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Auf dem Weg zur dynastischen Großmacht
Die Vermählung des litauischen Großfürsten Jogaila mit der polnischen Königin Hedwig im Jahr 1386 bedeutete nicht nur den Anfang einer neuen Dynastie. Durch die Personalunion der polnischen Krone mit dem Großfürstentum Litauen entstand eines der mächtigsten Herrschaftskonglomerate Europas.
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Das Geschlecht der Jagiellonen beherrschte über fast zwei Jahrhunderte einen riesigen Raum in unmittelbarer Nachbarschaft des Heiligen Römischen Reichs. Dennoch ist der Name dieser Dynastie heute vielen unbekannt. Und dies, obwohl die Jagiellonen enge familiäre Verbindungen zum Reich pflegten, insbesondere zu seinen östlichen Teilen (Pommern, Schlesien, Brandenburg, Sachsen, Böhmen und Mähren und nicht zuletzt Österreich), aber auch zu anderen Regionen wie beispielsweise Bayern.
Eine Hochzeit mit weitreichenden Folgen für die Geschichte Ostmitteleuropas
Für die Fürsten des Reichs war es attraktiv, die eigenen Nachkommen mit einem Prinzen oder einer Prinzessin der große Teile Ostmittel- und Osteuropas beherrschenden Jagiellonendynastie zu verheiraten. Gerade die Habsburger sahen darin auch eine weitere Möglichkeit, zusätzliche Erbansprüche, für den Fall der Fälle sozusagen, dem Portfolio dynastischer Heiratspolitik hinzuzufügen.
Ihren Anfang nahm die Dynastie 1386 mit der Heirat des namensgebenden Stammvaters Jogaila (polnisch: Jagiełło), Großfürst von Litauen, mit der polnischen Königin Hedwig (polnisch: Jadwiga), der Tochter und Nachfolgerin Ludwigs von Anjou (König von Ungarn 1342–1382, seit 1370 auch König von Polen). Die Hochzeit und die Krönung Jogailas zum polnischen König waren bereits ein Jahr zuvor in Kreva (im heutigen Belarus) beschlossen worden. Dort verpflichtete sich der litauische Großfürst, der höchstwahrscheinlich noch Heide war – seine Mutter Uljana von Twer war indes orthodoxe Christin –, zur Taufe nach lateinischem Ritus. Zudem bildete der in Kreva geschlossene Vertrag den Grundstein für die von nun an bis zum Ende des 18. Jahrhunderts zusehends miteinander verwobene Geschichte Polens und Litauens.
Es kam in der Folge zu mehreren polnisch-litauischen Unionen, die das politische, wirtschaftliche, aber auch kulturelle Zusammenwachsen beider Länder begünstigten. Am Ende dieser Entwicklung stand die Union von Lublin im Jahr 1569, welche die bisherige polnisch-litauische Personalunion in eine Realunion umwandelte (siehe Artikel Seite 24).
Doch zurück zu den Anfängen im späten 14. Jahrhundert: Das neue Herrschaftskonglomerat, das von der südukrainischen Steppe bis nach Großpolen, von der Hohen Tatra in den Karpaten bis weit nach Nordosteuropa reichte, suchte in seiner territorialen Ausdehnung in Europa seinesgleichen. Überboten wurde es zu seiner Zeit nur vom Reich der Goldenen Horde und später von Kontinenten überspannenden Großmächten wie dem Osmanischen Reich oder dem Moskauer Großfürstentum bzw. dem russischen Zarenreich.
Ein großer Schritt – aus einer religiös-kulturellen Perspektive – war der mit dem Akt von Kreva verbundene Übertritt Litauens zum lateinischen Christentum. Unberührt hiervon blieben freilich die unter litauischer Oberhoheit stehenden weiträumigen ruthenischen Gebiete, in denen weiterhin das orthodoxe Christentum die vorherrschende Konfession war.
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Bereits kurz nach der Krönung Jogailas zum polnischen König Wladislaw II. Jagiello (polnisch: Władysław, litauisch: Vladislovas) im Jahr 1386 konvertierten in den Folgejahren die heidnischen Eliten des Landes zum römischen Katholizismus. Mit der Gründung des Bistums Wilna am 12. März 1388 wurden auch die administrativen Kirchenstrukturen in Litauen eingeführt. Im April 1389 erkannte Papst Urban VI. (1378–1389) offiziell den Status des Großfürstentums als christliches Land an.
