme seiner ärgsten Feinde in die Karten. So waren die Athener durch die Verwicklung in den „Bundesgenossenkrieg“ (357–355 v. Chr.) geschwächt.
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Philipp II. hatte seine Einflusssphäre nach Süden inzwischen so umfangreich erweitert, dass er sich jetzt in einem Konflikt wiederfand, in dem die Vormachtstellung über Zentralgriechenland neu ausgehandelt wurde. Im „Dritten Heiligen Krieg“ (356 –346 v. Chr.) stritten die Phoker mit den Thebanern und Thessaliern um den Zugriff auf das Heiligtum in Delphi. Aus einem regionalen Konflikt um alte Grenzstreitigkeiten erwuchs rasch ein Krieg, in den alle griechischen Großmächte in unterschiedlichen Konstellationen involviert waren.
Den Anlass für den Krieg gaben die Phoker, die Delphi in ihren Besitz nahmen und damit bestehende Abkommen verletzten. Die Mitglieder der Delphischen Amphiktyonie, wie der Bund zum Schutz des Heiligtums genannt wurde, erklärten den Aggressoren den Krieg. Obwohl die Besetzung Delphis mit der berühmten Orakelstätte für viele Griechen einen unerhörten Affront darstellte, unterstützten etwa Athen und Sparta dennoch die Phoker. Diese plünderten in der Folge die reichen Tempelschätze und stellten damit eine schlagkräftige Armee aus Söldnern auf – ein Frevel, den es im Namen der Götter unbedingt zu rächen galt.
Der anschließende Vorstoß des phokischen Heeres nach Böotien löste in der klein fragmentierten politischen Landkarte Griechenlands einen Veränderungsprozess aus. Letztlich sollte es Makedonien sein, das von dieser Dynamik profitierte und zur Hegemonialmacht über Nord- und Mittelgriechenland wurde.
Sieg gegen die Phoker in der Schlacht am Krokusfeld
Im zweiten Jahr des Konflikts nahm Philipp das Hilfegesuch seiner thessalischen Verbündeten an und zog gegen die Phoker in die Schlacht. Doch er unterschätzte anfänglich die Schlagkraft des Gegners. So folgte bereits zu Beginn des Feldzugs eine schwere Niederlage des Argeaden, die sogar zeitweilig seine Stellung im makedonische Heer – die Machtbasis seiner Herrschaft – gefährlich bedrohte.
Doch auch in dieser schwierigen Lage zeigte Philippsein großes Verhandlungsgeschick, und es gelang ihm, sich der Gefolgschaft seiner Truppen wieder zu versichern. Er zog erneut nach Thessalien, wo er das Heer der Phoker in der Schlacht auf dem Krokusfeld (352) entscheidend schlug.
Zwar beendete dieser Sieg den „Heiligen Krieg“ nicht, aber Philipp hatte den Einfluss Makedoniens in Thessalien endgültig zementiert. Trotzdem fehlte ihm immer noch ein geeigneter politischer Rahmen, damit er wie eine Hegemonialmacht in Griechenland agieren konnte. Schließlich stellte die argeadische Form der Monarchie für die Griechen keine akzeptable Herrschaftsform dar, weshalb Philipp seine Macht über die Griechen nur im Rahmen einer allgemein akzeptierten Institution ausüben konnte. In weiterer Folge sollte ihm dies teilweise gelingen, jedoch folgte die Hegemonie über nahezu ganz Griechenland erst mit der Gründung des Korinthischen Bundes im Jahr 338.
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Für den Moment musste sich der Makedone mit der militärischen Vorherrschaft über Mittelgriechenland begnügen. Seine auf dem Schlachtfeld errungene Machtposition stellte er sogleich in symbolischer Weise zur Schau, indem er nach Süden bis an die Thermopylen marschierte. Ohne eine Schlacht gegen die heranrückenden Truppen der Athener zu schlagen, kehrte Philipp nach Thessalien zurück.
Als Dank für sein Eingreifen gegen die Phoker wählten die Mitglieder des Thessalischen Bundes Philipp zu ihrem Anführer. Seine mühevolle und risikoreiche Intervention im „Dritten Heiligen Krieg“ hatte sich also gelohnt. Nun konnte er durch den Thessalischen Bund sowohl den südlichen Grenzraum seines Reichs sichern als auch auf dessen schlagkräftige Truppenkontingente mit den berühmten Kavallerieregimentern zurückgreifen.
