Wenn auch das Buch von Martina Hartmann über die Zeit der Merowinger nicht “die erste Darstellung der Geschichte der Merowingerzeit (ist), die mehr als nur die politische Geschichte berücksichtigt” (Verlags-ankündigung), so ist immerhin richtig, daß die Autorin Fragen der Rechts- und Verfassungsgeschichte, der Sozial- und Wirtschaftsstruktur, der kirchlichen Entwicklung und der Kultur- und Alltagsgeschichte besonders ausführlich und anschaulich dargestellt. Ein äüßerst nützlicher einleitender Abschnitt informiert konzise und verständlich über die Quellen der “dunklen Jahrhunderte”. Im zweiten Hauptabschnitt “Ereignisgeschichte” gelingt es H.artmann, auf 50 Sei-ten die politische Entwicklung vom Reichsgründer Chlodwig bis zu den “Schattenkönigen” des späteren 7. und des 8. Jahrhunderts trotz der immer verwickelteren Familienverhältnisse der Dynastie klar darzustellen. Daß hinter der verwirrenden Fülle der Königsnamen auch menschliche Individuen plastisch sichtbar werden, liegt nicht zuletzt an der (für das ganze Buch typischen) Zitierung markanter Quellenstellen – überwiegend aus den so farbigen und spannenden Historien Gregors von Tours (Tod 594). Nachdem so der politische Rahmen abgesteckt ist, lernen wir in systematischen Kapiteln die Gesellschaft der Merowingerzeit kennen: von König und Königin mit ihrem Hofstaat und ihren Amtsträgern über die weitere Oberschicht und die Mittelschicht bis zu den verarmten Freien und den rechtlosen Unfreien der Unterschicht; auch die Stellung der Frau wird gewürdigt. In einem seit der Taufe Chlodwigs (wohl 498) zunehmend verchristlichten Reich kommt der Kirche eine besondere Rolle zu, die ausführlich erörtert wird; und Kirchenleute sind nach dem zunehmenden Rückgang spätantiker Laienbildung auch die maßgebenden Kräfte für die – früher oft viel zu gering eingeschätzte – Bildung und Kultur der Merowingerzeit. “Handfeste” Alltags-geschichte von Essen und Trinken über Wohnen, Kleidung und Schmuck bis zu Hygiene, Krankheit und Tod bietet der letzte Abschnitt; die kargen Nachrichten schriftlicher Quellen ergänzt das gelungene, großzügig mit qualitätvollen Bildern ausgestattete Buch hier vor allem durch archäologische Erkenntnisse.
Rezension: Nonn, Ulrich