Innerhalb der ländlichen Bevölkerung konnte sich indessen der alte heidnische Glaube noch lange halten. Das erst nach den Beschlüssen des Ersten Thorner Friedens (1411) vom Deutschen Orden Litauen wieder zugesprochene Samogitien wurde gar erst nach 1413 christianisiert, die Etablierung eines gleichnamigen Bistums mit Sitz in Medininkai (später Varniai im heutigen Litauen) folgte 1417.
Der Deutsche Orden: ein gemeinsamer Gegner
Auch für die Beziehungen zwischen der polnischen Krone bzw. dem Großfürstentum Litauen auf der einen und dem Deutschen Orden auf der anderen Seite hatte die Vermählung Hedwigs mit Jogaila weitreichende Konsequenzen. Durch die dynastische Verbindung fand sich der zwischen den Mündungen von Weichsel und Narwa gelegene Deutschordensstaat von einer mächtigen, wenn auch nicht immer eng zusammenhaltenden polnisch-litauischen Koalition in die Zange genommen.
Nach Kreva verschlechterte sich das zuvor schon angespannte Verhältnis zwischen dem Ordensstaat und seinen südlichen wie östlichen Nachbarn und mündete schließlich in den „Großen Krieg“ (1409–1411) und die vernichtende Niederlage der Ordensritter gegen ein von ruthenischen und tatarischen Truppen unterstütztes polnisch-litauisches Heer bei Tannenberg.
In dieser Schlacht am 15. Juli 1410 verloren gemeinsam mit dem Hochmeister Ulrich von Jungingen auch Hunderte von Ordensrittern ihr Leben. Der Orden war so nicht nur seines Oberhaupts, sondern auch eines Großteils seiner wichtigsten Würden- und Amtsträger beraubt.
Bis heute nimmt die Tannenberger Schlacht einen bedeutenden Platz in den Erinnerungskulturen Polens und Litauens ein. Im Polnischen ist die Schlacht im Übrigen nach dem Dorf Grünfelde – begrifflich leicht verändert – als Schlacht bei Grunwald benannt, auf Litauisch darauf aufbauend als Schlacht bei Žalgirio.
Neben zahlreichen Denkmälern und mannigfaltiger Verarbeitung in literarischen Werken und Massenmedien wird seit 1998 auf dem historischen Schlachtfeld alljährlich das Aufeinandertreffen durch immer umfangreichere Reenactments mit mehreren Tausenden Statisten und bis zu mehreren Hunderttausend Besuchern nachgestellt.
Der Ordensstaat geriet in den Jahren nach 1410 auch in eine schwere Identitätskrise. Ihre militärische Stärke hatten die Deutschritter aus den pro defensione Christianitatis („zur Verteidigung der Christenheit“) ausgerufenen Preußen- und Litauenreisen geschöpft. Im 13. und 14. Jahrhundert hatten sich zahlreiche Vertreter des abendländischen Adels als eine Art militärische Pilger auf den Weg nachOsten gemacht. Für den Deutschen Orden bedeutete dies eine scheinbar nicht versiegende Quelle an Truppen und finanzieller Unterstützung.
Der Ordensstaat wird seiner Daseinsberechtigung beraubt
Doch mit der freiwilligen Annahme des Christentums durch die Litauer 1386 entfiel die für den Fortbestand des Ordensstaats im Preußenland und dem Baltikum existenzielle Argumentationsgrundlage, die Christenheit gegen östliche „Heiden“ und „Barbaren“ verteidigen zu müssen.
Mit dem politischen, militärischen und wirtschaftlichen Bedeutungsverlust des Ordensstaats ging eine allmähliche Emanzipation der preußischen Stände in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts einher. Als die Deutschritter nicht gewillt waren, ihre Macht zu teilen, ja vielmehr zusätzliche Steuern erhoben, kündigten die im sogenannten Preußischen Bund zusammengeschlossenen Stände dem Orden den Gehorsam und unterstellten sich dem polnischen König, Kasimir (IV.) dem Jagiellonen und jüngsten Sohn Wladislaws II. Jagiello.
