Auch wenn es heute gerne belächelt wird: Die Astrologie galt Jahrhunderte lang als wichtige Wissenschaft. Noch bis in die frühe Neuzeit schrieb man den Gestirnen Einflüsse auf die Gesundheit zu und angehende Mediziner studierten deshalb auch die Sterne. “Man war der Ansicht, dass Himmelsbewegungen das menschliche Leben und den Körper durch verborgene Strahlen beeinflussen, so wie wir heute akzeptieren, dass der Mond die Gezeiten beeinflusst”, erklärt Lauren Kassell von der University of Cambridge. Dabei waren die Tierkreiszeichen mit bestimmten Körperteilen verknüpft. Die Konstellationen der Gestirne gaben zudem an, wann die Zeit für bestimmte medizinische Behandlungen wie das Aderlassen besonders günstig war.
Heilen mithilfe der Gestirne
“Astrologen wie Forman verstanden, wie diese himmlischen Kräfte wirkten”, sagt Kassell. Von Simon Forman ist bekannt, dass er von der Universität von Oxford flog und auch mehrfach im Gefängnis saß. Nachdem er jedoch 1592 an der Pest erkrankte und sich selbst heilen konnte, änderte er seine Lebensweise und wurde zum Heiler und Astrologen. Er verkaufte nicht nur Heiltränke und Arzneien, sondern richtete sich auch nach der Stellung der Sterne und Planeten, um Leiden vom gebrochenen Herzen bis zum blutigen Ausfluss zu diagnostizieren und zu behandeln. Ab 1597 arbeitete Forman mit Richard Napier zusammen, erst als Schüler dann als Partner.
Die beiden Astrologen erlangten schnell große Bekanntheit und selbst hochrangige Adelige wie der Bruder des Duke of Buckingham, ein Erzbischof und sogar Shakespeares “dunkle Lady” gehörten zu ihren Klienten. Während ihrer Sprechstunden machten sich beide ausführliche Notizen – Name und Alter der Patienten, Zeit und Ort der Behandlung, Anmerkungen zu den Symptomen und Behandlungsempfehlungen sowie zu dem Stand der Gestirne. Auch wenn diese Notizen nur für den Eigengebrauch gedacht waren, überdauerten sie den Lauf der Zeit. Heute sind 66 in Kalbsleder gebundene Bücher mit insgesamt 80.000 Fallbeschreibungen der beiden Astrologen erhalten – eine der umfangreichsten Sammlungen medizinscher Dokumente in der Geschichte.
80.000 Fallbeschreibungen digitalisiert
Nachdem diese Aufzeichnungen rund 400 Jahre fast unbeachtet in der Bodleian Library in Oxford aufbewahrt worden waren, haben Kassell und ihr Team vor zehn Jahren damit begonnen, die elisabethanischen Fallbücher komplett zu digitalisieren. Jetzt ist die Arbeit abgeschlossen. Alle Fälle sind im Internet zugänglich und durchsuchbar. “Die Projektseite rekonstruiert zudem einen Tag im Leben eines Astrologen, seine medizinischen Methoden und die Zutaten seiner Arzneimittel”, erklärt Kassell. “Es gibt sogar ein Namensverzeichnis, dass sich wie ein Telefonbuch des 17. Jahrhunderts liest.”





