Bücher Durch das „Jahrtausend der Turteltaube“ Der rätselhafte Titel des vorliegenden Buches wird in einem eigenen Kapitel erklärt: Rufus Gennadius Probus Orestes war einer der letzten römischen Konsuln. Zur Feier seiner Ernennung verschenkte er Klapptafeln aus Elfenbein, die ihn mit den Attributen seiner Amtsstellung darstellten. So wollte es das Herkommen seit 150 Jahren. Orest gehörte zur schwindenden Zahl jener „Gestrigen“, welche die Traditionen Roms und deren Ausdrucksformen hochhielten. Um die gleiche Zeit, um oder vor 530, wurde eine reiche christliche Dame in den römischen Katakomben neben dem Grab zweier Märtyrer aufwendig bestattet. Ihr Name war Turtura, „Turteltaube“, und die Grabinschrift preist ihre Gattentreue weit über dessen Tod hinaus, einer wahren Turteltaube gleich. Wenn Orest das „Römisch-Sein“ verkörperte, dann Turtura das „Kirchlich-Sein“. Ihm gehörte die Vergangenheit, ihr die Zukunft. Sie, nicht Orest, ist die Protagonistin des Buches. Um 530 begann also das „Jahrtausend der Turteltaube“. Jussen spricht von einem „moralischen Sinnuniversum“, dessen Forderungen lange Zeit Verbindlichkeit beanspruchen konnten. Dazu zählten: (über-)lebenslange Gattentreue, „sexuelle Enthaltsamkeit, Buße und Leiden, ... Fürsprache der Heiligen, Abhängigkeit von Priestern und Mönchen als den Verwaltern der Sakramente“, Orientierung der Lebensführung am Jüngsten Gericht. Im Spiegel vornehmlich bildlicher Zeugnisse kann der Autor zeigen, wie sich bestimmte Haltungen und Verhaltensweisen herausbildeten und irgendwann auch wieder verblassten. Der Sankt Galler Klosterplan aus dem 9. Jahrhundert lässt die ideale Welt des Klosterlebens aufleuchten. An spätmittelalterlichen Erzählungen und deren Illustration in den Handschriften kann man verfolgen, wie lange das Ideal der lebenslang trauernden Witwe noch galt. Bis hin zu
Shakespeare führt die Spur. Sieneser Fresken und deutsche Rolande führen kommunale Ordnungen vor Augen, in denen bald andere Regeln galten. Tafelbilder der heiligen Anna mit ihren drei aufeinander folgenden Ehemännern stellten das Modell der (über-)lebenslangen Gattentreue in Frage. Gemalte Stammbäume brachten ein gewandeltes Ver-
Bernhard Jussen, Das Geschenk des Orest. Eine Geschichte des nachrömischen Europa 526–1535. Verlag C.H. Beck, München 2023, 480 Seiten, € 44,–.
ständnis von Verwandtschaft und Familie zum Ausdruck. Reformatorische Kampagnenbilder schließlich ersetzten den Nutzen von Buße und Askese durch das Thema: Gesetz und Gnade. Das „Jahrtausend der Turteltaube“ kam damit an sein Ende. Jussen redet jedoch keineswegs den exakten Epochengrenzen das Wort, sondern spricht von Transformationen des nachrömischen lateinischen Europa, die naturgemäß Zeit brauchten, ob im frühen 6. oder im frühen 16. Jahrhundert. Den Mittelalterbegriff lehnt er dezidiert ab, zumal wenn dieser ein Zeitalter von ganz anderer Art bezeichnen soll. Vielmehr sieht er Kontinuitäten bis hin zur Zivilgesellschaft in unserer Zeit. Immerhin stimmen die Eckdaten seiner Darstellung mit den üblichen weitgehend überein, und das religiöse Kriterium gehört zu den meistgenannten, wenn es um Definition und Abgrenzung des sogenannten Mittelalters geht. Ob sich also der herkömmliche Mittelalterbegriff mit diesem originellen, anregenden und herausfordernden Buch erledigt hat, wird man abwarten müssen. Prof. Dr. Folker Reichert





