Das Wüten elementarer Naturgewalten hat die Menschen von jeher existentiell bedroht und immer wieder vor große Herausforderungen gestellt. Diesem – in seiner Bedeutung kaum zu unterschätzenden – Bestandteil mittelalterlicher Lebenswelt widmet sich das Buch von Kay Peter Jankrift mit dem Titel “Brände, Stürme, Hungersnöte”. Der Autor stellt in einem ersten Teil die zeitgenössische Wahrnehmung von Katastrophen und mittelalterliche Erklärungsmodelle vor, während ein zweiter Teil den Umgang der Menschen mit Naturgewalten und Krankheiten sowie gemeinschaftliche und obrigkeitliche Maßnahmen in den Blick nimmt. Die Sturmfluten der Nord- und Ostsee, das Anschwellen der Flüsse, die ihr Bett verließen, Unwetter, Ratten- und Heuschreckenplagen ebenso wie Erdbebenschübe werden chronologisch einzeln über die Jahrhunderte verfolgt. Es ist auffallend, daß die Beschreibungen der meist hilflos den Gewalten ausgelieferten Zeitgenossen sich vielfach ähneln. Überschwemmungen und Unwetter zogen unweigerlich Seuchen und Hungersnöte nach sich. Der weite Blick des Autors über einen Zeitraum von mehr als 1000 Jahren mußte fast zwangsläufig die historischen Zusammenhänge in den Hintergrund treten lassen. Das ist manchmal zu bedauern. So erfährt man, daß die Sturmfluten in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts schwere Schäden anrichteten, nicht aber, daß die gewaltigen Meeresvorstöße der Stadt Brügge gleichzeitig den Zugang zum Meer eröffneten und die Voraussetzungen für ihren Aufstieg zur flandrischen Handelsmetropole schufen. Im zweiten Teil liegt der Schwerpunkt auf dem Verlauf von Seuchen und den zahllosen Hungersnöten, wobei neben der großen Pest vor allem die Verbreitung und die mittelalterlichen Heilmethoden des sogenannten Antoniusfeuers behandelt werden. Ein Exkurs widmet sich den hygienischen Verhältnissen der mittelalterlichen Stadt. Das Buch schließt mit dem interessanten Phänomen der Himmelszeichen, der Mond- und Sonnenfinsternisse als Vorboten von Katastrophen. Es ermöglicht trotz kleiner sachlicher Fehler einen leichten und gut lesbaren Zugang zum Verhältnis von Mensch und Natur im mittelalterlichen Europa.
Rezension: Schlotheuber, Eva





