„Geschichte wird von großen Männern gemacht.“ Unter diesem alten historiographischen Paradigma ließe sich die Geschichte des Automobils schreiben. Demnach wäre Carl Benz ein solcher großer Mann, der das Automobil erfand und damit das Transportwesen revolutionierte. Welcher Anteil am Siegeszug des Autos aber seiner Frau Bertha zukommt, arbeitet nun Barbara Leisner in ihrer chronologisch erzählten Biografie „Bertha Benz – eine starke Frau am Steuer des ersten Automobils“ heraus: Die „erste Autofahrerin der Welt“ glaubte als Einzige an die „verrückten“ Ideen ihres Mannes und stand ihm mit finanzieller Unterstützung zur Seite. Die legendäre erste Fernfahrt von 1888 unternahm die selbstbewusste, abenteuerlustige Frau angeblich ohne das Wissen ihres Mannes, um die Bevölkerung von der Leistungsfähigkeit des „selbstfahrenden Wagens“ zu überzeugen. Auch Vorstellungen darüber, was sich für eine Frau des 19. Jahrhunderts geziemte und was nicht, hielt sie von solchen „extravaganten“ Unternehmungen nicht ab.
Leisner bietet mit der Lebensgeschichte von Bertha Benz eine interessante Perspektive auf die Geschichte des Automobils. Manchmal wären allerdings ein kritischerer Umgang mit den autobiografischen Quellen sowie eine stringentere Ausarbeitung zu wünschen. Hin und wieder lässt sich die Autorin zu persönlichen, nicht immer quellengestützten Kommentaren und Ausschmückungen hinreißen, die der Biografie eine naive Note verleihen. Die zahlreichen zum Teil unveröffentlichten Quellen sowie die faktenreich dargestellte Geschichte des Unternehmens, das Krisen und mangelnde Anerkennung zu überwinden hatte, machen die Biografie dennoch zu einer gewinnbringenden Lektüre.
Rezension: Felix Nothdurft





