„In mir habt ihr einen, auf den könnt ihr nicht bauen.“ So einer der bedeutendsten deutschen Dramatiker des 20. Jahrhunderts über sich selbst: Bertolt Brecht. Bis heute beeinflussen seine Werke, seine Theaterpraxis und insbesondere seine Vorstellungen des analytisch-dialektischen Theaters Kunstschaffende in aller Welt. Brechts „Dreigroschenoper“ wurde zum größten Theatererfolg der Weimarer Republik und zählt zu den erfolgreichsten Stücken des 20. Jahrhunderts. „Ich muss immer dichten.“ – Unter seinen intellektuellen Zeitgenossen galt Brecht als der eifrige und geniale Arbeiter. Wenngleich er durchaus exzentrisch war und stets viele Liebschaften unterhielt, verkehrte er nur selten in Salons und feinen Gesellschaften, das Rampenlicht scheute er. Entgegen den gängigen Theatertheorien seiner Zeit hatte er kein Interesse daran, seinem Publikum die Sicherheit und den Komfort einer imaginären Welt zu geben. Mit seinem Epischen Theater, das stark verfremdend und desillusionistisch angelegt ist, versuchte er vielmehr den Zuschauer zur kritischen Reflexion über die Realität zu bewegen.
Die Arbeiten des zeitlebens kontrovers diskutierten Dichters wurden zum Teil schon in der Weimarer Republik zensiert, die Nationalsozialisten verbrannten gar seine Bücher und erklärten Brecht zur Persona non grata. 1933 ging er ins Exil, lebte und arbeitete unter anderem in Prag, Wien und Paris. Brecht, der sich selbst als „pazifistischen Bolschewisten“ bezeichnete, siedelte sich nach dem Krieg in der DDR an und wurde dort eher unfreiwillig zur Ikone der linken Intellektuellen. Seine positive und konformistische Grundposition zum sozialistischen Staat einerseits und seine engagierte und kritische gesellschaftspolitische Kunst andererseits machten ihn in Ost- und Westdeutschland zur schillernden Reizfigur. Jan Knopf, Professor für Literaturwissenschaft und Leiter der Arbeitsstelle Bertolt Brecht, hat sich bereits mit Biographien zu Johann Peter Hebel und Friedrich Dürrenmatt einen Namen gemacht. Sein neuestes Buch ist die erste große Biographie über Brecht seit der deutschen Wiedervereinigung. Die Biographie ist chronologisch nach den vier großen historischen Zäsuren in Brechts Leben aufgebaut: Deutsches Kaiserreich, Weimarer Republik, Nationalsozialismus und Nachkriegszeit. Die Hauptabschnitte sind reich gegliedert und warten mit konzisen, die komplexe Persönlichkeit Brechts wie auch die Zeitumstände ausleuchtenden Texten auf. Präzise und mit Einfühlungsvermögen verknüpft der Autor das politische Geschehen und das Leben Brechts immer wieder mit Zitaten und Auszügen aus dessen Werken. Knopf ist ein kohärentes und abwechslungsreich geschriebenes Buch gelungen, das den Lesern Brecht und die Zeit, gegen die und für die er schrieb, näher bringt.
Rezension: Christian Volkholz





