Das zunächst bescheidene Presseecho mag an dem begrenzten Neuigkeitsgrad gelegen haben. „Enovid“ war nämlich drei Jahre zuvor schon einmal zugelassen worden, und zwar als Medikament gegen Menstruationsbeschwerden und -komplikationen. Dass es quasi als Nebeneffekt bei regelmäßiger, das heißt täglicher Einnahme eine Schwangerschaft verhinderte, war immerhin so bekannt, dass sich eine halbe Million Amerikanerinnen das Mittel hatten verschreiben lassen.
Und dennoch: Die neuerliche Zulassung des Medikaments war eine Zäsur von gesellschafts- und welthistorischer Bedeutung: Seit dem 23. Juni 1960, als „Enovid“ mit der neuen Indikationsstellung in die Apotheken und Drugstores der USA kam, stand erstmals eine zuverlässige und ausschließlich von Frauen angewandte Methode der Empfängnisverhütung zur Verfügung.
Die „Pille“, wie sehr bald „Enovid“ und alle nachfolgenden Präparate mit der gleichen Wirkung genannt wurden, gab sexuell aktiven Frauen eine ungeahnte Kontrolle über den eigenen Körper und über die eigene Sexualität. Sie war nicht der einzige Faktor für die mit den 1960er Jahren einsetzende sexuelle Befreiung der Frauen und ihren Kampf um Gleichberechtigung insgesamt – aber sicher der entscheidende.
Bemühungen, körperliche Liebe ohne die Folgen in Form einer Schwangerschaft zu genießen, gab es wahrscheinlich schon in der Antike. Doch diese waren nur von mäßigem Erfolg gekrönt, da man bis in die Neuzeit hinein nicht die Zusammenhänge zwischen dem weiblichen Zyklus und den idealen Tagen zur Empfängnis – an denen also der Beischlaf vermieden werden sollte – verstand.
Pessare aus Tierhäuten und ausgehöhlten Zitronenschalen waren frühe Versuche von Frauen zur Empfängnisverhütung. Bei Männern setzte sich, vereinzelt zumindest, das Wissen um die Funktion eines Kondoms durch. Die ältesten erhaltenen Kondome haben Archäologen in einem Abort von Dudley Castle in der Nähe der Stadt Birmingham gefunden und auf das Jahr 1647 datiert – Hinterlassenschaften von Soldaten des englischen Bürgerkrieges, die Entspannung vom blutigen Ringen zwischen Parlamentsheer und Royalisten gesucht hatten.
Aus Tierdarm waren auch die Kondome, die der berühmte Casanova zur Verhütung bzw. zum Schutz vor Geschlechtskrankheiten nutzte. In der Folge kamen verschiedenartige Materialien zur Anwendung. Der Dichter Heinrich Heine schrieb an einem kalten Februartag des Jahres 1824 einem Freund: „Ich habe gestern Abend bey der neuen Putzhändlerinn ½ dutzend Gondons anmessen lassen und zwar von veilchenblauer Seide.“
Handgemacht – der Herstellungsprozess deutet an, dass Präservative über Jahrhunderte ein Luxusgegenstand waren. Das Kondom für jedermann wurde durch die 1839 von Charles Goodyear erfundene Vulkanisierung von Naturkautschuk möglich. Oft waren die neuen Produkte zur mehrfachen Verwendung vorgesehen wie jene Modelle, die das Wäschegeschäft Maison Claverie in Paris verkaufte und die mit gesundem Lokalpatriotismus „Le Parisien“ genannt wurden. Das Gedärm und der Kautschuk sind seit den 1920er Jahren durch synthetischen Latex ersetzt worden.
Es waren Frauen, die sich im Industriezeitalter für Empfängnisverhütung engagierten: In den expandierenden Großstädten lebten die ärmeren Bevölkerungsteile meist unter katastrophalen Lebensbedingungen. Viele Frauen gebaren zahlreiche Kinder; ausgelaugt von den häufigen Schwangerschaften, wartete oft ein frühes Grab auf sie. Dieser Umstand war es, der die ausgebildete Krankenschwester und Aktivistin Margaret Sanger (1879 –1966) zu ihrem lebenslangen Kampf für eine zuverlässige Geburtenkontrolle antrieb.