Was in der Folge als „Dreizehnjähriger Krieg“ (1454–1466) in die Geschichte einging, endete nach wechselhaftem Verlauf in einer herben Niederlage des Deutschen Ordens gegen das preußisch-polnische Bündnis. Im Zweiten Thorner Frieden (1466) musste der Ordensstaat große territoriale Verluste hinnehmen. Pommerellen mit der wirtschaftlich bedeutenden Hansestadt Danzig, das Ermland, das Kulmer und Michelauer Land sowie das Land um die Ordenshauptstadt Marienburg wurden aus dem Ordensland Preußen herausgelöst und unterstellten sich nun offiziell (unter Wahrung einer gewissen Autonomie) als sogenanntes Königliches Preußen der polnischen Krone.
Der Rumpf-Ordensstaat mit seiner neuen Hauptstadt Königsberg wurde zu einem polnischen Lehen degradiert; der Hochmeister huldigte dem polnischen König und verpflichtete sich zur Heeresfolge. 1525 kam dann mit der Umwandlung des Ordenslandes in ein weltliches Herzogtum durch Hochmeister Albrecht von Brandenburg und seiner Belehnung durch den Jagiellonenkönig Sigismund I. von Polen als erster preußischer Herzog das endgültige Aus für die Ordensherrschaft in Preußen (siehe Artikel Seite 34).
Den wichtigsten Gegenspieler im Osten bildete für das Doppelreich (vor allem für das Großfürstentum Litauen) bis in die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts das im Gefolge des „Mongolensturms“ (1237–1240) und des daran anschließenden Zerfalls des Mongolischen Reichs entstandene mongolisch-tatarische Khanat der Goldenen Horde mit seinen Machtzentren Sarai und (und seit den 1340er Jahren) Neu-Sarai.
Das sich um 1400 in einer neuen Blütezeit befindende Khanat konnte enorme militärische Ressourcen mobilisieren, so beispielsweise in der Schlacht an der Worskla in der heutigen Zentralukraine im Jahr 1399 (einer der größten und zugleich auch im Westen unbekanntesten Schlachten des Spätmittelalters), als ein von Vytautas, dem Vetter Wladislaws II. Jagiello, angeführtes litauisches Heer (von polnischen Kreuzfahrern und Deutschordensrittern wie auch moldauischen Kontingenten unterstützt) eine vernichtende Niederlage erleiden musste.
Vytautas konnte gerade noch entkommen, ein Großteil des christlichen Heeres samt zahlreicher osteuropäischer Fürsten – unter anderem Wladislaws II. ältere Halbbrüder Andreas und Demetrius – ließen aber auf dem Schlachtfeld ihr Leben.
Das schrittweise Auseinanderbrechen der Goldenen Horde in mehrere kleinere Khanate im 15. Jahrhundert bedeutete indessen kein Aufatmen für die südlichen und südöstlichen Territorien des jagiellonischen Doppelreichs. Besonders das Krimkhanat blieb bis weit ins 17. Jahrhundert hinein ein unliebsamer und gefährlicher Nachbar, der fortwährend – seit 1478 als osmanischer Vasall – verheerende Beute- und Raubzüge nach Podolien, Wolhynien, Galizien und Ostpolen unternahm.
Mit dem erstarkenden Großfürstentum Moskau erwuchs den Jagiellonen spätestens seit dem Machtantritt Iwans III. (1462) ein weiterer Konkurrent im Kampf um die ehemaligen Gebiete der Kiewer Rus. Der Machtzuwachs Moskaus ging hierbei mit einem langsamen Bedeutungsverlust des Großfürstentums Litauen einher. Nach mehreren unglücklich verlaufenen Kriegen zwischen 1487 und 1537 mussten die Litauer sich mit dem Verlust Seweriens sowie der Gebiete rund um Smolensk und Kursk abfinden. Zudem wurde immer deutlicher, dass sie dem zusehends expansiver auftretenden und auf die sogenannte Sammlung russischer Erde hin agierenden Moskau nur wenig entgegenzusetzen hatten.
Nicht zuletzt deswegen suchte Litauen in der Folge eine stärkere Anlehnung an das Königreich Polen, das ja durch die jagiellonische Personalunion den wichtigsten Bündnispartner bildete. So verstärkte sich seit dem späten 15. Jahrhundert zusehends das polnische Element in den Auseinandersetzungen mit Moskau.
