Eine Besonderheit der nahöstlichen Herrschaftsideologie war es, dass von den Regenten über die Sicherung der Prosperität ihrer Reiche hinaus verlangt wurde, dem „Okeanos“ – dem die bewohnte Welt umfließenden Strom – zuzustreben und die Weltgrenzen zu überschreiten. Der Besitz exotischer Naturprodukte dokumentierte, dass der Arm der Könige bis an die Weltränder reichte und den Zugriff auf deren Reichtümer ermöglichte. Die Erschließung neuer Seewege eröffnete schließlich die Möglichkeit, die Staatskasse durch Zolleinnahmen zu füllen.
Eine Expedition vom Roten Meer nach Indien und Ostafrika
Zu diesem Zweck organisierten die Großreiche Fernexpeditionen, deren Leitung man gerne erfahrenen Kapitänen aus dem Mittelmeerraum überließ. So soll Hiram I. von Tyros (971– 939 v. Chr.) König Salomo Seeleute übergeben haben, die „mit dem Meer vertraut waren“ (1. Könige 9, 27). Sie segelten mit einer vor Ort gebauten Flotte von Ezeon Geber (das heutige Akaba am Roten Meer) nach Ophir, einer Küstenregion in Westindien, Südarabien oder Ostafrika und brachten große Mengen an Gold, Sandelholz und Edelsteinen zurück (1. Könige 9, 26 – 28; 10, 11).
Auch wenn man die Ophir-Expeditionen heute nicht Salomo, sondern einer früheren hebräischen Königsdynastie zuordnet, an der hebräisch-phönizischen Kooperation ist nicht zu zweifeln. Der Bau der Schiffe am Ausgangshafen entspricht einem Verfahren, das auch in späterer Zeit angewandt wurde. Wahrscheinlich wurden Schiffbauhölzer aus dem Libanon an die Sinai-Küste transportiert und für die Konstruktion von Schiffen verwendet, die für die schwierigen Verhältnisse des Roten Meeres geeignet waren.
Ähnlich spezialisierte Schiffstypen entwickelten die Tyrer für ihre Fernexpeditionen im Mittelmeer. Das Alte Testament erwähnt „Tharsisschiffe“, die alle drei Jahre heimkehrten, „beladen mit Gold, Silber, Elfenbein, Affen und Pfauen“ (1. Könige 10, 22). Der Name der Schiffe geht offenbar auf das Ziel zurück, nämlich das an der andalusischen Küste gelegene Tartessos. Es galt – neben Sardinien – als Dorado des Altertums, die Herren von Tartessos waren für ihre Silberminen am Río Tinto bzw. in der Sierra Morena berühmt.
Grund genug für die Tyrer, um 750 v. Chr. mit Gades (heute Cádiz) einen geschützten Stützpunkt für ihre Schiffe anzulegen. Von hier aus konnte man Fahrten an die afrikanische Küste organisieren und besagte Produkte wie Elfenbein, Affen und Pfauen erwerben. Um die Fracht in die Levante zu transportieren, nutzte man einen „bauchigen“ Schiffstyp (gaulos); ihr hauptsächliches Ziel, nämlich Tartessos, wurde – wie im Fall der Indienfahrer der Neuzeit – zum Synonym für reiche Landungen aus dem Westen.
Wie meist in der Geschichte ermunterten materielle Erfolge Konkurrenten, die ihren Anteil an den Schätzen sowie eigene Wege zu ihnen suchten. Garniert mit der Würze mediterranen Seemannsgarns, befeuerte Tartessos auch die Phantasie griechischer Abenteurer. Wahrscheinlich hat Homer hieraus das Bild des sagenhaften Scheria geformt, der Heimat der Phäaken und ihres Königs, der in einem Palast aus ehernen Wänden und silbernen Säulen den Wein zu schlürfen wusste. Konkretere Informationen besaßen die Regenten des Ostens, insbesondere die Herrscher Ägyptens, die bereits in der Bronzezeit Expeditionen durch das Rote Meer bis nach Südarabien und an die somalische Küste organisiert hatten.





