Die bisherigen Forschungen zur Geschichte der Medizin im Nationalsozialismus haben sich im wesentlichen auf die Themenbereiche Euthanasie und Humanexperiment konzentriert. Weitgehend ausgeblendet wurde dabei der „normale“ Forschungsalltag, an dem freilich auch gezeigt werden kann, wie sich eine ganze Hochschuldisziplin in den Dienst der NS-Ideologie stellen konnte, ohne dabei in spektakuläre Verbrechen verwickelt zu sein. In besonderer Weise gilt dies, wie Robert N. Proctor in seiner nunmehr ins Deutsche übersetzten Darstellung „Blitzkrieg gegen den Krebs“ zeigen kann, für die Krebsforschung in der Nazizeit. „Der Führer trinkt keinen Alkohol und raucht nicht“, hatte Baldur von Schirach dem deutschen Volk mit erhobenem Zeigefinger zugerufen, um damit gegen Gefahren des Alkohol- und Tabakmißbrauchs zu Felde zu ziehen; doch das „erwählte“ Volk war widerspenstig und verqualmte täglich viele KDF-Wagen (Volkswagen). Daß selbst die SA mit gesponserten Zigarettenmarken wie „Alarm“, „Trommler“ oder „Sturm“ zu diesem Laster beitrug, rief schon wenige Jahre nach der Machtübernahme eine Gesundheitskampagne gegen das Rauchen auf den Plan, die ihr vergleichbares Pendant erst gegen Ende des Jahrhunderts in den USA finden sollte. Gestützt wurde die Antirauchkampagne durch Forschungsergebnisse, die den Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs erstmals belegten (Franz Hermann Müller) und selbst das „Passivrauchen“ als kanzerogen identifizierten. Der aggressiven Plakat- und Zeitungswerbung gegen jede Form von Tabakkonsum konnte sich kaum ein „Volksgenosse“ entziehen. Meßbare Erfolge freilich blieben aus.
Es stellt sich nun die Frage, ob hier unter den Zeichen der NS-Diktatur fürsorgliche Propaganda und in der erfolgreichen Krebsforschung „gute“ Wissenschaft betrieben wurde. Die Antwort „Nein“ drängt sich auf, diente doch auch der Kampf gegen den Krebs und insbesondere der gegen den Raucherkrebs wie die meisten Gesundheitskampagnen des Regimes langfristig der Herstellung eines rassenhygienischen Utopia, das vor Verschmutzung und Verseuchung durch Genußgifte, den Lastern „minderer Rassen“, geschützt werden sollte. Die gesundheitsschädlichen Effekte des Rauchens und Trinkens oder kanzerogener Stoffe in der Arbeitswelt (Asbest, Quecksilber, Blei, Arsen) standen gleichwertig neben anderen „rassezersetzenden“ Fremdkörpern, neben Juden, „Zigeunern“, „Asozialen“ und Geisteskranken. Es ist daher überaus befremdlich, daß der Klappentext des Buches die Anstrengungen der NS-Medizin auf dem Gebiet der Krebsforschung unkritisch als „fortschrittlich“ und „sozial verantwortungsvoll“ apostrophiert. Davon konnte keine Rede sein, denn es wird überdeutlich, daß die „ambitionierte Kampagne“ der Nationalsozialisten „gegen den Krebs“ letztlich nur Teilprojektion des fiktiven Wunschbildes einer rassischen Elitegesellschaft bleibt.
Rezension: Eckart, Wolfgang U.





