Im historischen Bewußtsein der Deutschen hat Heinrich der Löwe sehr verschiedenartige Spuren hinterlassen. Lobten ihn die einen als machtbewußten norddeutschen Territorialpolitiker, der alle Kräfte auf die innere Konsolidierung seiner Länder und ihre Expansion in den slawischen Osten konzentrierte, die “wahren nationalen Interessen” früh erkannt hatte und deshalb die kaiserliche Italienpolitik nicht bedingungslos unterstützte, sahen andere in ihm den Verräter an Kaiser und Reich, der im entscheidenden Augenblick Friedrich Barbarossa nicht unterstützte.
Beide Ansichten waren vom nationalstaatlichen Denken des 19. Jahrhunderts geprägt und hatten bei aller Gegensätzlichkeit doch eines gemeinsam: Ihre Vertreter sahen Heinrich den Löwen als Pragmatiker, der seine Entscheidungen am Prinzip der Kosten/Nutzen-Rechnung maß, als Realpolitiker, der großen Entwürfen mißtraute und deshalb vor dem Hintergrund der mittelalterlichen christlich-römischen Reichsidee eigentümlich modern wirkte.
Widersprüche und Unsicherheiten im Bild einer historischen Persönlichkeit ergeben sich dann, wenn Wunschvorstellungen aus der eigenen Zeit in eine Vergangenheit projiziert werden, die nach ganz anderen Grundsätzen lebte. Mit den Maßstäben des modernen Machtstaats, seiner Organisation und Funktionsweise, ist der Lebenswirklichkeit des Mittelalters nicht beizukommen. Die damals Mächtigen handelten nämlich nicht nur als Staatsmänner, sondern auch als untereinander scharf konkurrierende Angehörige einer aristokratischen Elite.
In dieser Gesellschaft war Heinrich der Löwe von Geburt an auf europäische Maßstäbe großen Formats festgelegt. Er gehörte der Familie der Welfen an, die zu den ältesten hochadligen Häusern der westlichen Christenheit zählte. Die Welfen führten sich auf Trojaner und Römer zurück und waren mit Judith, der zweiten Gemahlin Kaiser Ludwigs des Frommen († 840), an die Spitze des karolingischen Großreiches gelangt.
Heinrich der Stolze, Vater des Löwen, besaß zwei Herzogtümer, Bayern und Sachsen. Obwohl sein Schwiegervater Kaiser Lothar III. ihm vor seinem Tod die Reichsinsignien übergeben und ihn dadurch zu seinem Nachfolger designiert hatte, wurde am 7. März 1138 der Staufer Konrad zum König gewählt. Als sich Heinrich daraufhin weigerte, einen Teil seiner Reichslehen herauszugeben, kam es zum offenen Konflikt zwischen Welfen und Staufern. Heinrich der Stolze verfiel der Reichsacht und verlor beide Herzogtümer. 1139 starb der Herzog überraschend. Doch der erfahrene Beraterkreis Heinrichs des Stolzen setzte sich loyal und energisch für dessen kaum zehnjährigen Sohn ein, und dies mit Erfolg: 1142 gab der König seinen Kampf gegen die welfische Partei in Sachsen auf und belehnte Heinrich mit dem Herzogtum.





