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Blind für die dunklen Kapitel
Nach dem Abzug Belgiens aus dem Kongo blieb die Sicht auf die langjährige Herrschaft dort eine idealisierende. Noch schlimmer: Der belgische Geheimdienst beteiligte sich an der Ermordung des kongolesischen Ministerpräsidenten Patrice Lumumba. Erst in jüngerer Zeit gibt es Ansätze zur Aufarbeitung des kolonialen…
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von ANDREAS ECKERT
Eigentlich war alles ganz anders geplant. Die Unabhängigkeitsfeiern in Belgisch-Kongo in der Hauptstadt Léopoldville, dem heutigen Kinshasa, sollten am 30. Juli 1960 feierlich das vermeintliche Zivilisationswerk der Belgier in Afrika und den überstürzten Abzug aus dem Riesenland im Herzen des Kontinents als Ausdruck politischer Weitsicht darstellen. Doch dann zeigte sich, wie gegensätzlich Kolonisierende und Kolonisierte die Welt sahen. Noch einmal offenbarte sich die Kluft zwischen Herr und Knecht in aller Schärfe. Was war geschehen? Der junge belgische König Baudouin (1951 –1993) pries in seiner Rede in paternalistischem Ton die koloniale Herrschaft. Er sprach von der Uneigennützigkeit des belgischen Wirkens in Afrika, von Aufbau und Fortschritt. Staatspräsident Joseph Kasavubu spielte in seiner anschließenden Rede nicht mehr als das freundliche Echo.
Nur Ministerpräsident Lumumba traut sich, die Dinge beim Namen zu nennen
Da holte zu aller Überraschung der junge kongolesische Ministerpräsident Patrice Lumumba zu einer improvisierten Philippika aus. Lumumba, der „Revolutionär ohne Revolution“, wie ihn Jean-Paul Sartre später genannt hat, beschwor in seiner Rede die Leiden seiner Landsleute unter der Kolonialherrschaft. Er sprach von Ausbeutung, von Rassismus und von verletzter Würde. Er rief den konsternierten Gästen des Staatsaktes zu: „Wir haben Ironie, Beleidigungen und Schläge gekannt, die wir morgens, mittags und abends ertragen mussten, weil wir Neger waren. Wer wird vergessen, dass man zu einem Schwarzen ,Du‘ sagte, … weil das ehrenhafte ,Sie‘ allein für die Weißen reserviert war? … Wir wussten, dass es in den Städten herrliche Häuser für die Weißen gab und baufällige Strohhütten für die Schwarzen, dass ein Schwarzer weder in die Kinos gelassen wurde noch in die Restaurants, noch in die Geschäfte für Weiße; dass ein Schwarzer im Rumpf der Schiffe reiste, zu Füßen des Weißen in seiner Luxuskabine.“
Lumumba machte in seiner Rede dem aufgestauten Zorn der Entrechteten Luft. Er beschrieb die Kolonialzeit als Leidenszeit, während der König die Unabhängigkeit als Geschenk darstellte. Lumumba hingegen sprach davon, dass die Kongolesen sie erkämpft hatten. Zudem forderte er einen radikalen Neuanfang. Bezeichnend ist aber, dass er zwar auch von den Opfern sprach, welche die Kongolesen nun für ihre Heimat zu erbringen hätten; er wagte es aber nicht, diese Opfer zu konkretisieren. Wichtig war die Beschwörung des Wir-Gefühls, die eine klare Trennung von Kolonisierenden und Kolonisierten verlangte.
So wurde in Lumumbas Rede die Kolonialzeit zum Inbegriff alles Negativen: eine Zeit der Willkür und des Chaos zwischen goldenem Gestern und nicht minder hoffnungsfrohem Morgen. Interne Konflikte klammerte Lumumba hingegen sorgsam aus. Unerwähnt ließ er etwa den Graben, der die sich an europäischen Vorstellungen orientierenden Schulabgänger von der Bevölkerungsmehrheit trennte. Auch die Interessenkonflikte zwischen Stadt und Land, zwischen Bauern, Angestellten und Arbeitern blieben aus seinem nationalistischen Diskurs ausgeblendet.
