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Bananen, Land und Macht
Jacobo Árbenz Guzmán übernahm 1951 das Präsidentenamt in Guatemala. Seine geplante Landreform verärgerte den US-Konzern United Fruit Company (UFC), der in dem Land riesige Bananen-Plantagen betrieb. Der gut vernetzte Konzern intrigierte daraufhin gegen Árbenz – das Stigma der vermeintlich machtlosen…
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Der ehemalige US-amerikanische Diplomat Spruille Braden, nun Berater der United Fruit Company, hielt am 12. März 1953 eine bemerkenswerte Vorlesung am Dartmouth College in Hannover, New Hampshire. Seine Ausführungen fanden einige Beachtung in der Presse. „Braden urges Action on Reds in Americas“, titelte die „New York Times“. Braden hatte die negative Utopie einer Machtübernahme der Sowjets in Guatemala gezeichnet und Präsident Dwight D. Eisenhower (1953 –1961) zum Handeln gegen die „Roten“ aufgefordert: „Man muss Feuer mit Feuer bekämpfen.“
Acht Jahre zuvor hatte Braden dem Amtsantritt des ersten demokratisch gewählten Präsidenten Guatemalas überhaupt beigewohnt. Später erinnerte er sich, dabei einen „Schauer der Erregung“ verspürt zu haben, denn die Wahl des 42-jährigen Philosophieprofessors Dr. Juan José Arévalo (1945–1951) stellte geradezu eine Revolution für das mittelamerikanische Land dar. Arévalo orientierte sich an den „Vier Freiheiten“ Präsident Franklin D. Roosevelts (1933–1945): Das waren die Freiheiten der Rede und der Religion sowie die Freiheiten, ohne Not und Furcht leben zu können. In seiner Regierungserklärung verkündete der neue guatemaltekische Präsident entsprechend vier Ziele: die Verbesserung der Lage der Arbeiter sowie des Bildungssystems, die Festigung der Demokratie und eine umfassende Agrarreform.
Arévalo bezeichnete sich selbst als „liberalen Sozialisten“. Den Kommunismus lehnte er ab. Er erwies sich als mustergültiger Demokrat – respektierte das Parlament, löste die Geheimpolizei auf, führte Organisationsfreiheit ein, garantierte die Pressefreiheit und stärkte die Frauenrechte. Am Ende seiner Amtszeit waren die Arbeiterlöhne um 80 Prozent gestiegen, ein Sozialversicherungsgesetz und ein Arbeitskodex eingeführt worden.
Das Problem Guatemalas blieb die Landfrage. Die Wirtschaft wurde von wenigen reichen Kaffeebauern und ausländischen Gesellschaften dominiert. Der Lohn eines Landarbeiters betrug weniger als 20 Cent am Tag. Das quasi feudale System sah zudem vor, dass Indigene 150 Tage Pflichtarbeit auf den Plantagen leisten mussten. Zur Verbesserung der Situation wurde ein nationales Produktionsinstitut gegründet, das Kleinbauern mit Krediten versorgte. Auch verpflichtete ein neues Gesetz Grundbesitzer, Brachland an Landlose zu verpachten. Doch für eine umfassende Agrarreform fehlten dem parteilosen Arévalo die nötige Hausmacht und die Zeit: Ein zweites Mal zur Wahl anzutreten verbot ihm die Verfassung.
Sein Nachfolger Jacobo Árbenz Guzmán erbte die Aufgabe, die Wandlung von einem halbkolonialen Land mit feudalen Strukturen in eine moderne Wirtschaft voranzutreiben. Er orientierte sich vor allem an einem Gutachten der Weltbank. Dieses legte die massive Ungleichheit im Land offen.
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Präsident Árbenz führte eine Einkommenssteuer ein, plante den Bau eines zweiten Atlantikhafens, einer Autobahn und einer hydroelektrischen Anlage. Als „wichtigsten pragmatischen Punkt meiner Regierung und der revolutionären Oktoberbewegung“ bezeichnete er jedoch das Landreformgesetz, das bereits am 27. Juni 1952 beschlossen wurde.
Das Gesetz sah vor, unbestellte Teile großer Latifundien zu enteignen. Als Ausgleich sollten die Landbesitzer Schuldverschreibungen mit einer Laufzeit von 25 Jahren erhalten. Der Wert wurde nach der Erklärung der Grundsteuer von 1950 festgesetzt. Das enteignete Land sollte an landlose Bauern verteilt werden. Besitztitel wurden nicht ausgegeben, mit dem Land durfte nicht gehandelt werden.
Etwa 100 000 Familien erhielten auf diese Weise Land. Den größten Verlust erlitt dabei die US-amerikanische United Fruit Company. Die Firma verfügte über enorme Ländereien in Panama, Honduras, Nicaragua und Kolumbien, ihre wichtigsten Plantagen lagen jedoch in Guatemala.
