Der Historiker Kai Lehmann hat diese faszinierende kulturhistorische Quelle, die heute im Staatsarchiv Meiningen aufbewahrt wird, ausgewertet. Auf Grundlage des 350 Seiten umfassenden „Register- oder Aufzeichenbüchleins“ zeichnet er ein lebendiges Bild von Glaser, das weit über dessen Scharfrichtertätigkeit hinausgeht. Lehmann rekonstruiert eine Alltagsgeschichte, die einzigartige Einblicke in das gesamte Leben eines Menschen aus den unteren gesellschaftlichen Schichten der Zeit um 1700 gewährt.
Selbstredend erfährt man viel über den Bereich der Strafvollstreckung, etwa dass Glaser für die Lebendverbrennung einer vermeintlichen Hexe – es war das letzte vollstreckte Urteil dieser Art auf Thüringer Boden – 17 Gulden kassierte. Seine akribischen Notizen informieren aber auch über Einkünfte aus Nebentätigkeiten als Heiler und Abdecker. Besonders wertvoll sind jedoch Glasers Ausführungen über sein Familienleben. So beschrieb er die Ausgaben für Familienfeste wie die Taufen und Hochzeiten seiner Kinder. Er listete die Gäste auf, notierte ihre Geschenke und hielt bis auf das Pfefferkorn fest, was es bei solchen Anlässen zu essen und trinken gab.
Im Gesamten entsteht ein Bild, das den Henker weniger als einen verachteten, am Rande der Gesellschaft stehenden Unmenschen zeigt, sondern vielmehr als standesbewussten Mann und fürsorglichen Vater, der mit seiner Familie in die damalige gesellschaftliche Lebenswirklichkeit integriert war.
Autorin: Dr. Anna Joisten