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Der desaströse Prozess der Dekolonisation der belgischen Kolonie Kongo in den frühen 1960er Jahren ließ die Weltpresse „Afrika“ sogleich mit dem Wort „Krise“ gleichsetzen. Über sechs Jahrzehnte später ist dieses große und mit vielen Bodenschätzen gesegnete Territorium so weit von Stabilität, Demokratie und sozialem Fortschritt entfernt wie im Sommer 1960. Obgleich damals das Auseinanderbrechen des Kongo nur eine Frage der Zeit schien, sind die Grenzen des Staates bis heute die gleichen geblieben. Belgiens hastige Dekolonisierung im Gefolge entsprechender Schritte von Frankreich und Großbritannien und zusätzlich dynamisiert durch die Proteste in Léopoldville 1959, bei denen rund 50 Menschen starben, vollzog sich auf der Grundlage von Wahlen.
Zwei der kandidierenden Parteien waren stark regional verankert – die in Bakongo konzentrierte ABAKO (Alliance des Bakongo) und die in Katanga beheimatete Conakat. Als einzige Gruppierung entwickelte der von Lumumba angeführte Mouvement National Congolais (MNC) so etwas wie eine nationale Vision und formulierte Kritik am belgischen Kolonialismus. Die komplizierten Aushandlungen nach den Wahlen endeten mit der Einsetzung von Lumumba als Ministerpräsident und von Joseph Kasavubu, Vorsitzender der ABAKO, als Präsident.
Es ist unmöglich zu sagen, ob Lumumbas Vorstellungen von einer kongolesischen Nation je eine Chance gehabt hätten, in konkrete Politik übersetzt zu werden. Ihm blieb jedoch keine Zeit. Einige sehen in ihm einen revolutionären Helden, aber seine Sichtweisen entsprachen ganz den Perspektiven des afrikanischen Nationalismus der 1950er Jahre: Befreiung von einem repressiven kolonialen Regime, der Versuch, eine nationale Identität zu formen, und die Forderung nach sozialer und wirtschaftlicher Unabhängigkeit, die jedoch nicht weiter spezifiziert wurde.
Lumumba war gleichsam über Nacht in ein nun weltweit beachtetes Amt katapultiert worden, besaß jedoch nicht die politische Erfahrung und die internationalen Verbindungen anderer afrikanischer Politiker wie Kwame Nkrumah (Ghana) oder Sekou Touré (Guinea). Seine Rede am Unabhängigkeitstag machte ihn zum Feindbild der Belgier und verschaffte ihm in westlichen Ländern das Image eines Radikalen oder gar eines Kommunisten.
Medien in Europa bedienen sich zutiefst rassistischer Bilder
Die Berichterstattung über ihn war zudem zutiefst rassistisch, wie etwa die Beschreibung des seinerzeit bekanntesten journalistischen „Afrika-Experten“ zeigt: „Aber ist es nun das Mephisto-Bärtchen oder die wie Billardkugeln rollenden Augäpfel hinter den Brillengläsern? Der Mann hat etwas Beängstigendes. Sein Kopf ist der eines afrikanischen Lenin“, berichtete Peter Scholl-Latour in einer Fernsehreportage 1961. Und der Korrespondent der „Welt“ fabulierte in seinem Lumumba-Porträt: „Nur sein Gang verrät ihn. Es ist der geschmeidige, lautlose Gang einer großen Raubkatze, die sich durch den nächtlichen Dschungel bewegt: federnd, gespannt, ständig wachsam.“
Innerhalb von zwei Wochen nach der Unabhängigkeit meuterte die kongolesische Armee, die sich vor allem gegen die fortdauernde Präsenz und Arroganz der belgischen Offiziere richtete. Belgische Verwalter verließen nun in Scharen das Land. Zuvor hatten sie kaum etwas getan, um potentielle afrikanische Nachfolger auszubilden. Dann spaltete sich die rohstoffreiche Katanga-Provinz, deren Gouverneur, Moïse Tschombé, exzellente Kontakte zu Belgien pflegte, vom neuen Staat ab. In diesem Fall blieben die Belgier vor Ort, um die Sezessionisten zu unterstützen. Belgische Minengesellschaften, die den Großteil der Exporteinkünfte des Kongo erzielten, begannen, Steuern an die Regierung in Katanga zu zahlen.