Chef der Firma war Samuel „Sam the Banana Man“ Zemurray, zugleich größter Einzelaktionär. Er hatte mit Diktator Jorge Ubico Castañeda (1931–1944) sehr günstige Verträge ausgehandelt, welche die Firma von Besteuerung und Zöllen befreiten und niedrige Löhne garantierten. Die UFC kontrollierte zudem den einzigen Atlantikhafen des Landes in Puerto Barrios, die wichtigste Eisenbahnlinie sowie das größte Elektrizitätswerk. Mit dem Bau eines staatlichen Elektrizitätswerks und einer Straße an den Atlantik provozierte Árbenz das Bananen-Imperium. Dann verlangte er, dass die Frachtgebühren der von der UFC kontrollierten Bahn (die weltweit höchsten!) reduziert und ein Exportzoll auf Bananen gezahlt werden sollten.
Die Landreform brachte das Fass zum Überlaufen. Obwohl 85 Prozent ihrer Flächen brachlagen, erklärte die UFC, sie brauche das Land als Ausweichfläche im Fall von Pflanzenkrankheiten. Zudem empfand sie die Entschädigung als unzureichend. Mit Recht: Um Grundsteuern zu sparen, hatte die UFC den Wert ihrer Ländereien zuvor viel zu gering angegeben; daher bekam sie nur 627 572 Dollar Entschädigung.
Die US-Firma machte nun Stimmung gegen Árbenz. An der Spitze der Kampagne der UFC stand Edward Bernays, ein Neffe von Sigmund Freud und führender Experte auf dem Gebiet von Propaganda und Public Relations. Er hatte bereits für große US-amerikanische Konzerne gearbeitet, darunter Procter & Gamble, British American Tobacco und General Electric. Bernays ermunterte Journalisten, über die „Gefahr des Kommunismus“ in Guatemala zu schreiben, organisierte präzise choreographierte Presseausflüge und schickte „vertrauliche Rundschreiben“ an sein journalistisches Netzwerk.
Als Lobbyisten engagierte die UFC den Großaktionär und republikanischen Senator von Massachusetts, Henry Cabot Lodge, sowie Thomas G. Corcoran. Corcoran war Berater von Roosevelt gewesen und hatte ausgezeichnete Kontakte zur CIA. Gemeinsam mit CIA-Direktor Walter Beddell Smith entwickelte er die Idee, Regierungsgegner heimlich mit Waffen zu versorgen. Die „Operation Fortune“ wurde jedoch abgesagt, nachdem Außenminister Dean Acheson davon Wind bekommen hatte. Nach der Ablösung von Präsident Harry S. Truman (1945–1953) durch Eisenhower schmiedete Corcoran bald neue Pläne mit seinem Freund Smith, der nun stellvertretender Außenminister geworden war.
Eine weitere Schlüsselfigur im Dienst der UFC war der republikanische Anwalt John Clements, hervorragend vernetzt und ein guter Freund des Senators Joseph McCarthy, der sich in diesen Jahren in den USA als „Kommunistenjäger“ profilierte. In einer Studie, die Clements 1952 an Abgeordnete und andere Entscheidungsträger verschicken ließ, stellte er Guatemala als „Hort des Kommunismus“ in Lateinamerika dar. Sein zweiter „Report über Mittelamerika“ aus dem Jahr 1954 warf der Árbenz-Regierung gar die Planung eines Angriffs auf den Panama-Kanal vor. Die UFC schuf so die Rahmenbedingungen für eine US-Intervention in Guatemala. Doch entscheiden musste die Politik.
Außenminister John Foster Dulles war leicht zu überzeugen. Er war überzeugter Antikommunist und begriff die CIA nicht als Nachrichtendienst, sondern als außenpolitische Waffe. Der CIA-gesteuerte Putsch im Iran 1953 stellte eine erste Kostprobe seiner Außenpolitik dar.
Schnell bildete sich eine Allianz aus dem Antikommunisten Dulles, seinem Bruder, dem CIA-Chef Allen Dulles, dem Leiter der Abteilung für interamerikanische Angelegenheiten im Außenministerium, John Moors Cabot (dessen Bruder Thomas Präsident der UFC gewesen war), und UFC-Lobbyist Henry Cabot Lodge, der unter Eisenhower UN-Botschafter wurde. Zwar schätzten die Fachleute des US-Außenministeriums die Rolle der Kommunisten in Guatemala eigentlich als eher unbedeutend ein, aber wenn diese hochrangigen Männer es sagten, dann war Árbenz tatsächlich ein Kommunist und musste verschwinden.
