Heute ist die beherzte Sozialreformerin weitgehend in Vergessenheit geraten. Eine neue Biographie von Gerhard J. Rekel rückt das Leben und Wirken dieser außergewöhnlichen Frau wieder ins Licht.
Geboren in eine jüdische Kaufmannsfamilie in Breslau, begegnete Lina Morgenstern den gesellschaftlichen Herausforderungen des 19. Jahrhunderts schon früh mit eigenen Ideen. Bereits mit 18 Jahren gründete sie einen „Pfennigverein“, der Schulkindern aus armen Familien Unterstützung bot. Nach ihrer Hochzeit mit Theodor Morgenstern zog das Paar nach Berlin.
Als das Geschäft ihres Mannes in finanzielle Schwierigkeiten geriet, sicherte Lina den Unterhalt ihrer Familie mit dem Schreiben von Kinderbüchern.
Daneben widmete sie sich der Bildungsarbeit: Inspiriert von den Publikationen der Reformpädagogen Friedrich Fröbel und Johann Heinrich Pestalozzi gründete sie – gegen den Widerstand der preußischen Regierung – den ersten Berliner Kindergarten.
Als 1866 Hunger in der Stadt grassierte, rief sie schließlich gemeinsam mit freiwilligen Helferinnen die erste selbsttragende Volksküche ins Leben – mit Spenden als Startkapital und günstigen Einheitspreisen. Das innovative Modell machte Schule: 16 weitere Küchen folgten, die täglich bis zu 10 000 Menschen mit einer warmen Mahlzeit versorgten. Die Idee fand europaweit Nachahmer. Morgenstern initiierte zahlreiche weitere Projekte vor allem für die Unterstützung von Frauen.
Zudem machte sie sich für die Gleichberechtigung stark: 1888 forderte sie in einem offenen Brief an Professor Wilhelm Waldeyer, den Vorstand des Berliner Anatomischen Instituts, den Zugang zum Medizinstudium für Frauen und entfachte damit eine breite Debatte.
Ihr vielseitiges Wirken rief zahlreiche Gegner auf den Plan. Als Jüdin sah sie sich zudem antisemitischen Anfeindungen und Spott ausgesetzt. Beirren ließ sie sich davon jedoch nicht. Mutig gestaltete die Sozialaktivistin trotz aller Widerstände die Gesellschaft ihrer Zeit – und wurde so zur Vorreiterin für kommende Generationen.





