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Brot und Würde für Millionen
Der New Deal brachte ein Gewirr von Behörden mit den verschiedensten Abkürzungen hervor. Aus diesen Einrichtungen ragte die „Works Progress Administration“, kurz: WPA, hervor, im Mai 1935 durch ein Präsidentendekret gegründet. Die Einrichtung zur Arbeitsbeschaffung entwickelte sich rasch zur damals größten…
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Auf dem Höhepunkt im November 1938 bot die WPA mehr als drei Millionen Menschen Beschäftigung; in den acht Jahren ihrer Existenz beschäftigte sie insgesamt 8,5 Millionen Menschen und kostete rund elf Milliarden Dollar. All dies reichte nicht aus, um das Problem der Massenarbeitslosigkeit zu lösen – es trug jedoch wesentlich dazu bei, die Herausforderungen der Krise abzumildern. Konkret wirkte die WPA unter anderem maßgeblich an der Schaffung des Luftverkehrsnetzes der USA mit. Sie errichtete zum Beispiel allein in Tennessee Flughäfen in den Städten Memphis, Chattanooga, Knoxville und Nashville.
Die WPA knüpfte an ähnliche Programme an, die die Roosevelt-Administration seit 1933 geschaffen hatte, und steht damit für einen der Hauptansätze, mit denen der New Deal die Große Depression zu bewältigen versuchte. Ein Ziel bestand darin, Millionen Erwerbslose von der Straße zu holen und in Arbeit zu bringen, um die psychischen und sozialen Folgen der Krise zu bekämpfen. Die WPA sollte in Form ihrer Beschäftigungsprogramme den Selbstrespekt und das Arbeitsethos der durch die Krise verunsicherten Menschen erhalten und fördern.
Zentrales Ziel dieser Riesenbehörde ist es, die Infrastruktur der USA zu verbessern
Die an die Mitarbeiter ausgezahlten Einkommen halfen darüber hinaus nicht nur den in der WPA Beschäftigten; zudem sollte dieser Geldfluss die Kaufkraft im Land stabilisieren und die Binnennachfrage stimulieren. Die Entlohnung in der WPA war zwar eher niedrig, sie umfasste nur etwa die Hälfte des nationalen Durchschnittseinkommens. Die Verdienste in der freien Wirtschaft variierten jedoch stark je nach Sektor – besonders für schlecht bezahlte Tätigkeiten in der Landwirtschaft lag das, was die WPA bezahlte, sogar über dem Durchschnittseinkommen auf dem freien Arbeitsmarkt. Insofern pumpte die Works Progress Administration viel Geld ins Land, von dem die Menschen wiederum verschiedenste Produkte kaufen konnten und so die Wirtschaft ankurbelten.
Weiterhin verfolgten die WPA-Projekte den Zweck, die öffentliche Infrastruktur der USA zu verbessern. So baute die WPA Straßen mit einer Gesamtlänge von rund einer Million Kilometern, Zehntausende Brücken sowie neben den Flughäfen zahlreiche andere öffentliche Gebäude. Die WPA legte zudem Parks an und half, historische Stätten zu renovieren. Solche Projekte hatten nicht nur touristischen Wert, sondern sie beflügelten die Wirtschaft, da sie abgelegene Regionen an die großen Märkte anschlossen und damit das Riesenland im Inneren besser vernetzten.
Das galt besonders, weil die Works Progress Administration sich auch an übergreifenden Infrastrukturprojekten wie der „Tennessee Valley Authority“ im Süden des Landes beteiligte – dieses Megaprojekt diente dazu, das gesamte Tal des Tennessee River ökonomisch und sozial zu entwickeln. Über allen praktischen Nutzen hinaus standen die Projekte der Behörde für einen Prozess nationaler Selbstvergewisserung, mit dem die Verantwortlichen hofften, unter staatlicher Obhut einen neuen Zusammenhalt zu fördern. Wer heute durch die USA reist, entdeckt vielerorts Hinterlassenschaften, denen die WPA und andere Einrichtungen des New Deal ihren Stempel aufgedrückt haben.
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Die Works Progress Administration ist somit ein Paradebeispiel für die neue Rolle jenes aktiven Staats, den der New Deal im Amerika der 1930er Jahre schuf. Die WPA war auch nach 1935 keineswegs das einzige Arbeitsbeschaffungsprogramm der Roosevelt-Administration, sondern sie verweist auf die geradezu labyrinthische organisatorische Struktur der damaligen politischen Maßnahmen: Wie auch in anderen Bereichen ließ der Präsident oft parallel mehrere neue Behörden mit ähnlichen Zielen errichten; hinzu kamen oft bereits bestehende Einrichtungen, die man mit neuen Kompetenzen ausstattete.