Daraufhin festigte Philipp II. das neue Bündnis durch eine Heirat, diesmal mit Nikesipolis aus dem Kreis der thessalischen Elite. Nach diesem diplomatischen Schachzug war die Position des Argeaden in Mittelgriechenland zeitweilig gesichert. Nun hatte Philipp den Rücken frei, um seine Aufmerksamkeit ganz dem ständig umkämpften Norden und Osten seines Reichs zu schenken.
In den Jahren bis 348 v. Chr. folgten große Erfolge der Makedonen gegen die Thraker und den sogenannten Chalkidischen Bund, dessen wichtigstes Mitglied, die Stadt Olynth, Philipp dem Erdboden gleichmachte.
Die Zerstörung von Olynth erschüttert die griechische Welt
Die Nachrichten über dieses Ereignis erschütterten die griechische Welt in ihren Grundfesten. Davon zeugen unter anderem die berühmten „Olynthischen Reden“ aus der Feder des Demosthenes (384/83 – 322 v. Chr.). Darin zeichnet der athenische Politiker ein äußerst negatives Bild von Philipp als schonungslosem Räuber, der mit Bestechungsgeldern Städte auf seine Seite ziehen würde.
Da Demosthenes mit seiner Darstellung von Philipp die Intention hatte, Stimmung gegen den Makedonen zu machen, ist diese freilich nicht in allen Aspekten glaubhaft. Doch abgesehen von der propagandistischen Zuspitzung enthalten die Reden einen wahren Kern. Schließlich war die Verbindung aus militärischer Überlegenheit und diplomatischer Finesse Philipps Erfolgsrezept.
Ein Beispiel dafür ist auch der sogenannte Friede des Philokrates von 346 v. Chr., der den langjährigen Kriegszustand zwischen Athen und Philipp beendete. Die einseitigen Bedingungen des Friedens ließen jedoch keine langfristige Stabilität erwarten. So musste Athen Philipps Eroberungen anerkennen, was einem empfindlichen Imageschaden für die einst stolze Hegemonialmacht gleichkam. Der Makedone sollte im Gegenzug lediglich auf die weitere Expansion seines Machtbereichs nach Osten verzichten.
In der Nachfolge des Philokrates-Friedens wurde Philipps Herrschaft zu einem beständigen Thema in der Tagespolitik Athens, das zu äußerst ambivalenten Positionierungen athenischer Politiker und Intellektueller führte. So gaben sich schon bald sowohl eine antimakedonische als auch eine promakedonische Fraktion in der Polis zu erkennen.
Das wohl berühmteste Sprachrohr der Gegner Philipps war der bereits erwähnte Demosthenes. Der athenische Politiker war mit seinen überaus wirkungsmächtigen Reden, in denen er den Argeaden einen Tyrannen und Barbaren nannte, der große Widersacher der Makedonen. Demosthenes nutzte das Vokabular des politischen Diskurses in Athen, um seinen Mitbürgern die Gefährlichkeit Philipps begreifbar zu machen; zentral war dabei der Vorwurf der Tyrannis.
In der Wahrnehmung der athenischen Bürger war ein Tyrann ein illegitimer Herrscher, der seine Macht auf ein Gewaltregime stützte und willkürlich Politik betrieb. So benutzten die athenischen Politiker die Tyrannis oft als vorwurfsvolle Bezeichnung für ihre politischen Gegner in der Polis, um ihnen den festen Boden ihrer politischen Legitimation zu entziehen. Wenn nun also Demosthenes Philipp II. als Tyrannen bezeichnete, war damit eigentlich nichts über die tatsächlichen politischen Verhältnisse in Makedonien gesagt.
Der Eroberer übt seine Macht durch Gefolgsmänner aus
Die makedonische Form der Monarchie war de facto keine absolute, sondern stützte sich auf den Konsens zwischen Eliten, Heer und dem Herrscher aus dem Haus der Argeaden. Darüber hinaus war Philipps Herrschaftsform keineswegs ein Modell, das man auf griechische Städte anwenden konnte. Daher wählte er eine kluge und differenzierte Vorgehensweise, um sein Einflussgebiet zu vergrößern. Er setzte treue Gefolgsmänner als politische Machthaber in den Städten ein, und durch seine Führungsposition in politischen Institutionen, wie etwa dem Thessalischen Bund, übte er Macht in einer Weise aus, die in den Augen der Griechen akzeptabel war. So herrschte Philipp über ein diverses Imperium – mal mit direkter, mal mit indirekter Machtausübung.
