Mit „Schrecken“ und „Liebe“ greift der Mediävist Hans-Joachim Schmidt, der in Fribourg in der Schweiz lehrt, zwei Begriffe heraus, mit denen Herrschaft immer wieder begründet wurde. Sein Buch untersucht die Integration dieser beiden hochgradig mit Emotionen verbundenen Begriffe in die politische Sprache. Durch ihre Verwendung werden auch bestimmte Vorstellungen über ihren Zusammenhang mit Herrschaft geschaffen. Außerdem sind die Begriffe der Herrschaftsausübung dienlich, da sie Einvernehmen darüber schaffen, was geduldet, erwartet und angewendet werden konnte.
Eckpunkte der überwiegend chronologisch voranschreitenden Darstellung sind zwei Deutungsangebote: das der Bibel, etwa mit König Nimrod als Vorform des Gewaltherrschers bzw. dem in Liebe zu seiner Braut entflammten König im Hohen Lied, und die spätmittelalterlichen Reflexionen über das richtige, zur Stabilisierung des Staates nötige Verhältnis zwischen Schrecken und Liebe in der Herrschaftsausübung. Die Fülle der herangezogenen Texte erschließt viele konkurrierende Deutungen.
Insgesamt habe die Verwendung der Begriffe als Träger allgemein akzeptierter Inhalte der Herrschaft sozusagen emotionale Stützen eingezogen und damit zu ihrer Verstetigung beigetragen, konnte sie auf diese Weise doch als Ergebnis der menschlichen Natur oder der göttlichen Schöpfung ausgegeben werden. Mit diesen Ergebnissen ist das Buch ein willkommener Beitrag zum Verständnis von Herrschaftsausübung in vormodernen Ordnungen.
Ein kleiner Wermutstropfen jedoch zum Schluss: Wie die beängstigend vielen (Druck-)Fehler zeigen (etwa Nietsche statt Nietzsche, Tortosa statt Tortona oder die irrige Unterscheidung zwischen „Annales“ und „Chronicon“ des Romuald von Salerno), hat das anregende Buch leider nicht das abschließende Lektorat bekommen, das es verdient hätte.
Rezension: Prof. Dr. Knut Görich
Hans-Joachim Schmidt
Herrschaft durch Schrecken und Liebe
Vorstellungen und Begründungen im Mittelalter
Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2019, 770 Seiten, € 90,–