Schon Vytautas hatte polnische Kombattanten für seine militärischen Unternehmungen gegen Herrschaftsbereiche der nördlichen Rus rekrutiert, wie beispielsweise gegen die Republik Pleskau (Pskow, 1406) aber auch bei seinen Feldzügen gegen Moskau (1406–1408) oder Nowgorod (1428).
Unter dem Großfürsten Kasimir und insbesondere unter seinen Nachfolgern Alexander, Sigismund und Sigismund August, die in Personalunion allesamt auch die polnische Krone innehatten, nahm die Teilnahme polnischer Kontingente an den Kämpfen Litauens mit Moskau stark zu.
Mit der Erlangung der ungarischen Stephanskrone (1440–1444 und 1490–1526) wurden die Jagiellonen zu unmittelbaren Nachbarn des expandierenden Osmanischen Reichs. Zwei Jagiellonen verloren im Kampf gegen den mächtigen Gegner ihr Leben: Wladislaw III. von Polen-Ungarn und Ludwig II. von Böhmen-Ungarn (siehe Artikel Seite 28).
Wladislaws’ Tod in der verhängnisvollen und zum Kreuzzug ausgerufenen Schlacht in der Nähe des bulgarischen Warna 1444 trug ihm in der Folge den Status eines Märtyrerkönigs ein, der in zahlreichen literarischen Werken des 15. Jahrhunderts besungen wurde.
Durch die vielen Kämpfe gegen die muslimischen Osmanen, Tataren und gegen die orthodoxen Moskowiter konnten die Jagiellonen in mühsamer diplomatischer Arbeit schrittweise das Bild einer glaubensverteidigenden Dynastie aufbauen.
Um 1500 gehörte die Vorstellung von den Jagiellonen und ihren Ländern als den Bollwerken der lateinischen Christenheit, von denen das Wohl der ganzen westlichen Zivilisation abhänge, zu in weiten Teilen Europas fest verankerten Topoi.
Sehen sich die Jagiellonen als Polen oder als Litauer?
Streng genommen bildeten die Jagiellonen eine Seitenlinie des großfürstlichen Gediminidenhauses. Auch wenn ihr dynastisches Wirken in den nächsten Generationen, insbesondere in der dritten, die ursprünglichen Grenzen des Großfürstentums weit übersteigen sollte, wurde ihre litauische Herkunft von den Jagiellonen nie verleugnet. Sowohl im inneren als auch äußeren Schriftverkehr, in historiographischen Abhandlungen, Pamphleten oder schmeichlerischen Werken ist immer wieder der Verweis ex gente Lithuanorum („aus dem Geschlecht der Litauer“) zu finden.
Tatsächlich fungierte das Großfürstentum im innerfamiliären Bewusstsein der Dynastie als ein Stammland, auf das alle Mitglieder des Hauses sich nicht nur berufen konnten, sondern auf das vielmehr alle männlichen Nachkommen (zumindest in der Theorie) einen unveränderten Anspruch hatten. Das Großfürstentum diente hierbei als eine dynastische Hausmacht, aus der heraus die Jagiellonen zum Erhalt der königlichen Macht in Polen Einfluss nehmen konnten.
Wladislaw II. Jagiello setzte 1392 seinen Vetter Vytautas als seinen Stellvertreter in Litauen ein und erkannte ihn als Großfürsten von Litauen an, ohne jedoch seine Suprematie über das Gediminidenerbe als supremus dux/princeps („oberster Herzog/Fürst“) aufzugeben. Auch wenn also formal das Großfürstentum Litauen und das Königreich Polen sich weiterhin in Personalunion befanden, agierten sie doch in den ersten Jahrzehnten nach dem Vertrag von Kreva zunehmend unabhängig voneinander.
Litauischer Adel wird aufgewertet
Eine prominente Ausnahme bildete der oben erwähnte Krieg (1409–1411), der gemeinsam und erfolgreich gegen den Deutschen Orden geführt wurde. In der Union von Horodło 1413 wurden gar dem zum Katholizismus konvertierten Adel Ober- und Unterlitauens die gleichen Rechte und Privilegien wie der Szlachta, dem polnischen Adel, gewährt. Von symbolischer Bedeutung war hierbei zudem die Aufnahme 47 litauischer Adelsgeschlechter in die Wappenfamilien ihrer polnischen Standesgenossen.