Dieses Nebeneinander führte zu Reibungsverlusten, aber auch zu Wettbewerb zwischen den verschiedenen Behörden und ihren Führungspersonen. Harry Hopkins, der die WPA seit ihrer Gründung 1935 leitete, hatte zuvor andere Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen des New Deal geführt und baute vor allem darauf, die vorhandenen Mittel schnell einzusetzen und so in kürzester Zeit möglichst vielen Menschen zu helfen. Er war sogar bereit, Orchester für Biergärten aus öffentlichen Mitteln zu fördern, da die Trinkenden so mehr Spaß hätten und man zugleich die Arbeitslosigkeit reduziere. Kein Wunder, dass ein anderer New Dealer einmal über Hopkins sagte, dieser habe einen „Verstand wie eine Rasierklinge, eine Zunge wie ein Abhäutemesser und das Temperament eines Tataren“. Innenminister Harold L. Ickes dagegen, der mit der „Public Works Administration“ (PWA) die Verantwortung für eines der anderen großen Programme in diesem Bereich übernahm, handelte deutlich vorsichtiger. Er legte großen Wert darauf, jeden von der öffentlichen Hand bereitgestellten Dollar so sinnvoll wie möglich anzulegen.
Mancherorts dient das Geld zur Versorgung der politischen Basis
Während die WPA insgesamt viele zweckmäßige und erfolgreiche Projekte vorantrieb, kam es häufig zu Leerlauf und sinnlosen Tätigkeiten, die jedoch angesichts der Größe und der Geschwindigkeit, mit der die Projekte aufgesetzt wurden, kaum vermeidbar waren. Hätte man skrupulöser gehandelt, wären viele Maßnahmen wohl nie über die Planung hinausgekommen.
Die Probleme des gewählten Ansatzes lagen dennoch auf der Hand. Entsprechend harsch fiel die Kritik aus. Besonders Arbeitgeberkreise polemisierten, der Staat verschwende Geld und bezahle Menschen für das Faulenzen. Der WPA wurde unterstellt, das Land „in den Sozialismus“ zu führen und politischem Nepotismus Vorschub zu leisten, etwa indem man Vorhaben vor allem in Wahlkreisen politischer Unterstützer fördere.
Während der Sozialismus-Vorwurf in die Irre lief, kam es tatsächlich häufig zu Missbrauch der Mittel aus ökonomischen und politischen Gründen. Die WPA war eine staatliche Umverteilungsmaschine, die verdienstvollen Politikern der regierenden Demokraten und genehmen Vertretern der Republikaner Mittel in die Kassen spülte, um ihre eigene Basis zu stärken. So sprach zum Beispiel der Roosevelt nahestehende republikanische Bürgermeister von New York, Fiorello La Guardia, ein gewichtiges Wort mit, wie man die Gelder in seiner Stadt ausgeben sollte. Mancherorts, wie in Missouri oder New Jersey, wurden WPA-Mittel in skandalöser Weise für direkte Wahlunterstützung und Parteipolitik abgezweigt. Insofern war die Kritik an der WPA und ähnlichen Programmen, von der man besonders in der konservativen „Chicago Tribune“ lesen konnte, keineswegs haltlos.
Allerdings hatten manche der Vorwürfe eindeutig rassistische Untertöne. Weiße Arbeitgeber polemisierten etwa dagegen, dass sie nun auf dem freien Arbeitsmarkt Probleme hatten, schwarze Arbeitnehmer für extrem schlecht bezahlte Jobs zu finden. Insofern half die WPA vielen Menschen, die besonders unter der Krise und unter Diskriminierung zu leiden hatten, zog genau deswegen aber auch massive Kritik auf sich.
Gerade für die schwarze Bevölkerungsminderheit, die aufgrund einer langen Vorgeschichte von Diskriminierung mehr unter der Krise litt als andere Bevölkerungsteile, eröffnete die WPA neue Perspektiven und brachte vielen Arbeit und Brot. Bezogen auf ihren Bevölkerungsanteil, waren Schwarze in der WPA deutlich überrepräsentiert, gemessen an ihrer Bedürftigkeit aber zumindest phasenweise unterrepräsentiert. Ferner setzte das WPA zumeist auf rassistisch segregierte Arbeitsgruppen und vergab – besonders im Süden – kaum Führungspositionen an Schwarze. Die WPA wurde so zum Spiegel eines Amerika, das mit seiner langen Geschichte rassistischer Diskriminierung kämpfte. Die Behörde versuchte jedoch immer wieder, mehr Gleichberechtigung zu erreichen, und erwies sich als lernfähig. Nach Protesten erhielten zum Beispiel zumindest mancherorts auch Menschen mit Behinderungen Zugang zur WPA.
