Die kleine Auswahl europäischer Reiseberichte (alle in deutscher Übersetzung), die Markus Bötefür publiziert hat, bietet faszinierende Einblicke in eine festgefügte, freilich langsam untergehende Welt, deren letzte Reste durch die modernen Touristenströme vollends zu verschwinden drohen. Zusammengestellt und kundig eingeleitet hat die durchweg faszinierende und empfehlenswerte Quellensammlung mit Bötefür ein guter Kenner des Landes, der mehrere Jahre an einer thailändischen Universität tätig war.
Die portugiesischen, niederländischen, französischen, englischen und deutschen Berichterstatter, die sich vom 16. bis ins 20. Jahrhundert mit ganz unterschiedlichen Inter-essen nach Siam/Thailand aufmachten, beschreiben ein verwunschenes Land, das den Europäern oftmals fremd blieb. Beherrscht von Königen, religiös tief geprägt vom Bud-dhismus und mit einer Bevölkerung, die sich in ihren kul‧turellen Orientierungen und in ihren Lebensformen grundsätzlich von den Europäern unterschied, bildete das Land für die Besucher aus dem fernen Westen ein Reiseziel, dessen Fremdheit und Exotik zu vielfältigen Kommentaren her‧ausforderten.
Im Fokus des Interesses standen die gottgleiche Stellung der autokratisch regierenden und angeblich mit magischen Fähigkeiten begabten Könige, der gegen die islami-schen und christlichen Missionierungsversuche resistente Buddhismus, nicht weniger die Frisur- und Bekleidungsmoden der freundlichen Bewohner, immer wieder aber auch die auffällige Verehrung von „weißen“ Elefanten, in denen man Reinkarnationen verstorbener Könige und Prinzen erblickte.
Die alte Hauptstadt Ayut-thaya erregte als kosmopolitisches Zentrum Südostasiens und „Venedig des Ostens“ ebenso die Aufmerksamkeit der westlichen Besucher wie das Leben in der neuen Hauptstadt Thonburi (Bangkok). Besonderes Staunen riefen die Wett- und Spielfreude und die buddhistisch motivierte Tierfreundlichkeit der Siamesen hervor. Der in Diensten des Königshauses stehende deutsche Architekt Karl Döhring (1879 –1941) registrierte als ernsthaftes Modernisierungshindernis ausdrücklich die religiös begründete Ablehnung des westlichen Fortschritts‧ideals und Konkurrenzprinzips durch die Bevölkerung, die „einigen Hang zum Müßiggang“ zeige.
Die Schwärmerei des preußischen Diplomaten Friedrich Graf zu Eulenburg (1815–1881) für die am Königshof spielenden „allerreizendsten Jungen“ mit ihren „prächtigen Oberkörperchen“ und die Bemerkung John Hagenbecks (1866–1940), die Siamesinnen seien „durchaus nicht übermäßig prüde“, mögen dem Leser wie ein frühes Wetterleuchten moderner Entsetzlichkeiten vorkommen.
Rezension: Prof. Dr. Paul Münch