Im August 1953 beschloss der sogenannte 54/12-Ausschuss des Nationalen Sicherheitsrats der USA (United States National Security Council) die „Operation Success“. Geplant war eine Propagandakampagne gegen die Regierung Árbenz, die von kleineren militärischen Aktionen und einzelnen Luftangriffen begleitet werden sollte. Dafür trainierte der führende US-Experte auf dem Gebiet paramilitärischer Aktionen, William „Rip“ Robertson, in Nicaragua eine kleine Truppe aus Söldnern und Exilanten. Propagandachef wurde Howard E. Hunt, der später in der „Watergate“-Affäre Berühmtheit erlangen sollte.
Über eine Strohfirma kaufte man Flugzeuge, hauptsächlich Transportmaschinen und alte Jagdflugzeuge aus dem Zweiten Weltkrieg, die den antiquierten Maschinen der guatemaltekischen „Luftwaffe“ aber immer noch haushoch überlegen waren. Was noch fehlte, war ein Nachfolger für Árbenz. Man einigte sich auf Oberst Carlos Castillo Armas. Er galt als militärisch fähig, aber mäßig intelligent: aus US-Sicht eine ideale Kombination.
Ende 1953 wurden letzte Vorbereitungen getroffen. Der sehr korrekte Botschafter der USA in Guatemala, Rudolf Schoenfeld, wurde durch John Peurifoy ersetzt, der in Griechenland einer rechten Regierung zur Macht verholfen und sich den Beinamen „der Schlächter“ erworben hatte.
Als Anlass für die Intervention diente eine Waffenlieferung aus der Tschechoslowakei, die am 15. Mai 1954 in Guatemala eintraf. Schon am Folgetag gelangte das den Präsidenten der USA beratende Intelligence Advisory Committee zu der (völlig unbegründeten) Einschätzung, Guatemala plane einen militärischen Vorstoß zum Panama-Kanal. CIA-Direktor Allen Dulles alarmierte den National Security Council. Am 17. Mai veröffentlichte das US-Außenministerium eine Erklärung, die eine „ernste Entwicklung“ in Guatemala anprangerte. Die Presse war alarmiert. Dulles sprach von einem „kommunistischen Terror-Regime“.
Am 18. Juni begannen vereinzelte Luftangriffe. Gleichzeitig überquerte Oberst Armas mit wenigen Paramilitärs die Grenze zwischen Honduras und Guatemala. Es folgte ein Psychokrieg, der vor allem im Radio geführt wurde. Geheime Funkstationen erweckten den Eindruck von Truppenbewegungen einer wachsenden Rebellenarmee. Das US-gesteuerte Radioprogramm meldete ständig fiktive Kämpfe und angeblich schwere Verluste der guatemaltekischen Armee. Von der Propaganda verunsichert, verhielt sich die Bevölkerung apathisch. Ein Versuch des guatemaltekischen Außenministers Guillermo Toriello, die Vereinten Nationen zur Vermittlung zu bewegen, scheiterte.
Am 27. Juni meldeten die Sender, dass die Einnahme von Guatemala City unmittelbar bevorstehe. Zeitgleich kam die Meldung herein, dass ein britischer Kaffeefrachter vor dem Pazifikhafen San José versenkt worden war. Árbenz war entsetzt. Er wusste, dass von echten Kämpfen keine Rede sein konnte. Sollten nun ausländische Handelsschiffe angegriffen werden? Der Präsident wies seinen Außenminister an, Verhandlungen mit dem US-Botschafter Peurifoy aufzunehmen. Noch in derselben Nacht gab er seinen Rücktritt bekannt. Danach begannen lange Jahre des Exils. Árbenz ertrank 1971 in Mexiko City unter ungeklärten Umständen in einer Badewanne.
Armas übernahm das Präsidentenamt und begann sofort mit einer Politik der Repression der „Kommunisten“. Doch ein langes Wirken war ihm nicht beschieden: 1957 wurde er von einem Wachsoldaten erschossen. Der Ruf der USA in Lateinamerika und die Reputation vieler Beteiligter waren gründlich ruiniert: Als Botschafter Peurifoy noch im Jahr 1954 nach Thailand versetzt wurde, wurden schnell Mutmaßungen laut, auch dort stehe möglicherweise ein Putsch an.
Auch für die UFC wurde die „Operation Success“ ihrem Namen nicht gerecht. Die Gerüchte um ihre Rolle beim Sturz der Árbenz-Regierung veranlassten die Eisenhower-Administration, auf Distanz zu dem Konzern zu gehen. Nur fünf Tage nach dem Rücktritt von Árbenz eröffnete das US-Justizministerium eine Untersuchung gegen den Konzern wegen Verstößen gegen das Kartellrecht. 1972 verkaufte das Unternehmen seine letzten Ländereien in Guatemala.
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