Demosthenes war jedes Mittel recht, um in der Öffentlichkeit ein negatives Bild von Philipp zu zeichnen. Schließlich gab es in Athen viele Befürworter der Expansion des makedonischen Imperiums. Jedoch war keinem Vertreter dieser Gruppe ein Nachruhm beschert, der mit dem des Demosthenes vergleichbar ist.
Isokrates (436 –338 v. Chr.) etwa betrachtete Philipp als einen starken Herrscher, der in der Lage gewesen wäre, einen Feldzug aller Griechen gegen den persischen König anzuführen, um auf diese Weise die schwerwiegenden sozialen und wirtschaftlichen Probleme der griechischen Welt zu beseitigen.
Jedoch waren nicht alle Befürworter Philipps auf das Wohl der Griechen bedacht, sondern verfolgten auch persönliche Interessen. So schrieb Speusippos, der Neffe und Nachfolger Platons in der Akademie, einen Brief an Philipp mit der Bitte, dass er seine Philosophenschule unterstützen möge. Im Kreis der athenischen Politiker erwies sich Aischines (390/89 – um 314 v. Chr.) als treuer Anhänger Philipps und erbitterter Feind des Demosthenes. Beide bekämpften einander gegenseitig in mehreren Gerichtsprozessen, die alle mehr oder weniger mit Philipp verknüpft waren. Die Teilung der politischen Lager Athens und vieler anderer griechischer Stadtstaaten bestand auch in der Zeit Alexanders und seiner Nachfolger fort. Dieser Zustand bot den Großmächten eine willkommene Möglichkeit, um von außen Einfluss auf die vielschichtige und zerstrittene Poliswelt zu nehmen.
Mit seinen Reden wollte Demosthenes erreichen, dass seine Mitbürger in Athen den makedonischen Monarchen nicht als geeigneten politischen Partner, sondern als Feind betrachteten. Hierfür instrumentalisierte er die kulturelle Fremdheit der Makedonen. Über die Frage, inwiefern seine Darstellung auf tatsächlichen Meinungsbildern oder auf Zuspitzungen basierte, streiten sich moderne Gelehrte nach wie vor.
Jedenfalls lässt sich mit Sicherheit behaupten, dass Makedonien im kulturellen Spannungsfeld zwischen Griechenland, seinen unmittelbaren Nachbarn und dem persischen Imperium lag. Deshalb dürften die Sitten und Gebräuche der Makedonen in den Augen der Athener auch mit Auffälligkeiten behaftet gewesen sein. Aus diesem Grund ist die Zugehörigkeit der Makedonen zum griechischen Kulturkreis Gegenstand einer immer noch aktuellen Forschungsdebatte.
Obwohl es so etwas wie ein „Griechentum“ in der Antike nur als ideologisches Konstrukt gab, von dem griechische Hegemonialmächte immer dann Gebrauch machten, wenn sie ihre politischen Maßnahmen rechtfertigen wollten, lassen sich durchaus triftige Unterschiede zwischen den „Makedonen“ und der überaus heterogenen Gruppe der „Griechen“ benennen.
Das Teilnahmerecht an den Olympischen Spielen war hierfür ein bedeutungsschwerer Indikator. Wie bereits beschrieben (siehe Artikel Seite 20), waren die Makedonen dabei zwar nicht vertreten, aber die Argeaden als Herrscherfamilie nahmen daran teil. Die Dynastie leitete ihre Herkunft aus der griechischen Stadt Argos ab und betrachtete sogar Herakles als ihren Stammvater.
Inwiefern in Makedonien Unterschiede zwischen der Herrscherdynastie und ihren Untertanen Gegenstand von Debatten waren, ist unklar. Jedenfalls betrachteten sich die Makedonen aller Wahrscheinlichkeit nach nicht als eine ethnisch homogene Gruppe. Sie unterschieden sich aufgrund ihrer Dialekte, die zwar alle eine griechische Prägung, trotzdem aber große Unterschiede zur griechischen Sprache aufwiesen. Interessanterweise prägte der Lebensstil der Griechen die makedonische Elite, die Hofkultur der Argeaden scheint aber in vielerlei Hinsicht nach dem Vorbild des persischen Großkönigs arrangiert gewesen zu sein.
So spricht vieles dafür, dass Demosthenes sein Bild von Philipp mit äußerst groben Pinselstrichen zeichnete, das sich an vielen Stellen als Produkt rhetorischer Zuspitzungen enttarnen lässt. Schließlich konnten in den Augen der Athener auch andere „Griechen“ als „Barbaren“ gelten, wodurch dieser Begriff äußerst dehnbar und politischen Intentionen geschuldet war.
