Streit um Troia Nicht jeder reißerisch klingende Buchtitel übertreibt: Tatsächlich ist das im äußersten Nordwesten Kleinasiens gelegene und mit dem Namen „Troia“ bedachte Örtchen Hisarl lk seit über 100 Jahren immer wieder Schauplatz und Bezugspunkt teils heftiger Auseinandersetzungen in Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit. Für den Tübinger Althistoriker Frank Kolb, den Protagonisten der einen Seite, geht es um die Aufdeckung eines Skandals: Die seit 1988 am vermeintlichen Burghügel von Troia unter deutscher Finanzierung und Leitung (Manfred Korfmann) durchgeführten Grabungen, so seine Meinung, genügten in keiner Hinsicht den Standards von Wissenschaftlichkeit. Und: Diese „Pseudowissenschaft“ sei getragen und motiviert von politischen Interessen. Die dafür von Kolb detailreich vorgetragene und den Sachstand souverän überblickende Argumentation ist so überzeugend, dass mit diesem Buch jede rationale Auseinandersetzung eigentlich beigelegt sein müsste. Der Beweisgang ruht auf zwei Pfeilern: der wissenschaftsgeschichtlichen bzw. methodischen Bestandsaufnahme sowie der Analyse der politischen Hintergründe. Allgemeingültige methodische Probleme im Umgang mit historischen Quellen und bei der Konstituierung von Geschichte demonstriert seine Darstellung der Geschichte des TroiaMythos von der Antike bis zur Gegenwart und dessen Lokalisierung in der Troas. Gleiches gilt für das Pro und Kontra zur Frage der Historizität des Troianischen Krieges, die Rekonstruktion der politischen Landkarte Kleinasiens im 2. Jahrtausend v. Chr. und möglicher Verbindungen zum TroiaStoff sowie die Aufbereitung 58
des archäologischen Befunds von Schliemann bis Korfmann. Ohne dass der Autor dies ausdrücklich beabsichtigt hätte, ließe sich aus seiner wohlorganisierten und materialgesättigten Darstellung ein Exempel für jeden historischen Unterricht gewinnen. Ebenso wertvoll ist dieses Buch aber durch die minutiöse Nachzeichnung der bis ins Persönliche reichenden heftigen Kontroverse, die der Autor und andere namhafte Vertreter der Altertumswissenschaften mit den Kontrahenten (neben Korfmann vor allem Joachim Latacz) ausgetragen haben, sowie durch die Aufdeckung der hinter dem TroiaProjekt stehenden wirtschaftlich-politischen Interessen und eines zeitweise geradezu hermetischen Medienkartells. Troia als bedeutende anatolische Handelsmetropole der späten Bronzezeit, als Drehscheibe zwischen Ost und West – diese, wie Kolb zeigt, nicht haltbare Deutung der Grabungsergebnisse arbeitet bewusst den Bestrebungen der Türkei nach Aufnahme in die EU in die Hände, öffentlich und politisch von höchster Stelle dort wie hierzulande begrüßt und gefördert. Treffend und aufschlussreich ist schließlich auch das erschütternde Bild, das Kolb vom Verfall der wissenschaftlichen Standards und Gepflogenheiten vor dem Hintergrund von Ökonomisierung und politischer Indienstnahme
Frank Kolb, Tatort „Troia“. Geschichte – Mythen – Politik. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn/München/Wien 2010, 310 Seiten, € 29,90.
der deutschen Universität zeichnet; der Boden, auf dem solche Skandale wachsen. Am Schluss aber wird der Blick auf das Wesentliche gelenkt: auf Homers Dichtung, aus der erstmals europäischer Geist spricht. Prof. Dr. Michael Stahl