Während das Gros der in der WPA Beschäftigten wenig qualifizierten Tätigkeiten nachging, also harte, körperliche Arbeit im Vordergrund stand, fand sich unter ihrem Dach auch eine Reihe von weiteren Programmen. Interessant sind jene, die als „Federal Project Number One“ bekannt wurden. „Federal One“, wie die meisten Zeitgenossen sagten, richtete sich an Schauspielerinnen und Autoren, Musiker und Künstlerinnen, und es bot ihnen die Möglichkeit, mit staatlicher Hilfe weiterhin kreativ arbeiten zu können. Inspiriert war dieser Ansatz nicht zuletzt durch ein ähnliches Programm in Mexiko – auch wenn das damals wenig bekannt war. Große Künstler der amerikanischen Moderne wie Jackson Pollock und Mark Rothko profitierten von diesem Programm.
Manches, was an Kunst in jener Zeit entstand, folgte sehr freien Formen. Häufig ging es jedoch um die Verschönerung öffentlicher Gebäude und darum, die eigene nationale Kultur zu sichern und sichtbar zu machen. So führten etwa Theaterprojekte im Rahmen von „Federal One“ Stücke des Dramatikers Eugene O’Neill auf, während andere der afroamerikanischen Erfahrung von Sklaverei und Freiheitskampf eine Bühne gaben oder alte Lieder und Gedichte sammelten. Für das kollektive Gedächtnis der Nation sind die Sammlungen, die im Namen der WPA entstanden, bis heute eine reiche Quelle.
Wie verschlungen die institutionellen Wege des New Deal waren, zeigt sich daran, dass zum Beispiel auch die „National Youth Administration“ (NYA) phasenweise Teil der WPA war. Diese Agentur des New Deal setzte sich vor allem zum Ziel, das (Aus-)Bildungsniveau von Amerikanerinnen und Amerikanern zwischen 16 und 25 Jahren zu verbessern. Die NYA kämpfte so gegen die besonders grassierende Jugendarbeitslosigkeit.
Wer eine Highschool oder eine Universität besuchte und die Ausbildung aus finanziellen Gründen nicht weiter fortsetzen konnte, wandte sich an die NYA, um finanzielle Hilfe zu erhalten. Im Gegenzug mussten die Geförderten in Teilzeit arbeiten, etwa als Hausmeister oder Gärtnerin. Aber auch Aus- und Fortbildung standen auf dem Programm. Die NYA spielte eine wichtige Rolle dabei, dass durch die Weltwirtschaftskrise keine verlorene Generation junger Menschen entstand.
Die WPA mit ihren vielen Facetten war ein zentraler Baustein des New Deal. Zugleich war der Ansatz, den sie verfolgte, das Ergebnis globaler Debatten und Austauschprozesse. Massenarbeitslosigkeit war in den 1930er Jahren kein neues Phänomen. Schon lange vor 1935 hatten sich Expertinnen und Experten verschiedener Länder darüber ausgetauscht, welche Wirkung Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen im Kampf gegen die Krise haben würden, aber noch nie wurde dieses Instrument global so konsequent und in solchem Umfang eingesetzt wie im Kampf gegen die Große Depression nach 1929.
Weltweiter Wettbewerb zwischen Demokratien und Diktaturen
Der Völkerbund in Genf spielte eine herausragende Rolle dabei, Wissen über die Programme in so unterschiedlichen Staaten wie El Salvador, Südafrika, Neuseeland, China und Irak auszutauschen. Auch das nationalsozialistische Deutschland setzte in den ersten Jahren nach der Machtübernahme massiv auf dieses Instrument und pries seine Wirkung im Kampf gegen die Krise. Viele Zeitgenossen meinten daher, Diktaturen seien den demokratisch geführten Staaten im Krisenmanagement überlegen.
Unter den verbliebenen Demokratien der Welt waren die USA das wichtigste Land, dass massiv auf Arbeitsbeschaffung setzte – Großbritannien zum Beispiel gab deutlich weniger Mittel dafür aus. Die WPA und ähnliche Programme des New Deal waren somit nicht nur für die USA wichtig. Im globalen Wettstreit darüber, wie die Weltwirtschaftskrise am besten zu bekämpfen sei, verdeutlichten sie die Vitalität und Schlagkraft eines demokratischen Ansatzes.
1943, als sich das Problem der Massenarbeitslosigkeit aufgrund der Kriegskonjunktur erledigt hatte, stellte die WPA ihre Arbeit ein. Als die Auflösung beschlossen wurde, dominierte der Krieg die Schlagzeilen. Das sang- und klanglose Ende der WPA verdeutlichte sich daran, dass die „New York Times“ ihren Nachruf auf die einst so mächtige Behörde erst auf Seite 9 brachte, neben der Geschichte zur Verurteilung eines Musikers wegen eines Drogendelikts. Dass die USA sich mittlerweile ganz anderen Fragen zuwenden konnte, hatte jedoch ganz wesentlich mit der Rolle zu tun, die Arbeitsbeschaffungsprogramme wie die WPA in den Jahren zuvor im Kampf gegen die Große Depression gespielt hatten.
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