Philipps Führungsposition in der Delphischen Amphiktyonie
Den Zündstoff für die Eskalation der politischen Lage nach dem Philokrates-Frieden bot erneut der immer noch tobende „Dritte Heilige Krieg“. Noch während der Friedensverhandlungen 346 v. Chr. hatte Philipp ein Hilferuf aus Theben ereilt, das erneut von Truppen der Phoker bedrängt wurde.
Doch dieses Mal marschierte Philipp nicht mit der Intention gegen die Phoker, diese mit Gewalt zum Rückzug zu zwingen, sondern er erreichte sein Ziel durch geschickte Diplomatie. Die Phoker schlossen mit Philipp einen Vertrag: Angesichts der Übermacht des makedonischen Militärs zogen sie sich zurück.
Nun folgte ein Meisterstück des Argeaden: Er legte die Entscheidung, wie mit den Phokern umgegangen werden sollte, in die Hände der Mitglieder des Rats der Delphischen Amphiktyonie. Von diesen wurden die Phoker als Tempelräuber verurteilt. Das bot Philipp eine geeignete Gelegenheit, sich öffentlichkeitswirksam als Rächer der Götter darzustellen.
In der Folge wurden alle Städte der Phoker zerstört. Auf den Vorschlag seiner Verbündeten aus Thessalien hin übernahm Philipp zwei Sitze im Rat der Amphiktyonie. Nun hatte er zum ersten Mal Einfluss in einer Institution gewonnen, die es ihm erlaubte, als makedonischer Herrscher in größerem Umfang Macht in Mittelgriechenland auszuüben. Aber damit war nur ein Etappenziel erreicht, denn es waren weiterhin neue Militärinterventionen notwendig, um die Machtstellung Makedoniens vollumfänglich zu sichern.
In den Folgejahren musste Philipp in Illyrien und Thessalien intervenieren. Besonders in Thessalien profitierte er zum wiederholten Mal von seinem diplomatischen Geschick. Im Thessalischen Bund konnte er eine Verwaltungsreform durchsetzen, die sowohl seine Machtposition als auch sein Militär wesentlich stärken sollte.
Auch im weiter westlich gelegenen Epeiros – der Heimat einer seiner Ehefrauen, Olympias’, der Mutter Alexanders – konnte Philipp einen Wechsel der Machthaber einleiten und damit seine Position stärken.
Im Osten gelang dem Argeaden ebenfalls ein politischer Großerfolg. Im Jahr 342/41 stieß er den thrakischen Herrscher Kersebleptes vom Thron und brachte große Gebiete Thrakiens unter seine Kontrolle. Kersebleptes hatte in den Jahren zuvor wiederholt für Probleme im östlichen Grenzraum Makedoniens gesorgt. Damit war der Weg für Philipp zum Bosporus frei, den die Getreideschiffe Athens auf ihrer Route in das Schwarze Meer durchfahren mussten. Nun sah er sich in der Lage, die Lebensader seines alten Feinds kappen zu können. Doch der zu zahlende Preis für die Expansion nach Osten waren der Bruch des Philokrates-Friedens und der daraus resultierende Konflikt mit Athen. Die darauffolgenden Ereignisse brachten einen Prozess in Gang, der den entscheidenden Anstoß zum späteren Feldzug Alexanders gegen das Achaimenidenreich geben sollte.
Der mächtige Nachbar mischt sich ein
Weil Athen sich durch Philipps Expansion nach Osten in essentieller Weise bedroht sah, wurde ein Versuch unternommen, den persischen Großkönig als Konfliktpartei zu gewinnen. Das Imperium der Herrscher aus der iranischen Dynastie der Achaimeniden dehnte sich vom Indus im Osten bis an die Küste Kleinasiens im Westen aus und erwies sich über das 4. Jahrhundert hinweg als ein bedeutsamer politischer Faktor im Kampf der griechischen Mächte untereinander. Obwohl der Großkönig meist davon absah, militärisch in Griechenland zu intervenieren, erwies er sich als Opportunist und unterstützte bestimmte Städte mit Subsidienzahlungen zu seinem Vorteil.
Es mag zwar kein persisches Gold nach Athen geflossen sein, aber Philipp kam nun verstärkt in den Fokus der Außenpolitik des Achaimenidenherrschers. Und so intervenierte ein Söldnerheer im Dienst des Großkönigs in Thrakien, wodurch Philipp sich zum Rückzug gezwungen sah. Auf diese Weise war der Grundstein für die Konfliktlage gelegt, die den Rahmen des berühmten Feldzugs Alexanders gegen das Achaimenidenreich darstellte.
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