Auch wenn die spanischen Begriffe „Reconcentración“ und „Concentrados“ (Bezeichnung für die Insassen) semantisch nah an den britischen „Concentration Camps“ in Südafrika liegen, sollte man laut Stucki nicht vorschnell einen Zusammenhang zwischen allen als Konzentrationslagern bezeichneten Haftorten sehen. Seiner Meinung nach stehen die Maßnahmen zur Aufstandsbekämpfung in Kuba zwar im Zusammenhang mit einem global aufkommenden Lagergedanken, aber die „Konzentrationszentren“ auf Kuba ließen sich weder in Funktion noch im Ausmaß der Gewalt mit nationalsozialistischen Konzentrationslagern oder sowjetischen Gulags vergleichen.
Einleitend beschreibt der Autor die Ausgangssituation Mitte des 19. Jahrhunderts auf Kuba, so dass sich auch Leser ohne Vorkenntnisse schnell in die Thematik einfinden können. Sehr hilfreich ist auch das Glossar am Ende des Buches, in dem die vielen spanischen Begriffe erklärt werden.
Die Umsiedlung in militärisch befestigte Zentren und Wehrdörfer begann laut Stucki schon während des Zehnjährigen Kriegs (1868-1878), dem ersten der drei kubanischen Unabhängigkeitskriege. Auf diesen sollten später noch der Kleine Krieg (1879-1880) und der Befreiungskrieg (1895-1902) folgen – inklusive Spanisch-Amerikanischem Krieg und der Unabhängigkeit Kubas von Spanien.
Der Autor macht sich für die These eines zusammenhängenden Krieges, im Sinne eines „Dreißigjährigen Krieges“, stark. Der Untertitel des Buchs deutet an, dass alle kubanischen Unabhängigkeitskriege von 1869 bis 1898 behandelt werden. Allerdings stehen eindeutig Beginn und Ende des letzten Befreiungskrieges ab 1895 im Fokus seiner Untersuchung.
Auch wenn die 80 „Reconcentrado“-Zentren, in denen etwa 400 000 Internierte untergebracht wurden, als militärischer Erfolg gedeutet werden könnten, so sprachen die verwüsteten Landschaften und zahlreichen zivilen Opfer eine andere Sprache. 170 000 Menschen starben an Unterernährung und Seuchen, die sich durch die mangelhaften hygienischen Verhältnisse in den Lagern ausbreiteten. Das waren immerhin 10 Prozent der Inselbevölkerung. Obwohl bei diesen Zahlen wieder der Vergleich mit den Konzentrationslagern des 20. Jahrhunderts aufkommt, ist Stucki der Meinung, dass bei den kubanischen Antiguerilla-Maßnahmen nicht der Vernichtungswille im Vordergrund stand.
Denkt man an die große soziale und wirtschaftliche Bedeutung, die die Internierungslager hatten, ist es dennoch sehr erstaunlich, dass sich bisher noch kein Wissenschaftler wirklich eingehend mit der „Reconcentración“ beschäftigt hat.
Der Autor befasst sich in seinem Werk ausgiebig mit den Gründen, der Durchführung und den sozialen Auswirkungen der Zwangsumsiedlungen. Dabei arbeitet er immer nah an den spanischen und kubanischen Quellen. Neben den Akten aus Militärarchiven geben Briefe und Fotografien auch einen persönlichen Einblick in die Lagerzustände.