Parallel bemühte sich Lumumba verzweifelt um Unterstützung von außen, darunter auch von der Sowjetunion und ihren Alliierten. Von dort kam wenig Hilfe, aber dieser Schritt verfestigte das Bild von ihm als „Marxist“.
Der Kritiker Lumumba wird ermordet, zerstückelt und in Säure aufgelöst
Sowohl der amerikanische Geheimdienst CIA als auch die Regierung in Brüssel hegten Pläne, den entschiedenen Antikolonialisten zu beseitigen. So hieß es in einer Direktive des belgischen Afrika-Ministers Harold d’Aspremont Lynden vom 6. Oktober 1960: „Das Hauptziel, das es im Interesse des Kongo, Katangas und Belgiens zu verfolgen gilt, ist die endgültige Eliminierung Lumumbas.“
Die Vereinten Nationen sandten mit Zustimmung der kongolesischen Regierung Truppen in das Land, um die Ordnung wiederherzustellen. Allerdings repräsentierten Lumumba und Kasavubu gleichsam zwei unterschiedliche Kongos. Bald darauf entließ Kasavubu Lumumba als Ministerpräsident. Ob er überhaupt dazu die Befugnis hatte, ist zweifelhaft, aber die Vereinten Nationen kooperierten unter Druck der USA und der westeuropäischen Mächte mit dem Präsidenten und nicht mit Lumumba. Die UNO versuchte zugleich, die Situation zur Verbesserung der administrativen Kapazitäten des Kongo zu nutzen, konnte aber nur sehr wenige Verwaltungsfachleute entsenden.
Währenddessen wurde Lumumba unter Hausarrest gesetzt. Es gelang ihm, in seine Heimatregion im Ostkongo zu fliehen, doch wurde er dort von Milizionären aus Katanga gefangen genommen und bald darauf unter Mithilfe des nordamerikanischen und des belgischen Geheimdienstes ermordet. Einem Belgier im Dienst der katangischen Polizei, Gérard Soete, oblag die makabere Aufgabe, Lumumbas Leiche zu zerstückeln und in einem Säurebad zu versenken. Nichts sollte vom Körper des Feindes übrigbleiben, kein Grab an ihn erinnern.
Eine zentrale Figur hinter der Ermordung Lumumbas war Armeechef Joseph Mobutu. Er hatte sich bereits im September 1960 an die Macht geputscht, agierte anschließend einige Jahre im Hintergrund einer Reihe von schwachen Premierministern, um dann 1965 endgültig die Macht zu ergreifen, die er 32 Jahre nicht mehr losließ.
Es mag im unabhängigen Afrika noch grausamere, dümmere und gierigere Herrscher als Mobutu gegeben haben – nur wenige übten jedoch einen so lang andauernden und zerstörerischen Einfluss auf ihr Land aus wie der Mann mit der Leopardenfellmütze. Der Riesenstaat in Zentralafrika fiel unter seiner Ägide trotz des Rohstoffreichtums in den wirtschaftlichen Ruin und wurde zum Inbegriff der „Kleptokratie“ – ein Selbstbedienungsladen für eine kleine korrupte Elite von Politikern, die Staatsgelder in die eigenen Taschen umdirigierte.
So verschwand ein Teil der Luftflotte des Landes, weil Generäle auf eigene Rechnung eine Reihe von Mirage-Kampfflugzeugen verkauften. Und während des Booms der Grundstückspreise in Tokio veräußerte der dortige Gesandte Mobutus das Botschaftsgebäude und transferierte das Geld auf sein persönliches Konto.
Mobutu setzt sich an die Spitze der kongolesischen Kleptokratie
Am gierigsten griff Machthaber Mobutu selbst in die Staatskasse. Ein beträchtlicher Teil der Exportgewinne des Landes wurde direkt auf diverse ausländische Nummernkonten des Staatsoberhauptes überwiesen. Die westlichen Mächte, insbesondere die Vereinigten Staaten, Frankreich und Belgien, die Mobutu in Zeiten des Kalten Krieges als wichtigen Verbündeten betrachteten, tolerierten dieses Gebaren ebenso wie der Internationale Währungsfonds und die Weltbank.