Gestalteten sich die polnisch-litauischen Verhältnisse unter Vytautas noch weitgehend friedlich, so kollidierten bereits unter seinem Nachfolger Švitrigaila die Interessen beider Länder, insbesondere in der Frage der von beiden beanspruchten ruthenischen Gebiete Wolhyniens und Podoliens wie auch hinsichtlich der Stellung Litauens innerhalb der Personalunion und seinem Verhältnis zu Polen.
Mit der Wahl und Inthronisierung des Jagiellonen Kasimir zum Großfürsten von Litauen am 29. Juni 1440 kam es gar zum vorläufigen Ende der polnisch-litauischen Personalunion: Kasimirs älterer Bruder Wladislaw, der 1444 bei Varna gegen die Osmanen den Tod finden sollte, hatte seit 1434 die polnische und seit 1440 auch die ungarische Krone inne.
Erst 1447 wurde nach langwierigen Verhandlungen zwischen litauischen und polnischen Großen mit der Wahl und Krönung Kasimirs IV. Andreas zum polnischen König die Union beider Länder wieder erneuert und in der Folgezeit nur noch einmal – in den Jahren zwischen 1492 und 1501 – unterbrochen. Kasimirs ungewöhnlich lange und summa summarum stabile Regierungszeit (Großfürst von Litauen 1440–1492, polnischer König 1447– 1492) legte den Grundstein für die überregionale Machtentfaltung des Jagiellonenhauses.
Bis 1572 regierten fortan Kasimirs Nachkommen (seine Söhne Alexander und Sigismund I. bzw. Kasimirs Enkel Sigismund II. August) nicht nur im Großfürstentum Litauen, sondern sie konnten neben der polnischen auch die böhmischen und ungarischen Königskronen (beide unter Vladislav und seinem Sohn Ludwig II.) für die Dynastie gewinnen. An der Schwelle vom 15. zum 16. Jahrhundert stand so ein riesiger Teil des kontinentalen Europas – von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer, von der Adria bis weit über den Dnjepr hinaus – unter jagiellonischer Herrschaft.
Dynastische Heiratspolitik als Mittel der Diplomatie
Wie im Fall anderer spätmittelalterlich-renaissancezeitlicher Dynastien spielten auch die weiblichen Vertreterinnen der Jagiellonen eine gewichtige Rolle in der dynastischen Politik. Mittels aufwendig ausgehandelter Vermählungen konnten komplexe Bündnisse mit anderen europäischen Fürstenhäusern initiiert und politische Isolationen aufgehoben werden.
Im 15. und 16. Jahrhundert kam es zu zahlreichen ehelichen Verbindungen mit deutschen Fürstenhäusern, so etwa mit den Hohenzollern, Wittelsbachern (man denke nur an die „Landshuter Hochzeit“, ein bis heute zelebriertes überregionales Kulturereignis, das auf eine Vermählung im Jahr 1475 zurückgeht), Welfen, Wettinern, Greifen und nicht zuletzt mit den Habsburgern. Mit letzteren befanden sich die Jagiellonen seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts in steter Konkurrenz um das Luxemburger Erbe in Böhmen und Ungarn (siehe Artikel Seite 28).
Zu welchem Ansehen die Jagiellonen um 1500 im europäischen Mächtekonzert aufgestiegen waren, mögen weitere Heiratsverbindungen aufzeigen: Russland (Alexander der Jagiellone mit Helena von Moskau 1495), Frankreich und Italien (Vladislav von Böhmen und Ungarn: 1490 mit Beatrix von Aragón, der Tochter König Ferdinands I. von Neapel, und 1502 mit Anne de Foix-Candale 1502; Sigismund der Alte mit Bona Sforza 1518) sowie Schweden (Katharina die Jagiellonin mit Johann III. Wasa 1562).
Die Vermählung der Jagiellonen mit süd- und westeuropäischen Prinzessinnen hatte auch weitreichende Folgen für das kulturelle Leben der von ihnen beherrschten Länder. In ihrem Gefolge führten zukünftige Königinnen wie etwa Elisabeth von Habsburg (1454– 1492 verheiratet mit Kasimir IV.), Beatrix von Aragón, Anne de Foix oder Bona Sforza auch zahlreiche humanistische Gelehrte und Dichter mit, die so in vielen Fällen zum ersten Mal mit dem ostmitteleuropäischen Raum in Berührung kamen und dem Wissens- und Kulturtransfer zusätzlichen Schub verliehen.
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