Besonders Bildbände können unsere Illusionen von einer perfekten, umsichtig arrangiert und weise vorherbestimmten Welt nähren. Wenn es beim Lesen von Büchern auch oft heißen mag, der Weg sei das Ziel, so gilt das manchmal auch umgekehrt, das Ziel wird zum Weg. Handelt es sich dabei um ein Buch über ein historisches Thema, nennt man dies teleologische Geschichtsschreibung. Ein solches teleologisches Buch gilt es hier zu besprechen. Es handelt sich um den aufwendig illustrierten Band „Aufbruch nach Europa. Fünf Jahrhunderte Wien – Brüssel“ von Sabine Weiss.
Als Österreich 1995 der Europäischen Union beitrat, wurde die Stadt Brüssel rasch zu einem oft benutzten Synonym für diese neue Organisationsform europäischer Staaten. Damals mag sich vielleicht die Grazer Akademische Druck- und Verlagsanstalt – oder war es die Innsbrucker Autorin? – besonnen haben, daß es schon „immer“, zumindest aber 500 Jahre lang, Beziehungen gegeben hat zwischen dem alpinen Süden und dem flachen Norden am Rand des Meeres. So hat sich das Buch zum Ziel gesetzt, diese Beziehungen zu beschreiben. Wird der Titel des Werks richtig interpretiert, stand am Ende dieser Beziehungen dann Europa. Doch welches Europa, welches Wien, welches Brüssel? Die Antwort auf diese Frage ist wohl schwer zu finden, und gar nicht im vorliegenden Buch. Historiker und Historikerinnen sollten sich nicht für eine teleologische Geschichtsschreibung hergeben, nicht eine Auftragsgeschichte verfassen zur Legitimation des heutigen politischen Alltagsgeschehens. Denn da die handelnden Einheiten vor 500 Jahren andere waren als heute, können dadurch nur Mißverständnisse entstehen. Als 1473 der burgundische Herzog Karl der Kühne mit seinem Lehnsherrn, Kaiser Friedrich III., dem Oberhaupt des Heiligen Römischen Reichs, in Trier über die Heirat seiner Tochter Maria mit dem Kaisersohn Maximilian verhandelte, besprach nicht der Herrscher Belgiens mit jenem Österreichs eine künftige Familienplanung. Zweifellos regierte der damalige burgundische Herzog große Teile der Territorien des heutigen Belgien, ebenso wie der damalige Kaiser einige Teile des heutigen Österreich beherrschte – doch daraus die Geschichte des Beginns „belgisch-österreichischer“ Beziehungen zu destillieren, ist keine seriöse Geschichtsschreibung. Die Objekte der Untersuchung werden dadurch diffus und nicht klar identifizierbar.
Dieser Mangel zieht sich durch das gesamte Buch, das auf den ersten 118 Seiten unter dem Titel „Fünf Jahrhunderte österreichisch-belgische Beziehungen“ alles mögliche beschreibt, so den Beginn der Herrschaft der Habsburger in den „niederen Landen“, den Aufstand der Niederländer gegen die spanische Herrschaft, die Regierung der österreichischen Habsburger in den südlichen Niederlanden des 18. Jahrhunderts oder auch die Beziehungen zwischen Belgien und Österreich im 20. Jahrhundert.