Die Aufarbeitung von Belgiens Rolle bei der Ermordung Lumumbas fand erst Ende der 1990er Jahre durch eine Publikation des Soziologen Ludo de Witte verstärktes öffentliches und politisches Interesse. Im Mai 2000 begann eine Kommission im belgischen Parlament damit, die Umstände dieser Tat genauer zu untersuchen. Das Gremium kam zu dem Ergebnis, dass Belgien eine moralische, nicht jedoch die politische Verantwortung für den Mord trage.
2002 entschuldigte sich der damalige belgische Außenminister Louis Michel zwar bei den Angehörigen und der kongolesischen Bevölkerung für die Rolle der Brüsseler Amtsträger bei der Ermordung. Die Einrichtung eines Fonds’ im Namen Lumumbas zur Förderung der Demokratie im Kongo, wie sie der Untersuchungsausschuss vorschlug, erfolgte bisher jedoch nicht. Auch wurde niemand wegen des Mordes bestraft.
Überhaupt tut sich Belgien schwer mit der Aufarbeitung seiner kolonialen Vergangenheit, einer Vergangenheit, die von den Schrecken der brutalen Ausbeutung unter König Leopold Ende des 19. Jahrhunderts, aber auch durch einen von Gewalt und Rassismus geprägten Alltag im weiteren Verlauf der Kolonialzeit charakterisiert war – ganz so, wie es Lumumba in seiner Rede zur Unabhängigkeit beschrieben hatte.
Erst seit wenigen Jahren, angestoßen nicht zuletzt durch Initiativen wie „Black Lives Matter“ oder „Rhodes Must Fall“, gibt es im Land sichtliche Bewegung in der Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus.
Im Sommer 2022 besuchte der belgische König Philippe (seit 2013) den Kongo und erklärte im Parlament in Kinshasa, dass er „sein tiefstes Bedauern für diese Wunden der Vergangenheit bekräftigen“ möchte. Das Kolonialregime sei durch Paternalismus, Diskriminierung und Rassismus gekennzeichnet gewesen und habe „zu Gewalt und Erniedrigung“ geführt. Nur eines brachte Philippe nicht über die Lippen: eine Entschuldigung. Denn wie die meisten europäischen Mächte fürchtet sich Belgien davor, einen Weg einzuschlagen, der zu umfangreichen finanziellen Reparationen führen könnte.
Kommission kann sich nicht auf eine Entschuldigung einigen
Auch die parlamentarische Kommission, die sich über zwei Jahre mit der kolonialen Herrschaft Belgiens in Afrika auseinandersetzte, mehr als 300 Experten und Vertreter der Diaspora anhörte sowie den Kongo, Ruanda und Burundi besuchte, konnte sich am Ende nicht zu einer offiziellen Entschuldigung durchringen. Im Dezember 2022 verweigerten Vertreter der Liberalen und der Christdemokraten schließlich die Zustimmung zu einer eigentlich bereits abgestimmten Stellungnahme, die wie folgt lautete: „Das Parlament entschuldigt sich bei den kongolesischen, ruandischen und burundischen Völkern für die koloniale Herrschaft und Ausbeutung, die Gewalt und die Greueltaten, die Verletzung der Menschenrechte auf individueller und kollektiver Ebene während dieser Zeit sowie für den Rassismus und die Diskriminierungen, die damit einhergingen.“ Die zögerlichen Politiker wollten es lieber bei einem „Bedauern“ belassen. Eine große Chance war vertan.
Immerhin besteht weitgehende Einigkeit, zahlreiche, während der Kolonialzeit „akquirierte“ Objekte aus dem Museum Tervuren nach Afrika zu restituieren. Und auch der einzige sterbliche Überrest von Lumumba wurde vergangenes Jahr zurück in die Heimat gebracht: ein Zahn. Ein belgischer Polizist, der an der Ermordung beteiligt gewesen war, hatte kurz vor seinem Tod in einem Fernsehinterview zugegeben, diesen Zahn als Trophäe mit nach Hause genommen zu haben.
Der Zahn Lumumbas ist zu einem Symbol geworden für das Unrecht der europäischen Kolonialherrschaft, für die politische Einflussnahme auch nach der Unabhängigkeit, notfalls mit Gewalt. Ein Symbol für die tiefen Wunden, die der Kolonialismus in vielen Teilen Afrikas bis heute hinterlassen hat. Und nicht zuletzt dafür, dass viele europäische Gesellschaften weiterhin nicht bereit sind, sich dem von ihnen begangenen Unrecht zu stellen.
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